29. Juli 2015

Der Fall Martin Dulski Wenn Schulschwänzer in der Klapse landen

Wer ist der wahre Psychopath?

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Bildquelle: www.shutterstock.com Schulverweigerer: Psychisch erkrankte Kinder?

Als Ende März diesen Jahres einige Staatsdiener an der Haustür der Familie Dulski aus Braunschweig anklopften, um den erst 17-jährigen Sohn, Libertären und Gymnasiasten Martin abzuführen, handelte es sich nicht um einen vorgezogenen Aprilscherz, sondern um bitteren Ernst: Martin sollte in die Klapse eingewiesen werden.

Was war geschehen? War Martin ein gemeingefährlicher Psychopath, vor dem die Gesellschaft dringend in Schutz genommen werden musste, um großes Unheil zu verhindern? War er ein Triebtäter, der sich nicht unter Kontrolle hat und anderen Menschen Schaden zufügt? Nein, weit gefehlt, der Bengel ist noch schlimmer: Er schwänzt die Schule. Was für ein Psycho!

Fragt man den nominalpsychischkranken Dulski nach den Gründen seiner schulischen Abstinenz, so entwickelt man irgendwie Verständnis für seinen Schulboykott. Martin langweilt sich in der Schule. Nach eigener Aussage bezeichnet er die Schule als „psychische Folter“. Wegen seiner Figur wurde er von seinen psychisch scheinbar als gesund erachteten Klassenkameraden gemobbt, später schossen sie ihn mit Softairpistolen ab. Als sich Martin beim Lehrpersonal beschwerte, unternahm dieses praktisch nichts. Es wurde zwar kurz auf das Waffenverbot hingewiesen, das war‘s dann aber auch. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um sich tagein, tagaus wie ein Schneekönig auf den Schulbesuch zu freuen.

Stillesitzen, Maulhalten, aufs Wort gehorchen und alles blind glauben

Wie es einem Martin Dulski in der Schule so geht, ist dem Staat ziemlich egal. Es ist nicht in seinem Interesse, libertäre Sturköpfe und Querdenker wie ihn heranzuzüchten, die in ihm ihren großen Feind sehen. Der Staat hat das Schulwesen nicht deshalb okkupiert, um eine libertäre und antietatistische Systemopposition auszubilden, sondern um über ein effizientes Herrschaftsmittel zu verfügen, mit dem sich Mission in eigener Sache, sprich die Einimpfung des Staatsglaubens in breiten Bevölkerungsschichten, durchführen lässt. Wohl kaum jemand hat dies deutlicher ausgedrückt als der deutsche Individualanarchist Walther Borgius: „Die Schule ist ein raffiniertes Herrschaftsmittel des Staates, geschaffen, um von Kindesbeinen an alle Staatsangehörigen an Gehorsam zu gewöhnen, ihnen die Suggestion von der Notwendigkeit des Staates in Fleisch und Blut übergehen zu lassen, jede Emanzipationsidee im Keime zu lähmen, die Entwicklung ihres Denkens in wohlgelegte Bahnen zu lenken und sie bequem zu regierbaren, demütigen Untertanen zu drillen.“

Auch ein Martin Dulski hat den staatsschulischen Einheitsbrei zu schlucken, selbst wenn ihn nach jeder Portion Staatsschule der Brechreiz packt. Ein kotzender, aber höriger Martin ist dem System Staat immer noch lieber als ein eigenständig denkender und womöglich gar rebellierender Martin. Daher gilt es, Leute wie ihn vom eigenständigen Denken weitestgehend abzuhalten, ihnen jegliche Individualität zu rauben, sie zu Systemtrotteln zu formen, um das staatliche Wesen bloß nicht zu gefährden. Dazu wieder Walther Borgius: „Stillesitzen, Maulhalten, aufs Wort gehorchen und blind glauben, was der Vertreter des Staates sagt und lehrt – das sind die unschätzbaren Errungenschaften, welche der vieljährige Schulbesuch der Kinder vom Erwachen ersten Denkens bis zur eigenen Erwerbsfähigkeit dem Staate einträgt.“

