12. Oktober 2015

Freiheitsindex des John-Stuart-Mill-Instituts Vom Flüchtlingsansturm bedroht

Nur schwache Bereitschaft zur Verteidigung der westlichen Werte

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Bildquelle: shutterstock Nicht sehr ausgeprägt: Freiheitsliebe in Deutschland

Das Streben nach Freiheit ist uralt, und das Streben nach Freiheit bleibt ewig jung. Freiheit zu unterdrücken leider ebenso. Freiheit als selbstverständlich zu nehmen, wenn man sie hat, und sie nicht zu verteidigen, wenn ihr Gefahr droht, ebnet der Unterdrückung den Weg. Deutschland befindet sich auf diesem Weg. Die Flüchtlingswellen, die vor allem Deutschland überschwemmen, bringen diese Gefahr mit in unser Land und hautnah ins Bewusstsein. Die Gefahr ist konkret da und kein abstraktes Gebilde, keine Einbildung mehr.

Das importierte Konfliktpotential entfaltet sich

Es geht um unsere Freiheit – um die Freiheit, nach unseren eigenen Vorstellungen zu leben, nach familiären, nach kulturellen, nach gesellschaftlichen, nach religiösen oder nicht religiösen, eben nach aufgeklärten europäischen, abendländischen Vorstellungen. Die Flüchtlingsmassen kommen aus ganz anderen Kulturkreisen. Dort steht es um die Freiheit schlecht, besonders wenn es sich um islamische handelt. Wer von dort kommt, ist völlig anders geprägt. Das auf diese Weise importierte Konfliktpotential ist unübersehbar und entfaltet sich bereits.

Die Wertschätzung der Freiheit hat zugenommen

Wer Freiheit hat, wie unsere Vorfahren sie im Abendland einst haben erkämpfen müssen und wie wir sie seit langem genießen dürfen, neigt dazu, sie als selbstverständlich zu empfinden. Dann denkt er nicht mehr darüber nach, dass Freiheit stets gefährdet und daher stets zu verteidigen ist. Der Flüchtlingsansturm jetzt bewirkt offenbar, dass sich die Bürger in Deutschland auf den Wert der Freiheit wieder besinnen. Jedenfalls hat die Wertschätzung der Freiheit in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr zugenommen, wenn auch nur bescheiden. Das zeigt zumindest der Freiheitsindex Deutschland für 2015, der in Berlin im Haus der Bundespressekonferenz am 6. Oktober vorgestellt worden ist.

Mill-Institut: Die Medienberichterstattung ist „freiheitsaffiner“ geworden

Ermittelt hat den Index-Wert das John-Stuart-Mill-Institut für Freiheitsforschung in Heidelberg jetzt zum fünften Mal. Daran mitgewirkt haben das Institut für Demoskopie Allensbach und das Institut für Publizistik der Universität Mainz. Dem Index zugrunde liegt eine Repräsentativbefragung der Bevölkerung und eine quantitative Medieninhaltsanalyse überregionaler Printmedien (2.122 Presseartikel). Aus deren Ergebnissen wird der Index abgebildet auf einer Skala, die sich von minus 50 bis plus 50 erstreckt. Für 2015 liegt der Index bei minus 1,0. Das bedeutet, dass sich die Freiheit damit gegenüber konkurrierenden Werten wie Gleichheit, Gerechtigkeit oder Sicherheit leicht im Hintertreffen befindet. Doch hat sich gegenüber 2014 zugunsten der Freiheit eine Verschiebung ergeben. Der Anstieg des Wertes von damals minus 7,0 auf minus 1,0 in diesem Jahr führt das Mill-Institut vor allem auf die Ergebnisse der Medieninhaltsanalyse zurück: Die analysierte Medienberichterstattung sei „freiheitsaffiner“ als im Vorjahr – unter anderem als ein Effekt des Attentats auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“.

Der explosive Hass des politischen Islam auf den Westen

Allerdings kann in die Befragung und in die Medienanalyse noch nicht eingeflossen sein, was in den letzten Wochen und immer noch die Flüchtlingsmassen an Freiheitsgefährdung einschleppen und wie sich diese Gefährdung bei den Bürgern auf ihre Wertschätzung der Freiheit auswirkt. Institutsleiterin Prof. Dr. Ulrike Ackermann sprach bei der Vorstellung des jüngsten Freiheitsindexes von explosivem Hass, der dem Westen entgegenschlage. Der Terror des politischen Islam und seine totalitäre Ideologie hätten inzwischen längst die Hauptstädte Europas erreicht. Gehasst werde der Geist des Westens, wie er in Wissenschaft und Vernunft zum Ausdruck komme, und sein Lebensstil. Gebrandmarkt werde sein Individualismus, sein Materialismus und Hedonismus, die Sexualität und ihr Urbild, der weibliche Körper. Besonders dem Gottlosen gelte der Hass, er solle vernichtet werden, um den Weg frei zu machen für die globale Herrschaft des Kalifats. Darin gelte das Individuum nichts und das Kollektiv alles. Mit dem Krieg, den der Islamische Staat und andere Terrorgruppen militärisch wie ideologisch gegen den Westen führten, habe diese totalitäre Ideologie rasante Verbreitung gefunden.

