13. Januar 2016

Der Kölner Skandal und seine Folgen Opfer und Täter

Direkt und indirekt

Artikelbild
Bildquelle: Photoman29 / Shutterstock.com Ihr Ruf hat nach der Silvesternacht gelitten: Flüchtlinge

Wer die direkten Opfer der Kölner Silvesternacht sind, sollte wohl einigermaßen klar sein. Mittlerweile liegen offenbar mehr als 100 Anzeigen von Frauen vor, die sexuell belästigt, bedrängt oder beraubt wurden, offenbar entsprechen einige Taten der Definition einer Vergewaltigung. Diese Frauen sind die ersten Opfer dieser Vorkommnisse, und ich muss mir an die eigene Nase fassen, dass sie auch bei mir – wie in der überwiegenden Berichterstattung – nicht an erster Stelle meiner Kommentare dazu standen. Und es sind ja nicht nur diese Frauen: Mit den Traumatisierungen, die sie dort erfahren haben, werden in den kommenden Wochen, Monaten, vielleicht Jahren, auch Ehemänner und Freunde, Kinder und Eltern, Freundinnen und Freunde zu tun haben. Für diese Frauen und ihr Umfeld ist nach dieser Nacht erst mal nichts mehr, wie es war.

Sie sind die Opfer, und die Täter sind ebenfalls recht klar, auch wenn man sie nicht individuell identifizieren kann. Nach den letzten Berichten handelt es sich bei den Tätern um nordafrikanische oder arabische Männer, manche offenbar schon länger in Deutschland lebend, manche als Flüchtlinge erst vor kurzem aus Syrien gekommen. Das sind die Täter, und das ist unbestritten.

Diese Täterschaft wurde lange vertuscht, und ich habe in anderen Beiträgen auf Facebook bereits deutlich gemacht, dass ich nicht glauben kann, dass das alleine der Kölner Polizei anzulasten gewesen wäre. Natürlich war die erste Aussage, dass es sich um eine ruhige Nacht gehandelt habe, eine krasse Fehleinschätzung, dass dann aber anschließend nur nach und nach die Wahrheit ans Licht gekommen ist, und immer erst unter dem Druck der Berichterstattung – ja, es gibt in Deutschland auch noch eine verantwortliche Presse! –, ist ein echter Skandal. Und das nicht nur wegen der Tatsache an sich:

Offenbar war die Polizei in Köln extrem überfordert. Nach Medienberichten liegt das an der Personal- wie auch an der Sachausstattung, die ein konsequentes Durchgreifen nicht ermöglicht hat. Und die Polizeiberichte der Nacht, die zwischenzeitlich veröffentlicht sind, weisen darauf hin, dass dieser Zustand bereits schnell erkennbar war. Dass am nächsten Morgen dennoch eine andere Schlussfolgerung gezogen wurde, kann man nicht den einzelnen Polizeibeamten anlasten, die zu Silvester, als alle anderen feierten, ihre Köpfe für die Sicherheit der Menschen hingehalten haben. Und über ihre Köpfe hinweg wurde entschieden, dass man das wohl besser vertuschen sollte. Darum sind die beteiligten Polizisten ebenfalls Opfer der Nacht. Wie muss es um ihr Vertrauen in ihre Führung aussehen, wenn man sie in dieser Weise hängen lässt? Und glaubt jemand wirklich, die Entscheidung über diese Kommunikation habe der Kölner Polizeipräsident alleine getroffen?

Als nicht mehr geheimzuhalten war, dass die Silvesternacht chaotisch verlaufen ist, wollte man zunächst mal nichts von der Herkunft der Täter wissen. Die betroffenen Frauen hatten Aussagen gemacht und mussten nun aus den Medien erfahren, dass diese nicht ernst genommen wurden. Sie hatten die Gesichter der Täter noch vor Augen und nun sollte nicht mehr klar sein, dass es sich um offenbar nordafrikanische und arabische junge Männer gehandelt hat. Das macht diese Frauen erneut zu Opfern – wie muss es um ihr Vertrauen in den Rechtsstaat aussehen, wenn mit ihnen so umgegangen wird?

Dann hieß es, es habe sich nicht um Flüchtlinge gehandelt – was die beteiligten Polizisten bereits besser wussten. An dieser Stelle ist einigen von denen die Geduldsschnur gerissen, und sie haben sich an die Medien gewandt, die das Thema auch in der Mehrzahl aufgegriffen haben. Nachdem sich der eine oder andere bereits im Vorfeld gefragt hat, wie es sein kann, dass man die Täter zwar nicht identifizieren konnte, aber sicher war, dass es sich nicht um Flüchtlinge gehandelt habe, und bereits der Verdacht der Vertuschung in der Luft lag, hat sich dieser damit bestätigt. Das tiefere Problem dahinter: Diejenigen, die in den Flüchtlingen ohnehin eine Bedrohung sehen, am liebsten niemanden reinlassen wollen, sie sehen sich umso mehr bestätigt. Hätte man zu Beginn vielleicht noch argumentieren können, dass es sich um spezielle Sonderfälle gehandelt habe, stehen jetzt die Flüchtlinge wieder in Summe am Pranger, auch die, die gerade vor Zuständen wie denen vor dem Kölner Hauptbahnhof geflohen sind. Auch sie sind Opfer, Opfer der Vertuschungen, weil sie nun noch mehr als sowieso schon unter Generalverdacht stehen und weil die Legitimität der schrägen Flüchtlingspolitik der Regierung auf ihrem Rücken gewahrt werden sollte.

Die ersten Opfer und die ersten Täter sind also klar. Aber die betroffenen Frauen sind zum zweiten Mal Opfer geworden. Die Polizisten, die an dem Abend im Einsatz waren und versuchten, sich für die Sicherheit der Feiernden einzusetzen, sind ebenfalls Opfer. Und der Großteil der Flüchtlinge, von dem ich immer noch überzeugt bin, dass sie unabhängig von Fluchtgrund, Asylaussichten und Religion im Grunde friedliebende Menschen sind, sind ebenfalls Opfer dieses Skandals. Aber während die ersten Täter klar sind, wird es bei den Tätern zu diesen Opfern schwieriger. Eines ist klar, die ersten Täter tragen keine Schuld an diesem Skandal – und vermutlich liegt man nicht verkehrt, wenn man die Schuldigen neben der Polizeiverwaltung in Medien und Politik sucht. Mein Vertrauen in die Integrität führender deutscher Politiker, die sich dazu in den vergangenen Tagen zu Wort gemeldet haben, ohnehin schon nicht weit ausgeprägt, hat sich jedenfalls aufgelöst. Vermutlich erhält man auf die legitime Frage nach den Tätern die mittlerweile sprichwörtliche Antwort: Ein Teil der Antwort könnte die Bevölkerung verunsichern!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Silvesternacht in Köln

Mehr von Felix Honekamp

Über Felix Honekamp

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige