22. Juli 2015

Der Euro Ein Mühlstein am Hals der europäischen Idee

Die europäische Integration hat ihren Glanz verloren

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Bildquelle: shutterstock Bleibt zu hoffen: Alternativen wachsen

Auf einem langen Weg zu einem fernen Ziel kann es vorkommen, dass der Wanderer vergisst, warum er eigentlich zu diesem Ziel wollte. So verhält es sich mit der gemeinsamen europäischen Währung. Der Euro ist einmal eingeführt worden, um Europa näher zusammenzuführen, und für Deutschland war wichtig, in eine europäische Völkergemeinschaft integriert zu sein. Die Feindseligkeiten des 20. Jahrhunderts sollten überwunden werden. 

Wo stehen wir stattdessen? Rechts- und linkspopulistische Parteien in der EU haben regen Zulauf. Im Europaparlament sind die euroskeptischen Parteien so stark vertreten wie noch nie zuvor. Die Massenarbeitslosigkeit treibt eine ganze Generation junger Europäer in die Radikalisierung. Die Vorurteile zwischen den Nationen sind größer, als sie Jahrzehnte lang waren. Die Feindseligkeit gegenüber Deutschland als dem größten Gläubiger der Euro-Zone hat ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß erreicht. 

Den Kritikern des Euro ist oft Befangenheit im nationalstaatlichen Denken vorgeworfen worden, aber der Euro hat in Europa den größten Nationalisierungsschub seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Die europäische Integration hat den Glanz verloren, den sie über viele Jahrzehnte besessen hat. Aus einer Völkergemeinschaft wurde eine Gemeinschaft von säumigen Schuldnern und geprellten Gläubigern. 

Eine Europäische Union ohne die fehlkonstruierte Einheitswährung würde heute nicht nur in der Welt besser dastehen, hätte weniger Arbeitslosigkeit und Schulden, sondern wäre auch handlungs- und reformfähig. Der Binnenmarkt war ein Erfolgsmodell, die Freizügigkeit, gemeinsame Staatsbürgerschaft und Kooperationen auf den verschiedenen Ebenen und die Wiedervereinigung von West- und Osteuropa in einem gemeinsamen Staatenbund waren historische Erfolge. Dass diese Leistungen nicht mehr wahrgenommen, weiter verfolgt und ausgebaut werden, liegt ganz wesentlich am Euro und seiner Krise. 

Die Europäische Union könnte heute viel dazu beitragen, den internationalen Handel zu liberalisieren, bei der Schaffung eines afrikanischen Binnenmarktes zu helfen, der den Menschen dort eine Alternative bietet, den Binnenmarkt in Europa weiter auszubauen und auf den Bereich von Service und Dienstleistungen auszuweiten. Das alles ist schwer zu erreichen, solange die Euro-Krise alle Kräfte in Beschlag nimmt. Der Euro ist kein Motor der Integration, sondern ein Mühlstein am Hals der europäischen Idee.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Open Europe Berlin.

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