30. Dezember 2015

Gedanken zum Jahreswechsel Stürmische Zeiten

Über Deutschland und die Welt sowie die Bedeutung von eigentümlich frei

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Bildquelle: shutterstock 2016: Wir wagen den Sprung!

Kürzlich habe ich gelesen, dass die Deutschen sich nach den 80er Jahren zurücksehnen. Kein Wunder, waren doch die frühen und mittleren 80er eine Zeit ohne große Brüche und Veränderungen. Helmut Kohl wurde Kanzler, ließ die versprochene Wende ausfallen und machte einfach dort weiter, wo der Sozialdemokrat Helmut Schmidt aufgehört hatte. Nur ein paar Namen waren neu in der Regierung – Norbert Blüm oder Rita Süssmuth –, ansonsten hieß es von nun an: Weiter so!

Die frühen 80er Jahre läuteten die bis heute de facto regierende Allparteienkoalition ein, die es sich bequem und lukrativ eingerichtet hat in unserem, besser: ihrem, Staatsapparat (der dabei nur immer größer und fetter wurde und die Freiheiten der Bürger und Nettosteuerzahler Stück für Stück auffraß). Nach und nach übernahmen die Schwarzen auch die roten Ziele, und die einstmals bürgerliche Presse tat es ihnen gleich, so dass heute alle dasselbe wollen und schreiben und es keinen Unterschied mehr macht, wenn statt Schwarz-Rot einmal Schwarz-Gelb oder Rot-Grün regieren. Bei den großen und milliardenschweren alternativlosen Subventionen zugunsten ausgewählter Profiteure und Lobbygruppen sind sich ohnehin alle einig.

Alle? Nein, der tiefe Riss, der noch in den 70ern in allen wesentlichen Fragen die großen Parteien und Medien teilte, verläuft jetzt zwischen Establishment und neuen Alternativen. Konkreter: Die Etablierten tun alles dafür, die Herausforderer aus dem Diskurs auszugrenzen, sie persönlich zu denunzieren, zu diffamieren und notfalls zu spalten, sie zu Unberührbaren zu erklären. Wer nicht für den Euro und die EU, für die NATO und ihre Regime-Change-Aktionen, Frauenförderung und den neuen Gender-Menschen, Schulzwang, Kinderverwahranstalten und Frühsexualisierung, die stete Aushöhlung von Privateigentum, Religion, Familie und Tradition, für Klima-Ersatzreligion, Massenzuwanderung, staatliche Propagandasender, Entwaffnung der Bürger und den unerschrockenen Kampf gegen rechts, kurz: wer nicht für das Primat der Politik vor der Vernunft ist, der ist Pack und Schlimmeres, vor dem muss mahnen und warnen, wer noch etwas werden will in den gut geölten Strukturen.

Wenn es eine Lehre aus dem Jahr 2015 mitzunehmen gibt, dann diese: Es wird langsam ungemütlich, auf allen Seiten der Barrikaden. Die durch immer mehr Schulden und auf Scheingeld aufgebauten Krisen, die man vorgibt, mit nur noch mehr Schulden und Scheingeld irgendwie überwinden zu können, werden tatsächlich unbewältigt größer. Und die durch politische Willkür hervorgerufenen Verwerfungen werden immer sichtbarer. Tugend wurde zur Untugend erklärt und Untugend zur Tugend gemacht. Soziale Verantwortung wurde zur Verantwortungslosigkeit und pure Ungerechtigkeit zur sozialen Gerechtigkeit, Hass und Intoleranz gegenüber andersdenkenden Minderheiten zu Mut für Toleranz und umgekehrt. Der Ökonom und Philosoph Hans-Hermann Hoppe beschrieb das kürzlich so: „Aggression, Invasion, Mord und Krieg sind in Wirklichkeit Selbstverteidigung, während Selbstverteidigung Aggression, Invasion, Mord und Krieg ist. Freiheit ist Zwang, und Zwang ist Freiheit. Sparen und Investition sind Konsum, und Konsum ist Sparen und Investition. Geld ist Papier, und Papier ist Geld. Steuern sind freiwillige Zahlungen, und freiwillig beglichene Preise sind ausbeuterische Steuern. Verträge sind keine Verträge, und keine Verträge sind Verträge. Produzenten sind Parasiten, und Parasiten sind Produzenten. Enteignung ist Entschädigung, und Entschädigung ist Enteignung. Selbst das, was wir sehen, hören oder anderweitig wahrnehmen, existiert nicht, und das, was wir nicht sehen, hören oder anderweitig wahrnehmen können, existiert. Das Normale ist unnormal, und das Unnormale ist normal. Schwarz ist weiß, und weiß ist schwarz. Männlich ist weiblich, und weiblich ist männlich, und so weiter.“

