26. November 2015

Öl und Terror Wie das „schwarze Gold“ repressive Regime und Gewalt fördert

Rentenquellen locken Gewalttäter

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Bildquelle: IgorGolovniov / Shutterstock.com Gegen die deutsche Wehrmacht in Rumänien: „Operation Tidal Wave“

Noch einen Tag vor den menschenverachtenden Anschlägen von Paris hatte US-Präsident Barack Obama verkündet, Daesh – der selbsternannte Islamische Staat (IS) – sei „eingedämmt“. Tatsächlich bekümmerte der Tod von Hunderttausenden in den innerarabischen Bürgerkriegen viele andere Menschen nur insofern, als die dadurch ausgelösten Flüchtlingsströme lästig, ja beängstigend erschienen. Das Satiremagazin Postillon kommentierte denn auch die ersten Reaktionen des Westens auf den Terror in Paris – verstärkte Bombardements in Syrien – mit der Schlagzeile, die „Gewalt“ werde nun „wieder dahin gebracht, wo sie hingehört“.

Die USA richteten dabei ihre neuerlichen Angriffe nicht mehr nur gegen Ölförderstätten, sondern erstmals auch gegen Tanklaster, die das Öl mit Millionengewinnen in benachbarte Regionen (wie vor allem die Türkei) schmuggelten. Bemerkenswert war dabei auch die Namenswahl: „Operation Tidal Wave II“ (Flutwelle II) spielte sehr direkt auf die „Operation Tidal Wave“ an, die sich 1943 gegen (von der deutschen Wehrmacht kontrollierte) Ölförderstätten in Rumänien gerichtet hatte.

Erzeugen Öl und Gas Anreize für Gewalt?

In der Politik- und Wirtschaftswissenschaft wird bereits seit Jahrzehnten zum verheerenden Einfluss einiger Rohstoffe auf Politik, Wirtschaft und auch Religion(en) geforscht. Das Schlüsselwort dabei heißt „Rente“ – womit nicht nur eine Form der Altersversorgung gemeint ist, sondern jedes Einkommen, das nicht (mehr) durch Arbeitseinsatz erwirtschaftet werden muss. Wenn Menschengruppen einmal erhebliche Rentenquellen kontrollieren, werden sie – logisch – sehr viel dafür tun, diese Einkünfte behalten zu können.

Öl (und Gas) erzeugen nun aber jährlich Milliarden an „Renten“ – und zwar umso mehr, je geringer die Förderkosten an der jeweiligen Ölförderstätte sind. So muss Saudi Aramco für ein Barrel Öl sehr viel weniger Geld aufbringen als zum Beispiel ein kanadisches Förderunternehmen, das (mit enormen Umweltschäden) Fracking betreibt.

Wo also große Ölvorkommen und niedrige Förderkosten zusammenkommen, entstehen nicht nur Rentierseliten (wie die Öllobby in den USA, die zum Beispiel ebenfalls „Klimaskeptiker“ und christliche Fundamentalisten sponsert), sondern ganze Rentiersstaaten, in denen sich reiche Machteliten im Bündnis mit Militär und Geheimdiensten sowie religiösen Fundamentalisten verbünden. Klar, dass sie sich gemeinsam gegen jede Demokratisierung und Liberalisierung stellen – diese liefen ja auf eine Infragestellung ihrer Macht und Einnahmen heraus! Friedliche Opposition – wie sie lange in Syrien, Russland oder im Iran probiert wurde – wird daher in Rentierstaaten fast immer blutig niedergeschlagen, und so entstehen Gewaltspiralen, Bürgerkriege und immer radikalere Terrorgruppen.

Bislang gefundene Ölreserven – vor allem dort, wo sie günstig zu fördern sind, werden sie zum „Fluch“...

Niedrige Ölpreise, wie sie sich nach der Finanzkrise – sowie aufgrund der massiven Förderung nordamerikanischer Ölproduktion – einstellten, bringen entsprechend Rentiersregime in Schwierigkeiten: Viele Öl- und Gasregime wanken, weil sie nicht mehr genügend Geld verteilen konnten, um die (religiös-fundamentalistisch dominierten und also häufig kinderreichen) Bevölkerungen ruhig zu halten. Auch Saudi-Arabien verzeichnet inzwischen Haushaltsdefizite und muss auf (allerdings noch üppige) Reserven zurückgreifen. Doch noch immer sind auch wir Europäer auf arabisches Öl angewiesen und fördern daher die wahhabitische Diktatur und weitere religiös-extremistische Regime in der Region (unter anderem auch durch den direkten Verkauf von Waffen).

Es braucht also keine Verschwörungstheorien, um die Zusammenhänge von Wohlstand einerseits und Gewalt, Terror und religiösem Fundamentalismus andererseits zu verstehen – sondern allenfalls Grundkenntnisse in Wirtschafts-, Politik- und Religionswissenschaft. Und es sollte ebenso deutlich werden, dass Bomben und Militär alleine nicht ausreichen werden, um autoritären Regimen, religiösem Extremismus und schließlich Terrorgruppen entgegenzuwirken: Solange Rentenquellen locken, werden sich immer neue Gewalttäter mit ideologischen Deckmänteln finden. Für Frieden, Menschenrechte und Demokratie viel erfolgversprechender und nachhaltiger wäre ein Ziel, zu dem wir alle etwas beitragen können: die nicht nur aus Klimagründen erstrebenswerte Dekarbonisierung, beziehungsweise konkreter: der möglichst schnelle Ausstieg aus dem Verbrauch von Öl und Erdgas. Dies wäre das beste Mittel gegen Terror und Krieg, gegen Gewaltherrschaften, gegen religiöse Fundamentalismen und auch gegen die Entstehung weiterer Flüchtlingsströme.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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