09. September 2015

Einwanderung in einer gewaltfreien Gesellschaft Papa, ich hab da mal eine Frage

Keine Staatsgrenzen, keine Umverteilung mit der Waffe

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Bildquelle: Oliver Heuler Auch für Kinder interessant: Die Einwanderungsfrage

Im Philosophieunterricht in Joshs sechster Klasse wurde das Thema Einwanderung behandelt. Als er nach Hause kam, fragte er mich, wie das Thema denn aus gewaltfreier Sicht gesehen wird. Josh sieht sich übrigens auch als Anarchist: Er findet Schulpflicht und Erziehung doof.

Ich habe ihm in meinem radikal-pointierten Stil zuerst erklärt, dass es aus meiner Sicht grob vereinfacht drei nicht-anarchistische Positionen gibt.

Nationale Sozialisten fordern: alle Einwanderer abschieben; keine neuen Einwanderer reinlassen; Mauer bauen; Deutschland den Deutschen.

Internationale Sozialisten fordern: alle Einwanderer aufnehmen, legalisieren und Vielfalt stärken; Nazis ausgrenzen; Entwicklungshilfe beibehalten oder erhöhen; Integrationskosten und Sozialleistungen trägt der Steuerzahler.

Demokratische Sozialisten fordern: Bestehendes deutsches und EU-Recht anwenden; politische Flüchtlinge aufnehmen, Wirtschaftsflüchtlinge abschieben; beschleunigte Asylverfahren und schnellere Abschiebung; alle EU-Länder nehmen fairen Anteil an Flüchtlingen auf.

Eine gewaltfreie Haltung würdigt zunächst alle drei Positionen, denn alle teilen die Bedürfnisse von Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Es gibt lediglich Differenzen bei den Strategien, diese Bedürfnisse zu befriedigen.

Leider ist bei allen drei Strategien Gewalt im Spiel, und praktisch immer, wenn man in das freiwillige Kooperieren und Tauschen der Menschen gewaltvoll eingreift, werden Folge-Interventionen nötig und es entsteht eine Interventionsspirale der Gewalt. Diese Erkenntnis ist unter dem Namen „Ölflecktheorem“ bekannt.

(Solltet Ihr das nicht kennen, empfehle ich vor dem Weiterlesen zumindest das Beispiel mit den Mietpreisen in dem Wikipedia-Eintrag „Ölflecktheorem“ zu lesen.)

Wenn man in dieser Spirale nun schon ein paar Umdrehungen hinter sich hat, gibt es meist keine schnelle Lösung mehr. Die Spirale muss ganz zurückgedreht werden. Also: Wie sähe eine Gesellschaft ohne Gewalt aus, und wie würde man da mit Flüchtlingen umgehen?

In einer herrschaftsfreien Gesellschaft ohne Gewaltmonopol und ohne legale, initiierende Gewalt entfallen mit dem Staat auch die Staatsgrenzen. Es kann also jeder einreisen und bleiben. In dieser Gesellschaft entfallen jedoch nicht nur die Staatsgrenzen, sondern es entfällt auch die erzwungene Solidarität. Es gibt keine Umverteilung mehr mit der Waffe. Niemand kann also Hilfe fordern, sondern nur darum bitten. Durch den Wegfall aller Zwangsabgaben haben die Menschen dann allerdings viel mehr Spielraum für freiwillige Hilfe. Wie groß die freiwillige Hilfe und die intrinsische Solidarität jetzt schon ist, kann man überall im Internet sehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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