Und wer auf diesen ganzen Schmarrn nur hinweist, der ist ein Nazi, ein Hassprediger, ein Menschenfeind, mit dem auch nur zu reden unanständig ist. So weit sind wir gekommen im auslaufenden Jahr 2015. Wer glaubt, dass sich all das im nächsten Jahr auf wundersame Weise entspannt, der ist wohl leider ein unverbesserlicher Optimist.

Nein, man muss kein großer Wahrsager sein, um vorherzusehen, dass sich die Lage auch im Jahr 2016 weiter zuspitzen wird, mit neuen, heftigen Krisensymptomen wie zuletzt Kriegen, Terror und Massenzuwanderung, mit zunehmender Unbarmherzigkeit, aber auch Unbeherrschtheit der Herrschenden und immer mehr Menschen nicht nur in Osteuropa, die diesen und ihren Claqueuren kein Wort mehr glauben. Solche Zeiten mögen einmal rückblickend mit anderen verglichen werden, nur sicher nicht mit den frühen 80ern. Vielleicht wird das Jahr 2016 wieder einmal deutsche Geschichte schreiben. Aber welche? Wie 1914? 1918? 1933? 1945? 1953? 1961? 1968? 1989?

Für uns Chronisten bei eigentümlich frei sind die sich gegenseitig verschärfenden Krisensymptome eine große Herausforderung. Das vergangene Jahr war für ef ein sehr erfolgreiches. Die Zahl der Abonnenten ist netto wieder einmal um knapp zehn Prozent gestiegen. Herzlichen Dank für diesen großen Vertrauensvorschuss!

Wir konnten auch 2015 wieder hervorragende Autoren hinzugewinnen, über jeden einzelnen freue ich mich. Der neue ef-Kolumnist Thilo Sarrazin sei stellvertretend genannt, zeigt er doch mit seinem Lebenslauf ganz persönlich auch: Wunder gibt es immer wieder! Sarrazin bekennt in seinem Vorwort zum jüngsten Buch von Klaus-Peter Willsch, „als staatsgläubiger deutscher Ministerialbeamter sozialisiert“ worden zu sein, um sich dann ob der ständigen Rechtsbrüche der Regierung „beinahe zum Anarchisten“ gewandelt zu haben. Der ehemalige Zentralbanker plädiert heute für Edelmetalldeckung und private Währungskonkurrenz, um das Geld „dem politischen Zugriff“ zu entziehen. Sarrazin, ein Mann mit Charakter, vor dem ich meinen Hut ziehe!  

Zum ersten Mal haben wir im April und im November zwei Konferenzen durchgeführt – und beide, im Rheinland und an der Ostsee, waren hoch spannend, erfolgreich und machen Lust auf mehr. Wir Autoren durften viele alte und neue Leser persönlich kennenlernen und möchten auch in Zukunft von dieser wichtigen Rücksprachemöglichkeit profitieren. Thematische Anlässe für neue Konferenzen werden sich 2016 finden lassen.