Freiheitsvergessenheit statt die Freiheitswerte zu verteidigen

Bedroht, sagte Frau Ackermann, sähen die Befragten die „westlichen Werte“ am stärksten durch den internationalen Terrorismus (35 Prozent) und durch extremistische Gruppen im Inland (30 Prozent).
Zu ihrer selbstgestellten Frage „Wie reagieren die Deutschen auf diese Herausforderungen?“ gab sie diese Antwort: „Anstelle einer offensiven Verteidigung der westlichen Freiheitswerte hat man zuweilen eher den Eindruck einer Freiheitsvergessenheit. Antiwestliche Ressentiments auf seiten der Linken und Rechten beobachten wir auch bei unseren europäischen Nachbarn. Dort ebenso wie bei uns – etwa in Gestalt der inzwischen gespaltenen AfD und der Pegida-Bewegung – reichen diese Ressentiments aber auch in die Mitte der Gesellschaft hinein: Antikapitalismus und Globalisierungskritik vermischen sich mit Antiamerikanismus, Putin-Verehrung, Ausländerfeindlichkeit oder auch einer Verharmlosung des Islamismus. „Der von Zuwanderern so begehrte Westen muss Grenzen ziehen, um seine Werte und Lebensstile zu erhalten“, hat Frau Ackermann am 7. Oktober 2015 im Deutschlandradio geäußert.

Der diesjährige Schwerpunkt „westliche Werte“

Die Ausgangsfrage für dieses Projekt der Freiheitsforschung lautet nach wie vor: „Wie halten es die Deutschen mit der Freiheit?“ Das Freiheitsbewusstsein der Deutschen misst das Mill-Institut seit 2011: „Wie definieren die Bürger für sich die Freiheit? Ist ihnen Selbstbestimmung wichtiger als soziale Gleichheit, oder überwiegt das Sicherheitsbedürfnis? Was erwarten sie vom Staat? Soll er sich heraushalten aus ihrem Alltagsleben oder sich stärker kümmern? Und: Wie berichten vergleichend dazu die Medien über Freiheit?“ Daneben setzt das Institut jedes Jahr noch einen erweiternden Themenschwerpunkt. 2014 war dies die digitale Revolution und ihre Folgen, dieses Jahr stehen die „westlichen Werte“ und ihre Bedeutung für die Bevölkerung und für die Medien im Zentrum. Diese westlichen Werte seien von unterschiedlichen Seiten unter Druck geraten. Daher habe das Institut, so Frau Ackermann, wissen wollen: „Hat die Bevölkerung ein Bewusstsein von westlichen Freiheitswerten? Gibt es ein Bedrohungsbewusstsein? Ist die Gesellschaft bereit, diese Werte zu verteidigen?“

Was die „westlichen Werte“ im einzelnen sind

Was diese „westlichen Werte“ und der darin gründende Lebensstil sind, zählte Frau Ackermann so auf: Demokratie, Rechtsstaat und Gewaltenteilung, Marktwirtschaft, Achtung der Menschenrechte, Säkularität: Trennung von Staat und Kirche beziehungsweise Gesellschaft und Religion; Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit; Schutz von Minderheiten; das Prinzip der offenen Gesellschaft gegenüber einer geschlossenen Gesellschaft; Wertschätzung des Individuums und seiner individuellen Freiheiten gegenüber dem Kollektiv; freiwillige Bindungen, die nicht auf Zwang beruhen; Gleichberechtigung der Geschlechter; sexuelle Selbstbestimmung; Pluralität der Lebensstile; Toleranz; Skepsis gegenüber alten Gewissheiten; Recht auf Irrtum; diesseitige Lebenslust im Unterschied zu religiöser Jenseitigkeit. Terroranschläge, so Frau Ackermann, „zwingen uns wieder einmal, uns der grundlegenden Errungenschaften der liberalen Demokratie zu vergewissern, und genau hinzuschauen, wo und in welcher Weise unsere mühsam erkämpften Freiheiten und der Kanon westlicher Werte bedroht sind“.

Nur schwache Bereitschaft, für die „westlichen Werte“ zu kämpfen

Allerdings sei die Bereitschaft, so Frau Ackermann weiter, westliche Werte im Bündnisfall zu verteidigen, in der deutschen Bevölkerung schwach ausgeprägt. Und die Haltung zu westlichen Werten (im Unterschied zu demokratischen und freiheitlichen) werde offensichtlich durch den offenen und latenten Antiamerikanismus beeinflusst. Dass alle drei in der westlichen Zivilisationsgeschichte verknüpft seien, scheine im Bewusstsein nicht besonders präsent zu sein. Der Wirtschaftspublizist Günter Ederer hat einmal geschrieben: „Das deutsche Bildungsbürgertum neige nicht zur Freiheit, sondern werfe sich den Herrschenden zu Füßen.“ Wird es also um die Freiheit kämpfen? Es gibt von Bertolt Brecht das Wort: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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