07. Juli 2015

Solarflieger Spirit of bullshit

Eine epochale Wende der Menschheit?

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Bildquelle: Wikimedia Commons Rotiert wahrscheinlich: Charles Lindbergh

Wer in irgendein Buch der Rekorde eingehen möchte, hat viele Optionen. Er kann versuchen, den „Weltrekord für die größte Mundöffnung“ zu knacken (hält derzeit ein Bernd Schmidt) oder führend in der Disziplin werden, Automarken am Klang zuschlagender Fahrzeugtüren zu erkennen (wurde mal in „Wetten dass…“ praktiziert). Noch vakant: der Titel, als erster einbeiniger Sehbehinderter mit Höhenangst die Eigernordwand durchstiegen zu haben. Die meiste mediale Aufmerksamkeit ist aber demjenigen gewiss, der nicht bloß was Spitzendoofes anstellt, sondern dabei auch noch die Welt rettet. Wie die Schweizer André Borschberg und Bertrand Piccard, die mit ihrem durch 17.000 Solarzellen angetriebenen Männerspielzeug „Solar Impulse 2“ derzeit die Welt umrunden.

Die tollkühnen Eidgenossen wechseln sich am Steuer des 72 Meter breiten Carbonfaservogels ab. Denn der 2,3 Tonnen schwere, 90 Stundenkilometer schnelle Ökoflieger verträgt außer einem einzigen Piloten an Bord so gut wie keine Zuladung.

Nachdem Borschberg in China wochenlang auf günstiges Wetter gewartet hatte, brachte er die fliegende Solarkiste via Japan schließlich in Hawaii stolz wie Bolle zur Landung. Da jubelte nicht nur das 30-köpfige Kontrollzentrum in Monaco, von wo aus das etliche Millionen teure Projekt gesteuert wird (Sponsor unter anderem: die Luxusmarkengruppe Moët Hennessy). Es jubelte auch die Pressemeute, als ihr Borschberg den kühnen Satz ins Notizbüchlein diktierte: „Niemand kann jetzt mehr sagen, dass Erneuerbare Energien nicht das Unmögliche vollbringen können.“

Alle Medien berichteten selig, von der dpa bis zu Spiegel online, von der „Zeit“ bis zur „Süddeutschen“. Und die Jungs und Deerns von der „taz“ machten sich fast die Büxen nass ob des Projekts. Das für sie „kein Flugzeug“, sondern „ein Statement“ ist. In dem die Genossen gar das Zeichen für „eine epochale Wende der Menschheit“ zu erkennen wähnten.

Natürlich schielt die Aktion der Schweizer Luftikusse auf Charles Lindbergh, dem 1927 die erste nonstop und allein unternommene Atlantiküberquerung gelang. Lindbergh war ein Luftfahrtpionier in dem Sinne, dass sein Flug im einmotorigen Hochdecker Ryan NYP, getauft auf den Namen „Spirit of St. Louis“, tatsächlich bahnbrechend war. Gut zehn Jahre danach flogen auch Passagiermaschinen über den Atlantik.

Die Schönwetterpiloten in ihrer gesponserten Hobbymühle dagegen bewegen gar nichts, abgesehen von den eigenen Ärschen. Stromerzeugung mittels der erratischen Solartechnik ist schon am Boden weitgehend sinnlos, weil immer konventionelle Kraftwerke im Hintergrund mitlaufen oder bereit gehalten werden müssen. Für richtige Flugzeuge wäre ein Antrieb per Solarkraft ungefähr so effektiv wie ein Eis am Stiel zur Kühlung einer Fischfabrik. Es sei denn, man gäbe jedem Solarliner ein konventionelles Flugzeug mit auf den Weg, das den Sonnenvogel bei Bedarf auf den Haken nimmt.

Und auch für das Nichts-ist-unmöglich-Getröte der Solarlobby eignet sich das Solarmobil schlecht. Dermaßen dämlich, einen teuren Spleen von zwei aufmerksamkeitssüchtigen Gschaftlhubern mit dem Durchbruch der Solarenergie zum Global Player zu verwechseln, sind die meisten Menschen denn doch nicht. Wie die Reaktionen vieler Leser zeigten, die sich über den grotesken Medienhype des jämmerlichen Aeroplans ärgerten. Einer brachte die Kosten-Nutzen-Rechnung auf den Punkt: „Sorry, das Ding kostet schlicht Millionen und kann nichts.“ Ganz ähnlich der Solarenergie als solcher.

Demnächst fliegt die Solar Impulse 2 weiter in Richtung Festland-Amerika. The spirit of bullshit never dies.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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