09. September 2015

Trendforschung Wie Flüchtlinge Deutschland retten

Der Ultrakurzwitz lebt

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Bildquelle: shutterstock Bloß hyperaktive Quatschköppe: Trendforscher

Neulich erhielt ich eine „Pressemitteilung des wissenschaftlichen Trendforschungsinstituts 2b AHEAD ThinkTank“. Darin geht es um das ernste Thema Flüchtlinge. Trotzdem musste ich lachen. „Wissenschaftliches Trendforschungsinstitut“ erinnerte mich an eine untergegangene Humorgattung, die „Ultra-Kurz-Witze“. Ein UKW, an den ich mich erinnere, ging so: Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorbei.

Kapiert? Nein? Also, für die Jüngeren der Zunft: Die Vorstellung, dass Redakteure oder Reporter der alten Schule jemals an einer Kneipe „vorbei“ gegangen wären, ist ungefähr so abwegig wie die Annahme, zwischen „Trendforschung“ und „Wissenschaft“ habe jemals eine auch nur fliegenschissgroße Verbindung bestanden.

Trendforscher waren immer bloß hyperaktive Quatschköppe. Bevor die Trends, die sie in Hochglanzpostillen verkündeten, nachweisbar nicht eintraten – oft eher das Gegenteil –, hatten sie sich hinter der Fichte schlank gemacht. Um alsbald neuen Quark anzurühren.

Ein Gottvater der Kaffeesatzleserei war Herman Kahn (1922–1983). Er galt als „Futurologe“. Kahn arbeitete für die stramm konservative Rand Corporation, scheffelte eine Mörderkohle und gründete schließlich einen eigenen „Thinktank“. Besaß angeblich einen IQ von 200, wog ungefähr ebenso so viele Kilo und wollte immerfort „Das Undenkbare denken“ (Buchtitel). Ein anderes Buch hieß „Die nächsten 200 Jahre“. Womit über Kahn schon alles gesagt ist.

Als Atomkriegsstratege erregte er das Interesse des Regisseurs Stanley Kubrick, der Kahnsche Züge in die Figur des Dr. Seltsam einfließen ließ. Rechte amerikanische Politiker und Militärs fraßen dem Dicken eine Zeitlang aus der Hand. Doch selbst von seinen eher banalen Voraussagen über die Lebenswirklichkeit im Jahre 2000, die er anno 1967 aufstellte, trat so gut wie nichts ein.

Weder gab es im Jahr 2000 künstliche Monde zwecks Nachtbeleuchtung, noch wurden im Straßen- und Bergbau atomare Sprengsätze benutzt, noch war es möglich, das Geschlecht von Kindern oder Erwachsenen zu ändern. Die Menschen lebten auch nicht in großer Zahl unter der Erde oder unter dem Meeresspiegel. Sie konnten nicht das Wetter kontrollieren, sondern mussten – wie heute – froh sein, wenn die Wettervorhersage für die nächsten zwei Tage stimmte. Schon gar nicht versetzten sie sich für Monate oder Jahre in eine Art Winterschlaf. Wozu denn?

Als Kahn mit 61 Jahren an einem Herzanfall verschied, wanderte sein gesamter Vorhersagemüll rasch in den Schredder der Geschichte. Er taucht heute nur noch in Werken wie „The Fortune Sellers“ auf, die das jahrtausendealte Geschäft mit Weissagungen beleuchten.

Was nun die oben genannte Pressemitteilung zur Flüchtlingswelle betrifft, so gebe ich sie gern in Auszügen weiter. Also, ein „Sven Gábor Jánszky (42), Zukunftsforscher und Direktor des Trendinstituts 2b AHEAD ThinkTank, hält die aktuelle Flüchtlingswelle für eine riesige Chance für Deutschland… nahezu ein unerwartetes Geschenk.“ Denn: „All jene Deutschen, die heute Angst und Vorbehalte haben, werden schon in zehn Jahren von der Leistung dieser Flüchtlinge leben. Die älteren Deutschen werden schon mit 67 in Rente gehen können und nicht erst mit 75. Die jüngeren Deutschen werden erheblich weniger Steuern und Rentenversicherungsbeiträge zahlen müssen als ohne Flüchtlinge“, so Jánszky.

