03. September 2015

Richterspruch zur Bierwerbung Schwer bekömmlich

Die Biertrinker wird es nicht kümmern

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Trotz Verbots: Hmmm, bekömmlich!

Abwechslung tut auch mal gut. Leichte Sommerkost, solange es noch sommerlich zugeht. Früher, wenn der Sommer mal besonders lange heiße Wochen beschert hatte, nannte man das gerne einen Biersommer. Bier schmeckt zwar zu jeder Jahreszeit, aber besonders im Sommer. Und Bier ist bekömmlich. Mit dem Wort vom „flüssigen Brot“ redeten sich die Biertrinker das aus Gerste Gebraute sogar als noch bekömmlicher zurecht. Und die Erfahrung zeigt, dass es ihnen tatsächlich bekommt. Seit Jahrhunderten ist es so. Als bekömmlich allerdings dürfen Brauereien Bier nicht anpreisen. Denn vor kurzem lasen wir die befremdliche Nachricht, eben dies zu tun, habe ein Landgericht einer schwäbischen Brauerei untersagt. Darf das das?

Was der Richtermund erläutert

Das darf das. Klein Erna selig würde jetzt empört gesagt haben: Dass das das darf! Nun, das Gericht begründet, warum es das darf. Es gibt nämlich eine EU-Verordnung, die, so lesen wir in der „FAZ“, „gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel regelt“. Darin seien Werbeaussagen für Getränke mit einem Alkoholgehalt von mehr als 1,2 Volumenprozent zugunsten ihrer Bekömmlichkeit generell verboten. Wir wissen: Das übliche helle Bier hat drei bis vier Prozent. Aus Richtermund war erläuternd zu hören, „es reiche aus, wenn ein Zusammenhang eines Lebensmittels mit der Gesundheit ‚suggeriert oder auch nur mittelbar zum Ausdruck gebracht’ werde. Das Wort ‚bekömmlich’ bringe in seiner Hauptbedeutung die Verträglichkeit für den Körper und seine Funktionen zum Ausdruck. Damit weise es objektiv – unabhängig von weiteren Erläuterungen – einen Gesundheitsbezug auf.“ Klar, bekömmlich bezieht sich auf Gesundheit; der verbalen richterlichen Verrenkungen bedarf es dazu nicht. Die EU-Verordnung zu Gesundheitsbehauptungen („Health-Claims-Verordnung“, gültig seit 1. Juli 2007) soll die Verbraucher vor irreführenden, wissenschaftlich nicht belegten Angaben bei Lebensmitteln schützen. Nichts dagegen, ist gewiss geboten.

Aber in Maßen genossen der Gesundheit durchaus zuträglich

Nach Ansicht der gerichtlich unterlegenen Brauerei steht das Wort „bekömmlich“ für Genuss und nicht für Gesundheit; so müsse man dies in Deutschland als dem „Land der Biere“ auch nennen dürfen. Je nun, auch Rauschgift steht bei den Süchtigen „für Genuss“. Bekömmlich ist es darum doch wohl nicht. Also, dieser Einwand der Brauerei zieht nicht so gut. Aber was soll beim Begriff „bekömmlich“ für das Lebensmittel Bier irreführend sein? Jedermann weiß: Da ist auch Alkohol drin, und nach einigen Bierchen soll man nicht Autofahren. Aber in Maßen (nicht in Massen) genossen, ist Bier nicht nur bekömmlich, sondern der Gesundheit durchaus zuträglich, ihr jedenfalls nicht abträglich.

Sind die Menschen wirklich so dämlich?

Jedermann weiß: Man kann sich auch mit Messer und Gabel umbringen, wenn man mit ihrer Hilfe ständig zu viel futtert. Und von Paracelsus wissen wir: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift ist.“ Soll also mit „bekömmlich“ nicht geworben werden dürfen, wenn es denn bekömmlich auch ist? Sind die Menschen wirklich so dämlich, um vom Staat paternalistisch wie Kinder behandelt zu werden? Und musste der Verband Sozialer Wettbewerb (VSW) in Berlin wirklich die Brauerei verklagen? Er musste nicht, aber solche Klagen sind sein Geschäftszweig und der zusätzliche Nachweis für seine Daseinsberechtigung.

Den Biertrinkern ist der Richterspruch völlig egal

Eines aber sei eingeräumt: Nicht bekömmlich ist ein Bierbauch. Gegen ihn freilich klagt niemand. Allenfalls über ihn, nämlich die Ehefrau. Andererseits: Viele fühlen sich mit ihm pudelwohl und ruhen gemütvoll in sich selbst. Also vielleicht doch bekömmlich? Werben aber sollten die Brauereien mit einem bekömmlichen Bierbauch wohl lieber nicht. Dann landen sie durch selbsternannte Verbraucherschützer vor Gericht. Die Biertrinker wird es nicht kümmern und muss es auch nicht. Ihnen kann der Richterspruch völlig egal sein. Sie werden ihren Gerstensaft als bekömmlich weitertrinken. Weil er ihnen bekommt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Bevormundung

Mehr von Klaus Peter Krause

Über Klaus Peter Krause

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige