08. Dezember 2015

Gedenkbibliothek für die Opfer des Stalinismus Der Stachel im Fleisch der SED-Linken

Die Gefahr ist noch nicht gebannt

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Bildquelle: De-okin(CC BY-SA 3.0)/Wikimedia commons Beherbergte schon Lessing: Gedenkbibliothek in Berlin

Mitten in Berlin, im Nikolaiviertel, in dem bis zu seinem Ableben Stasi-Spionagechef Markus Wolf wohnte und das noch heute überwiegend von alten SED-Funktionären bevölkert wird, befindet sich die Gedenkbibliothek für die Opfer des Stalinismus. Das Haus, das die Bibliothek beherbergt, könnte nicht passender sein. Hier wohnte Gotthold Ephraim Lessing in seiner Berliner Zeit. Die Gedenkbibliothek steht in seiner aufklärerischen Tradition.

Am letzten Wochenende fand im Roten Rathaus eine bemerkenswerte Veranstaltung statt. Obwohl es der Hauptstadtpresse keine Erwähnung wert gewesen war, hatten sich im überfüllten Louise-Schroeder-Saal zahlreiche Gratulanten eingefunden, um den 25. Jahrestag der Gedenkbibliothek zu feiern.

Als im Jahr 1990 ein kleiner Förderverein begann, eine einzigartige Spezialsammlung in der DDR verbotener Literatur in eine Gedenkbibliothek zu überführen, konnte niemand ahnen, wie gut sich dieses Unternehmen trotz aller Anfeindungen, nicht nur von seiten der umbenannten SED, entwickeln würde. Das ist vor allem der charismatischen, unermüdlichen und unerschrockenen Gründerin Ursula Popiolek zu verdanken, die sich weder durch Rufmordkampagnen und Brandanschlägen auf ihr Haus, noch von gerichtlichen Klagen abschrecken ließ.

Von den bescheidenen Anfängen am Hausvogteiplatz, wo in einem Raum etwa 2.000 Bände untergebracht waren, bis zu den heutigen, zehnmal größeren Räumlichkeiten im Nikolaiviertel mit über 12.000 Bänden war es ein steiniger, aber erfolgreicher Weg.

Die wertvollste Stücke der Sammlung waren gleichzeitig ihr Grundstock: Wolfgang Leonhards „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, für die DDR hergestellt, mit einem Tarneinband „Entscheidungen des Obersten Gerichts der DDR“ versehen, Solschenizyns „Archipel Gulag“, den Popiolek bei ihrer einzigen Westreise in die DDR schmuggelte und Jewgenija Ginsburgs „Marschroute eines Lebens“, das als Flugblatt in den 60er Jahren über der Altmark abgeworfen wurde.

Ginsburgs schreckliche Erinnerungen an die Verhaftungswelle Stalins nach Ermordung des Leningrader KPdSU-Funktionärs Kirow 1934 wurden für die Bibliothek der Einstieg in die inzwischen umfangreiche Sammlung der Haft- und Lagerliteratur, dem Herzstück der Gedenkbibliothek.

Auf diesem tragfähigen Bücherfundament steht ein ganzer Überbau mit DDR-Oppositionellen- und osteuropäischer, vor allem sowjetischer Dissidenten-Literatur, sowie mit systemkritischer Sachliteratur unter politischen, juristischen und geschichtswissenschaftlichen Gesichtspunkten.

Die meisten Bände sind Spenden, da wenig Geld für Erwerbungen vorhanden ist. Trotzdem ist inzwischen eine für Wissenschaftler relevante Sammlung entstanden, die an den Arbeitstischen in der gemütlichen Bibliothek genutzt werden kann. Daneben gibt es auch die Möglichkeit, auszuleihen.

Das ist aber nicht alles. Seinerzeit hatte bei der Eröffnung der bekannte SED-Regimekritiker Professor Wolfgang Leonhard dieser „ein- und erstmaligen“  Spezialbibliothek in Berlin gewünscht, dass sie „den Anstoß  zu einer aktiven Diskussion in den fünf neuen Ländern“ geben solle. Und analog dazu – Leonhard damals weiter – „sollen politische Referate, Auseinandersetzungen und Begegnungen ehemaliger Opfer zum künftigen Programm des Hauses gehören“. Seine Hoffnung, die vor allem auch eine Hoffnung von Ursula Popiolek war, erfüllte sich.

Alle 14 Tage, an ungeraden Dienstagen, findet eine Abendveranstaltung statt, mit Vortrag und Diskussion. Immer wieder gelingt es der Bibliothek, namhafte Referenten zu verpflichten. Es wird aber auch unbekannteren Autoren ein Podium geboten. Neben dem Stammpublikum gibt es immer wieder Besucher, die sich für das eine oder andere angebotene Thema interessieren. Für manchen ist es der Beginn regelmäßiger Besuche.

Alle Veranstaltungen der letzten 25 Jahre sind von Unterstützern der Bibliothek rezensiert worden. So konnte am 25. Jahrestag ein eindrucksvoller Band mit diesen Berichten vorgelegt werden.

Neben den vielen Büchern und Dokumenten gibt es eine interessante Dauerausstellung zu besichtigen mit dem Titel: „Humanismus statt Kommunismus“.

Es geht um die Verbrechen der Bolschewiki anhand der Werke zweier großer russischer Schriftsteller und Historiker: Alexander Solschenizyn und Alja Rachmanowa.

Alja Rachmanowa hat die Zerstörung alles Geistlichen und Geistigen während der Bürgerkriege und auch danach durch den Bolschewismus, sowie die Entzauberung des Faszinosums einer „gerechten klassenlosen Gesellschaft“ in ihren „Russischen Tagebüchern“ sowie in der „Fabrik des neuen Menschen“ entlarvt. Sie ist ein Phänomen in der Literaturgeschichte: Bis heute ist nicht ein einziges ihrer 19 in über 20 Sprachen veröffentlichten literarischen Werke in russischer Sprache   erschienen.

Mit der Ausstellung wurde dieser Aufklärerin ein Denkmal gesetzt, auch mit einer erstmalig inzwischen vorliegenden Rückübersetzung aus dem Deutschen ins Russische des Romans „Fabrik des neuen Menschen“. Die beängstigenden Praktiken der Kommunisten, den Menschen verändern zu wollen, sollten gerade heute in Putins Russland die Menschen warnen. Aber auch für den Westen, der nicht frei von volkspädagogischen Tendenzen ist, sind Rachmanowas Einsichten nachdenkenswert.

Solschenizyns Werke zu sammeln und öffentlich zu machen, war von Anfang an Gewissensauftrag und Gebot der Bildungsstätte. Es ist eine beziehungsreiche Geste, dass diese Ausstellung im zur Bibliothek gehörenden Lessinghaus untergebracht ist, in dem der große deutsche Aufklärer einst mit Moses Mendelssohn über Menschheits-Erziehungs-Probleme philosophierte.

Mit dieser Dauerausstellung wird das Ziel verfolgt, einer Verharmlosung des Sozialismus/Kommunismus entgegenzuwirken und vor allem junge (dadurch leichter verführbare) Menschen aufzuklären und fragen zu lassen: Warum fasziniert der Kommunismus noch immer? Wohin führt ideologische oder fundamentalistische Verblendung? Wie viel Demagogisches versteckt sich im „Gutmenschentum“ hinter „sozialer Gerechtigkeit“?

Die Antwort auf viele solcher Fragen lautet immer: Utopie im Machbarkeitswahn führt zum Totalitarismus. Die Gefahr ist noch keineswegs gebannt. Kommen Sie beim nächsten Berlin-Besuch doch mal vorbei. Bibliotheksleiter Thomas Dahnert wird sie freundlich begrüßen und gern herumführen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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