Um auch ja zu gewährleisten, dass alle brav zur Schule gehen und sich dort indoktrinieren lassen, setzen einige Staaten, allen voran Deutschland, auf die Schulpflicht: Kinder werden dazu gezwungen, das staatlich festgelegte Bildungsangebot wahrzunehmen und somit halb- und im zunehmenden Maße auch ganztägig zu Staatseigentum – in dieser Zeit gehören die Kinder nicht sich selbst, nein, auch nicht ihren Eltern, sondern dem Staat. Roland Baader sprach von einem „vom staatlichen Gewaltmonopol betriebenen Massenkidnapping der Kinder und Jugendlichen zum Zwecke der beliebigen Indoktrination“.

Wer sich dem schulischen Massenkidnapping widersetzt und aufmuckt, wird zumindest in Deutschland bestraft, etwa indem er wie Martin Dulski für psychisch krank erklärt und in die Irrenanstalt eingewiesen wird. So einfach ist das.

Psychiatrische Anstalten: Die Aussortierung Unerwünschter

Auch die besagten psychiatrischen Anstalten hat der Staat, der sich gerne therapeutisch nennt, okkupiert, lassen sich doch in ihnen unerwünschte Menschen wunderbar aussondern, wie der Psychiater Thomas Szasz in seinen Büchern eindrucksvoll beschrieb. Dass diese unerwünschten Menschen dabei nach medizinischen Maßstäben nicht einmal krank sein müssen – sondern lediglich „anders“ oder „unkonventionell“ – und dass die Psychiatrie immer wieder große Schwierigkeiten damit hat, überhaupt zu definieren, was eine psychische Krankheit ist und was nicht, leistet Fehleinweisungen Vorschub. Man denke nur an den Fall Gustl Mollath, oder eben an Martin Dulski. 

Und selbst wenn jemand tatsächlich psychisch krank sein sollte, darf doch bezweifelt werden, dass eine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt gegen den Willen der betreffenden Person der richtige Weg ist. Von psychiatrischer Seite wird zwar häufig argumentiert, dass man bestimmte Personen, die als Psychiatriepatienten (de)klassifiziert werden, in deren „eigenem Interesse“ ihrer Freiheit beraube. Was wäre aber, wenn man die deklassifizierten Psychiatriepatienten in deren „eigenem Interesse“ ihres Lebens oder Eigentums berauben würde? Der Aufschrei wäre groß. Weit hergeholt ist der Vergleich jedoch nicht, ist doch das Recht auf Freiheit, neben dem Recht auf Leben und dem Recht auf Eigentum, einer der drei Grundpfeiler der liberalen Tradition. Wenn jemand gegen seinen Willen hingerichtet, eingesperrt oder mit einer Geldstrafe belegt wird, kann man davon ausgehen, dass er dies als Bestrafung empfindet, die oftmals ungerechtfertigt ist. Im Idealfall sollte die Krankheit eines Menschen ihm nicht seine Rechte rauben, schon gar nicht, wenn er anderen Menschen keinen Schaden zugefügt hat.

Wer ist hier der wahre Psychopath?

Martin Dulski ist psychisch gesund und hat niemandem etwas getan. Er hat lediglich die Schule geschwänzt, was vom Staat als „selbstschädigendes Verhalten“ aufgefasst wurde, so als ob der Staat besser wüsste, was Martin will und was gut für ihn ist, als er selbst. Wirklich gut tat Martin der Aufenthalt in der geschlossenen Anstalt nicht, wie er schildert: „Man ist 24 Stunden am Tag eingesperrt. Ich wurde dort mehrmals von einem aggressiven Jungen angegriffen und jedesmal für noch so geringe Vergehen bestraft. In meinen zwei Monaten dort hatte ich insgesamt vielleicht drei oder vier Arztgespräche.“ Der therapeutische Staat at its best!

Ein Staat, der so sehr auf die Schulpflicht pocht, dass er in seinem Wahn das Schulschwänzen nicht bloß als Ordnungswidrigkeit, sondern auch noch als psychische Krankheit ansieht und Schulschwänzer wie psychisch kranke Schwerverbrecher behandelt, muss tief gesunken sein – er ist womöglich der schlimmste aller Psychopathen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Freitum.

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