Noch vor kurzem sah die Lage nämlich finster aus: „Vor uns stand eine Zukunft mit zwei bis fünf Millionen unbesetzbaren Jobs in Deutschland. Eine Welt der Vollbeschäftigung, die wir durch den massiven Verlust an Arbeitskräften erleben werden, wird für die Unternehmen zur Katastrophe.“ 

Jetzt, da das unerwartete Geschenk eingetrudelt ist, kann noch alles gut werden: „All diese Gefahren schwinden mit jedem jungen Flüchtling, der in Deutschland arbeiten, lernen und eine Zukunft aufbauen will.“ Damit es noch besser flutscht mit der Zukunft, fordert der Denk-Tanker: „Die richtige Strategie wäre es, gezielt ein großes Kontingent von vielen Tausenden jungen Menschen aus Syrien, Afghanistan und den anderen Ländern nach Deutschland zu holen und mit großer Schnelligkeit zu integrieren. Als erstes sollte Studenten aus diesen Ländern die Möglichkeit gegeben werden, ihr Studium in Deutschland abzuschließen.“

Weil ja die Standards an den Unis von Aleppo und Heidelberg dieselben sind.

Eine Differenzierung „zwischen nützlichen und weniger nützlichen Flüchtlingen“ könnte aber nicht schaden, meint Jánszky. „Die Auswahl sollte bereits vor Ort in den Flüchtlingslagern und Erstaufnahmeländern im Nahen Osten erfolgen und damit einen legalen Weg zur Einreise nach Deutschland bieten. Diese Menschen, die einen wichtigen Teil der Zukunft Deutschlands sichern werden, sollten aus einem Flugzeug steigen und nicht aus Vieh-LKW oder von Todesschiffen.“

Sicher, man kann das Ganze für das ahnungslose Geblubber eines Aufschneiders halten, der seine Adressaten mit biographischen Details belästigt. „Vize-Jugend-Mannschafts-DDR-Meister im Schach 1988“, „den Kilimandscharo bestiegen“, „in New York seinen 19. Marathon gelaufen“. Coacht „Innovationschefs der deutschen Wirtschaft“.

Da bleibt natürlich keine Zeit, sich mal in „Syrien, Afghanistan und den anderen Ländern“ umzuschauen. Menschen aus weithin wissensarmen Zonen sollen massenhaft anspruchsvolle Arbeitsplätze am Hochtechnologiestandort D besetzen? Und zwar derart ratzfatz, dass die Deutschen „schon in zehn Jahren von der Leistung dieser Flüchtlinge leben“.

Futter für den Papierkorb, könnte man meinen.

Aber halt. Da ist dieses Schlüsselwort vom „unerwarteten Geschenk“. Es wird, wette ich, dafür sorgen, dass die Erzählung des Herrn Jánszky denn doch einige mediale Aufmerksamkeit erhält. Derzeit wird in Sendeanstalten und Verlagshäusern mit Hochdruck nach Leuten gefahndet, die der Flüchtlingswelle Positives abgewinnen können. Und nicht bloß irgendwas von „humanitärer Pflicht“ und „Gebot der Menschlichkeit“ murmeln.

Nie war so viel affirmative action, von ARD und ZDF bis „Bild“ und „taz“. Nie so wenig Journalismus. Die Propagandakampagne bekommt langsam totalitäre Züge. Beim Thema Flüchtlinge machen viele Medienportale – auch der Netzauftritt der „FAZ“ – immer öfter die Schotten dicht. Sie deaktivieren ihre Kommentarfunktionen, wie schon beim Ukraine-Konflikt. Als hätten Leser, die die verordnete Willkommensfreude verweigern, sich plötzlich in eine Bande von rechtsradikalen Trollen verwandelt.

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht mit einer Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten.“ Sagte mal sinngemäß der Tagesthemen-Moderator Hajo Friedrichs. Der Mann ist längst tot. Die Tagesthemen seiner Ära sind es auch.

Heutige Journos laufen schnurstracks an der Kneipe vorbei. Die stehen nicht am Tresen, sondern beim Migrationsbeauftragten auf der Matte. Erzählen auch keine ultrakurzen Witze wie „Kommt ein Kybernetikprofessor aus Kabul nach Berlin“.

Insofern könnte es klappen mit der Geschenk-Idee des Herrn Jánszky. Vielleicht lädt ihn eine Talkshow ein? Anstelle von diesem griesgrämigen Bosbach, zum Beispiel?

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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