27. November 2015

Umgang mit Abweichlern Wer zu früh kommt...

Verrücktheiten von heute, Gemeinplätze von morgen

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Bildquelle: Wikimedia Commons Monarchist und Satiriker: Antoine de Rivarol (1753-1801)

„Hat man 24 Stunden früher als die übrigen Menschen recht“, notierte der französische Moralist Antoine de Rivarol, „so gilt man 24 Stunden lang für närrisch“. Beziehungsweise, auf die aktuellen deutschen Verhältnisse übertragen, als böse, übelwollend oder „rechts“. Wie hier bereits erwähnt, ist der Journalist Matthias Matussek vom Springer-Verlag, näherhin von der „Welt“, entlassen worden, weil er im Zusammenhang mit den Pariser Attentaten auf Facebook schrieb, nun werde man sich wohl genauer anschauen müssen, wer da alles nach Deutschland einwandert, und dahinter ein Smiley setzte. Während andere über die Ermordeten trauerten, habe er sich über sie amüsiert, warf ihm, ebenfalls auf Facebook, sein Chefredakteur vor.

Nun muss man kein Hermeneutiker sein, um zu erkennen, dass sich der (das?) Smiley keineswegs auf die Toten bezog – nur ein Perverser oder muslimischer Fundamentalist käme auf die ruppige Idee, den Opfern des Blutbades ein Grinsen hinterherzusenden, der knuffige Matussek jedenfalls nie und nimmer. Warum wurde seine Notiz trotzdem mutwillig missverstanden und skandalisiert? Weil er gegen ein damals in den Mainstreammedien (noch) geltendes Tabu verstoßen hatte. Es lautete: Du sollst zwischen Flüchtlingskrise und Terrorismus auf keinen Fall irgendeine Verbindung herstellen. Inzwischen wurde bekannt, dass eine solche Verbindung nicht nur in Form chaotischer Zustände als Petrischale für künftige Gewalteskalationen besteht, sondern ganz handfest insofern, als dass einige Aktivisten die Flüchtlingsrouten zur Einwanderung nutzten. Meldet unterdessen und unter anderem die „Welt“ (wenn auch sittsam ohne Smiley). Irgendwelche Folgen für den Gekündigten? Ach was! Er war ohnehin ein Falschmeiner und sollte weg. Während ein Artikel seines des Falschmeinens bislang eher unverdächtigen Journalistenkollegen Georg Mascolo namens „Die Mär vom eingeschlichenen Terroristen“ („Süddeutsche“ vom 14. Oktober) inzwischen zwar etwas peinlich geworden, aber immerhin gut gemeint gewesen ist und, da in dieser Branche Schamgefühl kaum verbreiteter ist als Kondome in Mali oder Rebsortenkenntnisse bei den Salafisten, in jeder Hinsicht folgenfrei bleiben wird, denn wir haben das Recht auf Irrtum längst erweitert um die Pflicht zum gutgemeinten Irrtum. Derweil einer wie AfD-Gauland für das Wort von der „unkontrollierten Masseneinwanderung“ als Hetzer abgekanzelt werden konnte, eine oder zwei Wochen später indes die gesamte Politik- und Medienwelt von nichts anderem und in genau diesen Worten sprach, etwa der saarländische Innenminister, den die „ungeordneten, wilden Asylströme durch Deutschland“ sanft zu grausen begannen. Gauland freilich blieb: der Hetzer! Auf dem CSU-Parteitag vergangene Woche räumte sogar die Willkommenskanzlerin ein, dass die Einwanderung begrenzt werden müsse – eine Feststellung, mit der man vor kurzem noch als Dunkeldeutscher gegolten hätte.

Das ist die Crux: Feststellungen (von Gedanken gar nicht zu reden), die heute anstößig und beleidigend oder meinetwegen auch verrückt wirken, sind die Gemeinplätze von morgen. Erst werden sie von jedermann bekämpft, dann von jedermann akzeptiert. Nur derjenige, der sie zuerst äußert, wird, als der Überbringer der schlechten Nachricht, behandelt wie zu den Zeiten der Urväter. Wehe dem, der der Meinungskarawane aus eigenem Entschluss vorauseilt! Sie wird ihn verstoßen und nie mehr in ihre Reihen aufnehmen!

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta Diurna.


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