15. September 2015

Reise nach Moldawien, Teil 3 Der Maidan von Kischinau und Politikferne in Gagausien

Die Menschen nehmen ihr Schicksal in die eigenen Hände

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Bildquelle: shutterstock Verfügt über ein eigenes Parlament: Gagausien

Am Tag unserer Ankunft vor einer Woche war das Zentrum der moldawischen Hauptstadt für uns gesperrt, weil es eine Massendemonstration gegen die korrupten Politiker gab, an der 100.000 Menschen teilgenommen haben sollen. Gesehen habe ich das nicht. Als wir am späteren Abend vor dem Regierungsgebäude ankamen, waren noch ein paar Tausend da, aber die ersten Zelte waren bereits aufgebaut. Die Ankündigung, nicht eher zu weichen, bis die Regierung zurückgetreten ist, wurde damit in die Tat umgesetzt. Im Laufe der Woche kamen immer neue Zelte dazu. Inzwischen sind es etwa 400. Anders als die meisten Medien berichten, richtet sich der Protest nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen die Opposition, die nichts gegen den neuen Korruptionsskandal der Regierung unternimmt. In Deutschland wird in der Berichterstattung betont, dass sich der Protest gegen die proeuropäische Regierung richte. Die Demonstranten sind aber ebenfalls proeuropäisch. Man sieht im Protestcamp die moldawische und die Europa-Fahne. Dem entsprechen die Losungen. Transparente mit anderen Inhalten werden freundlich aber bestimmt entfernt. Die Gerüchte, die Bewegung werde irgendwie von Putin gesteuert, weil Russia Today am meisten über die Proteste berichtet, entbehren jeder Grundlage. Prorussische Aktivisten würden sich nicht hinter einer Europafahne verstecken, sondern offen Flagge zeigen.

Tagsüber waren ein paar hundert oder wenige Tausend Aktivisten anwesend, abends füllte sich der Platz. Am heutigen Sonntag waren es wieder Zehntausende. Die Menge reichte bis zur Kathedrale. Die Stimmung war ausgesprochen friedlich und fröhlich. Ein großes Plakat vor dem Eingang zum Regierungsgebäude zeigt Regierungsmitglieder und Oppositionspolitiker in Unterhosen. Die Demonstranten machen klar, dass sie keinem Politiker mehr trauen, dass sie keinen bloßen Machtwechsel wollen, sondern eine Kontrolle der Politik. In der Stadt hängen Plakate, dass Korruption die Zukunft des Landes zerstört.

Dieser Abwendung von der Politik sind wir tags zuvor auch in Gagausien begegnet. Gagausien ist eine weitere moldawische Skurrilität neben Transnistrien. Die Gagausen, die bis vor 80 Jahren als Bulgaren betrachtet worden waren und die zwar über eine eigene Sprache, nicht aber über eine Schrift verfügten, erklärten sich 1990 für unabhängig. Anders als Transnistrien waren die Gagausen aber verhandlungsbereit und gaben sich damit zufrieden, ein autonomes Gebiet zu werden. Nun leben die etwa 120.000 Gagausen in ihrer Autonomie, gemeinsam mit Bulgaren, Moldawiern, Russen. Die Hauptstadt hat kaum mehr als 20.000 Einwohner. Die Armut der Region ist offensichtlich. Verfallene Häuser und Straßen, die diesen Namen kaum verdienen und von den Gänsen träge geräumt werden, wenn sich ein Auto nähert.

Unser Ziel war ein Dorf namens Avdarma, weil sich dort eine Gedenkstätte und ein Museum für die Repressierten aller totalitären Systeme befinden. Ab Ortsmitte veränderte sich das Bild drastisch. Plötzlich war die Straße asphaltiert, und es gab Steinhäuser. Wir wurden von einem eleganten, straffen 50-Jährigen in Empfang genommen, der auf den ersten Blick nicht ins Dorf passte. Weil es zu regnen drohte, schlug der Mann vor, erst einmal zur „Quelle“ zu fahren und später ins Museum zu gehen. Es stellte sich heraus, dass die Quelle der Mittelpunkt einer ehemaligen tatarischen Siedlung gewesen war. Allerdings waren die Tataren nach dem Krieg gegen das Osmanische Reich auf die Krim umgesiedelt worden. Es war jedoch den Sowjets vorbehalten, jegliche Spuren der tatarischen Anwesenheit zu tilgen, indem sie die Quelle zuschütteten. Sie machten aus dem Gelände einen Truppenübungsplatz, der später auch von den Rumänen und den Nazis genutzt wurde. Dann lag das Gelände brach, bis unser Gastgeber kam und es in eine Attraktion verwandelte. Der Austritt der Quelle erhielt eine steinerne Einfassung mit Wegen drumherum und einer Terrasse samt Pavillon. Offensichtlich wird der Platz inzwischen gern von Liebespaaren für romantische Rendezvous genutzt, denn wir trafen bei unserer Ankunft eins an. Das einstmals militärisch verheerte Gelände ist heute ein liebliches Fleckchen, auch wenn die Neuanpflanzungen durch die Dürre, die diesen Sommer in Moldawien herrschte, gelitten haben und die Wiese braun statt grün war. Auf dem Hügel sammelten sich Stare zum Abflug. Ein Bild gelungener Konversion.