Im Mai 2015 erhielt ich die Roland-Baader-Auszeichnung in Hamburg. Für diese besondere Ehre möchte ich noch einmal Steffen Krug und seinem Institut für Austrian Asset Management, Daniel Baader, Thorsten Polleit und Christian Hoffmann herzlich danken!

Unser kleines Team in der ef-Zentrale in Düsseldorf konnten wir 2015 um einen Mann aufstocken, so dass neben Henning Lindhoff, Ulrich Wille und mir jetzt auch Martin Moczarski im Hauptquartier auf der Schanzenstraße für Sie täglich im Einsatz ist.

Warum machen wir das alles? Mein alter Freund und Mitstreiter Roland Pimpl hat einmal scherzhaft als einen von drei Gründen die vielen Skurrilitäten genannt, die man mit einem solchen einzigartigen Projekt in der Medienlandschaft erleben darf. Ich möchte diese etwas unstrukturierten Gedanken zum Jahreswechsel nutzen, drei Anekdoten dieser Art aus dem Jahr 2015 zu erzählen, oder besser: anzudeuten.

Der erste flog auf zu Jahresbeginn, ein Hochstapler, an dem nichts, vermutlich am Ende wirklich gar nichts, echt war, hatte uns alle genarrt, diverse Kongressveranstalter als Redner, libertäre und konservative Zeitschriften sowie mehrere Buchverlage als Autor, sogar eine um ihren Ruf besonders besorgte ehrwürdige Gesellschaft als regionaler Leiter – der Mann war an vielen Stellen und bis ins Detail so dreist und durchtrieben, dass diese Geschichte wirklich filmreif ist. Und die „liberale Szene“ ist nicht einmal die erste, die er getäuscht und teilweise auch um Geld betrogen hat. Er kommt nicht aus Bielefeld, so viel sei verraten. Momentan ist „Fantomas“ mal wieder abgetaucht. Beim letzten Mal dauerte das zehn Jahre, aber man darf jetzt schon gespannt darauf sein, wo und als wer und was er eines Tages wieder auftaucht...

Die zweite Geschichte ist die jüngste und erst wenige Tage alt. Ein bekannter Redakteur einer renommierten überregionalen Tageszeitung rief einen Freund von mir an, aus „Sorge um die AfD“. Der Freund solle doch bitte auf mich einwirken, so dass in ef dieser „gefährliche Björn Höcke“ nicht mehr verteidigt werde, Lichtschlag solle doch bitte „taktisch denken“, damit es der AfD am Ende nicht schade. Nochmal zum Mitschreiben: Ein bekannter Redakteur einer renommierten überregionalen Tageszeitung ruft aus Sorge um die AfD...

Die dritte Anekdote möchte ich auch ohne Namensnennung und wie folgt erzählen. Stellen Sie sich einen Herrn vor, der seit Jahren berufsbedingt im Ausland lebt, plötzlich aber vor knapp zwei Jahren auf liberalen Kongressen und Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum auftaucht. Der Mann ist sehr charmant, überaus höflich und auf den ersten Blick zurückhaltend, von schneidender Intelligenz. Er ist – wie übrigens der oben beschriebene besorgte Journalist – gar kein Leser von eigentümlich frei, sucht aber sonderbar interessiert das Gespräch, in diesem Fall mit mir.

Wir haben uns sehr lange unterhalten. Unser Gegenüber verhielt sich wie ein Psychiater oder Beichtvater, der sehr um mein Wohl besorgt sei. Ich habe lange nicht verstanden, worauf er hinauswollte, und hörte also zu. Ich dürfe mich nicht mit diesen und jenen unterhalten, das sei ein schwerer Fehler. Denn diese seien „gefährlich“.

Ich habe ihm erklärt, was ich so alles für wesentlich gefährlicher halte, allen voran die Politik der Bundesregierung, und dass doch wohl gegen Gespräche nichts zu sagen sei, in denen man schlicht Gemeinsamkeiten und Gegensätze feststelle. Nein, raunte er, ich wüsste gar nicht, „auf was ich mich da einlasse“. Da war er zum ersten Mal, der drohende Unterton des doch sehr angenehmen und hoch gebildeten Gesprächspartners.

