27. Juli 2015

Jugendwort des Jahres Langenscheidts alternde Berufsjugendliche

Ganz schön uncool

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Bildquelle: shutterstock Alpha-Kevin: Opfer eines Shitstorms

Seit 2008 sucht der Langenscheidt-Verlag das „Jugendwort des Jahres“ – und musste nun erstmals einen Vorschlag wegen Diskriminierungsvorwürfen zurückziehen. Da haben die mehr oder weniger kreativen Wortschöpfer aus München diesmal ganz schön tief ins Klo gegriffen: Ausgerechnet einen Teil ihrer werberelevanten Zielgruppe haben sie verprellt. Dabei wollten sie doch nur cool sein – oder vielmehr „bambus“, wie der Teenie von heute sagt. Denn dieses Jugendwort scheint es tatsächlich zu geben. Bei vielen anderen Wortschöpfungen, mit denen uns Langenscheidt Jahr für Jahr überrascht, ist man sich da weniger sicher. Das zeigt auch die Präferenz für die 30 Nominierungen in der Online-Abstimmung: 90 Prozent der Begriffe rangieren bei den Jugendlichen nämlich unter ferner liefen. Vermutlich, weil sie viele der Kreationen aus ihrem eigenen Sprachgebrauch gar nicht kennen. Immer wieder hat man das Gefühl, dass sich Langenscheidt beim Aufspüren von Jugendsprache nicht ganz so nah am Puls der Zeit bewegt, wie man gerne vorgibt. Denn selbst die zur Jahrtausendwende Geborenen scheinen mit „skyen“ (verliebt sein), „gesichtspalmieren“ (etwas extrem peinlich finden) und „threestaren“ (etwas perfekt erledigen) nichts anfangen zu können – alle drei Begriffe liegen derzeit bei null Prozent.

Ein Favorit hatte sich hingegen frühzeitig herauskristallisiert. Doch „Alpha-Kevin“ musste nach nur wenigen Tagen klar auf Platz eins liegend dem Shitstorm der deutschen Kevins weichen – und hat die Führung an „merkeln“ (einfach nichts tun) abgetreten. Kleinlaut betont Langenscheidt, man spüre „die persönliche Betroffenheit“ und habe nicht im Sinn gehabt, „konkrete Personen zu diskriminieren“. Der Begriff steht nämlich synonym für den „Dümmsten von allen“. Gerne ruft man sich da die im westfälischen Dialekt vorgetragenen Sketche in Erinnerung, bei denen neben Kevin eine gewisse „Schackeline“ die Hauptrolle spielte. Doch die Witzchen hatten ihre Hochzeit bereits in den 1990er Jahren und sind damit nur der Generation „Ü30“ überhaupt ein Begriff. Vermutlich sitzt aber gerade diese im Kreativ-Team der Münchner Verleger. Kevin hat seine besten Tage ohnehin hinter sich: In der Hitliste der beliebtesten Vornamen lag er 2014 abgeschlagen auf Platz 177. Um das Jahr 2000 herum wurden hingegen viele Kevins geboren, was sicher ein Grund dafür ist, dass „Alpha-Kevin“ den heute 15-Jährigen so bitter aufstößt. Dass sich jedoch Langenscheidt dem Druck der Straße beugt, ist mindestens ebenso zum „Gesichtspalmieren“ wie die eigentliche Auswahl der vermeintlichen Jugendworte.

Nun also ist der dumme Kevin Geschichte und die faule Merkel Favorit. Aus dem Kanzleramt verlautete dazu bisher nichts, hätte doch auch Angela Merkel allen Grund, die Bezeichnung herabwürdigend zu finden. Zwar haftet ihrem Politikstil zu Recht der Makel an, nicht wirklich zu regieren, sondern die jeweils neueste Umfrage für gelegentliche Stellungnahmen abzuwarten, doch hat es schon eine andere Qualität, wenn der selbsternannte „Wörterbuchverlag Nummer eins“ dies zur offiziellen Sprachregelung erklärt. Sei‘s drum, der Jugend gefällt‘s. Schon jetzt ist absehbar, dass „merkeln“ wohl das Rennen machen wird. Und Langenscheidt hat sich einmal mehr für einige Zeit ins Gespräch gebracht. Einen Beigeschmack hat die Posse aber doch: Sie lenkt unseren Blick auf die seit Jahren von Medien und Politik gepflegte Empörungskultur. Der öffentliche „Pranger der Guten“ gibt heute nicht nur jedem immer und überall das Recht, sich diskriminiert zu fühlen, sondern auch die Macht, Unternehmen und Gesellschaft nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Dieser Befund wiegt weit schwerer als die ausgedachten Albernheiten alternder Berufsjugendlicher.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.

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