Unsere zweite Station war ein funkelnagelneues Multifunktionsgebäude, das demnächst in einer schönen Grünanlage stehen wird. Im Erdgeschoss befinden sich Büros, unter anderem das des Dorffunks. Im ersten Stock sind Wirtschaftsunternehmen angesiedelt. Im zweiten Geschoss gibt es Räume für Kinder und Jugendliche, die hier den unterschiedlichsten Beschäftigungen nachgehen können. Die Jungen lernen das für die Gegend traditionelle Holzhandwerk. Es entstehen kunstvolle Laubsägearbeiten. Unser Gastgeber Ignat Cazmali erklärte dazu, dass nach seiner Überzeugung ein Mensch, der ein schwieriges Handwerk beherrscht, die Arbeit anderer Menschen nicht leichtfertig zerstören wird. Der ehemalige Afghanistan-Kämpfer hat in diesem Krieg offenbar die Schlussfolgerung gezogen, totalitäre Bestrebungen aller Couleur zu hassen und Politik abzulehnen. Im ganzen Haus hängen Fotos, die er vom Dorf und seinen Bewohnern gemacht hat. Zwei Fotos alter Bäuerinnen liegen ihm besonders am Herzen. Die eine hat ihren Mann im Zweiten Weltkrieg als Soldat Rumäniens auf seiten der Deutschen verloren, die zweite wurde Witwe eines Soldaten der Roten Armee. Die Soldaten hätten diesen Krieg nicht verursacht, sie seien zum Kämpfen gezwungen worden. Deshalb sei es wichtig, dass die Witwen heute in Frieden miteinander lebten.

Während unseres Rundgangs wird die Unruhe in einem Teil unserer Gruppe immer größer. Woher kommt das Geld für so ein Projekt, wenn nicht vom Staat? Das Misstrauen gegen den Sponsor wächst sichtlich. Es ist das tiefsitzende Misstrauen der Helldeutschen gegen Reiche, selbst wenn sie Gutes tun, die sich hier Luft macht. Ob das alles nicht nur ein Potemkinsches Dorf ist? Mir sind die entsprechenden Fragen, vor allem der Tonfall, in dem sie vorgetragen werden, peinlich. Wer sind wir denn, dass man uns etwas vormachen müsste? Für mich ist ein Mann, der aus dem Stegreif aufzählen kann, wie viele Kinder in jeder Gruppe beschäftigt sind, ob mit Malerei, Ballett oder Musikunterricht, ein überzeugter Wohltäter seines Dorfes und seiner Bewohner. Nach seinen politischen Präferenzen befragt, antwortet er, dass ihn Politik nicht interessiere. Die Politiker kämen und gingen. Er würde sich lieber seinen Projekten widmen, die, wenn sie Erfolg hätten, von dauerhaftem Nutzen sein würden. Eine politische Wirkung hat seine Tätigkeit dennoch entfaltet. Bei dem (nicht legalen) Referendum über eine Zollunion Gagausiens mit Russland hat Avdarma sich, im Gegensatz zur Mehrheit in Gagausien, dagegen ausgesprochen. Nach Brückenkopfbildung für Russland sieht das jedenfalls nicht aus.

Auf dem Weg zum Museum kommen wir an der neu angelegten Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Repression dieses Dorfes vorbei. Vom Krimkrieg an sind hier die Namen aller Toten des Dorfes versammelt, auch die der Typhusepidemie 1945 und der politischen Hungersnot von 1946/47. Im Museum bekommen wir dann eine hochprofessionelle Darstellung der Geschichte des Dorfes zu Gesicht, die alles in den Schatten stellt, was wir im Nationalmuseum gesehen haben. Die ganze Ausstellung ist so konzipiert, dass sie innerhalb kürzester Zeit ab- und wieder aufgebaut werden kann. Die eingesetzten Materialien sind Holz, Glas und Hanf – eine Referenz an die bäuerliche Umgebung. Das Dorf hat eine beachtliche Zahl von Leistungssportlern und Nationaltrainern hervorgebracht. Auch unser Gastgeber zählt dazu. Er ist Langstreckenschwimmer und hat unter anderem die Bosporusüberquerung von Europa nach Asien mitgemacht.

Warum widmet sich ein Mann so engagiert der Verbesserung der Lebensverhältnisse in seinem Heimatdorf, statt sich dem internationalen Jetset anzuschließen? Für mich ist die Antwort, dass dieser Mann, im Gegensatz zum größten Teil der westlichen Eliten, die richtigen Schlussfolgerungen aus dem schrecklichen letzten Jahrhundert gezogen hat. Nicht Politik ist die Lösung, sondern die Befähigung der Menschen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Menschen wie Ignat Cazmali müssen den Sinn des Lebens nicht suchen, sie haben ihn bereits gefunden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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