Wir drehten uns an der Stelle schnell im Kreis, denn auf die von mir eingeworfenen wirklichen Gefahren wollte er gar nicht eingehen, er war ja nur besorgt um mich. Dann wurden wir unterbrochen, und ich hakte das Treffen schon innerlich ab, aber das Gespräch flammte anschließend erst richtig auf, und er wurde plötzlich sehr konkret. Er hatte nämlich ein dringendes Anliegen: Ich müsse mich unbedingt von radikalliberalen Anarchokapitalisten auf der einen Seite sowie von konservativen Reaktionären auf der anderen Seite trennen, insbesondere von Hans-Hermann Hoppe sowie von Michael Klonovsky. Beide nämlich „tragen Hass in ihrem Herzen“. An der Stelle tauschte er plötzlich noch die Peitsche gegen Zuckerbrot und meinte, für eine entsprechend neu positionierte Zeitschrift stünden „ganz sicher seriöse Sponsoren“ bereit, die den Verlust an Lesern „mehr als kompensieren“ könnten.

Ich deutete sehr vorsichtig an, dass seine Aussagen über anderer Leuts Herzen ja auch sein Inneres spiegeln könnten, und erwiderte, dass ich diese beide Autoren als Menschen und Autoren besonders schätze und dass sie doch gerade in ihrer Spannweite das besondere Spektrum repräsentierten, das unsere Leser zu schätzen wissen. Und nein, natürlich würde ich seinem sicher nur gut gemeinten Ratschlag hier nicht folgen.

Daraufhin war das Gespräch sehr schnell zu Ende. Später erfuhr ich, dass dieser Dialog Teil einer abgesprochenen Aktion war und die implizite Drohung in Form einer handelsüblichen „öffentlichen Distanzierung“ (eines Dritten) schnell umgesetzt wurde. Womit wir feststellen dürfen, dass eigentümlich frei in unruhigen Zeiten nicht nur weiter stark an Freunden und Lesern gewinnt, sondern auch für Nicht-Leser und alte wie neue Gegner offenbar immer interessanter wird...

Es sind womöglich keine schönen und gesunden Gefühle, die einige Zeitgenossen sogar dazu verleiten, eine immer noch sehr kleine Medienoase wie eigentümlich frei (anstatt dort einfach nicht zu lesen) verbissen zu bekämpfen, sei es aus Angst (heute schon von ef „distanziert“? Wir sammeln jetzt nämlich Distanzierungen, je dicker aufgetragen, desto wichtiger der Anschlusssuchende) oder auch einfach aus Neid (auf das, wie es neuerdings zuweilen heißt, „Geschäftsmodell eigentümlich frei“). Tatsächlich kann ich sagen, dass wir zwar alles andere als Reichtümer mit ef verdienen, leider, bislang jedenfalls, dass wir uns aber alleine dank unserer Leser und Freunde tatsächlich eine publizistische Unabhängigkeit erarbeitet haben, die offenbar einige interessierte Kreise ganz kirre werden lässt. Eine Unabhängigkeit, die übrigens nur der Kapitalismus ermöglicht. Wäre eigentümlich frei ein Verein oder eine Partei, die Eckigen und Kantigen wären nach 18 Jahren von den stets integrativen Intriganten längst erfolgreich herausgeklüngelt worden und die Inhalte glattgeschliffen.

Verehrte Leser, wir bleiben, wie wir sind! Bleiben Sie uns und damit Ihrer eigenen medialen Unabhängigkeitserklärung im neuen Jahr treu, und tragen Sie die frohe Botschaft gerne weiter! Ich wünsche Ihnen und uns allen ein gesundes, erfolgreiches und glückliches Jahr 2016! 


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