04. Juli 2015

Propaganda Die segensspendenden Dimensionen der Umetikettierung

Dann bitte konsequent

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Bildquelle: blu news Islamisch oder deutsch: Ersatz wird gesucht

Vor kurzem erklärte mir ein muslimischer Intellektueller, dass er bei dem Begriff „Islamischer Staat“ eine ohnmächtige Wut empfinde, weil diese Banditen seine Religion entehrten. Dem Manne kann vielleicht geholfen werden, und zwar auf eine inzwischen bekannte launige Weise, von deren riesenamöbenhafter Qualität wir wahrscheinlich aber immer noch keine rechte Vorstellung besitzen. Den jüngsten Mordanschlag in Tunesien zum Anlass nehmend, plädieren mehr als hundert englische Parlamentarier in einem Aufruf an die BBC dafür, das aktuelle Kalifat künftig nicht mehr mit seiner Eigenbezeichnung als „Islamischer Staat“ zu titulieren – da es sich bei 30 der 38 Todesopfer um Briten handelte, war damit zu rechnen, dass die englischen Löwen als erste zurückbeißen würden. Ein eindrucksvoller Ersatzbegriff wird einstweilen noch gesucht.

Ich begrüße dieses Prinzip sehr. Mich nämlich und wiederum ärgert es schon seit langem, dass die Schandtaten der Nationalsozialisten seit Jahrzehnten schlechterdings zu deutschen Verbrechen verallgemeinert werden, und ich möchte, dass auch diese Beschmutzung einer im Grunde untadeligen Gemeinschaft, bis hin zu Frau Merkels Worten, der NSU sei „eine Schande für Deutschland“, ein für alle Mal beendet wird. Sensiblere Gemüter als ich dürfen sich von den Termini „national“ und „sozialistisch“ in der Selbstbenennung des Hitlerschen Regimes fortan viertelwegs inkommodiert fühlen. Apropos: Ist nicht die Lehre des nächstenliebenden, sanftmütigen Karl Marx durch Lenin und Stalin dermaßen vergewaltigt worden, dass von Marxismus und Kommunismus bei der Etikettierung ihres Treibens nun wirklich keine Rede sein kann beziehungsweise dürfte? Auch die sogenannte „Herrschaft des weißen Mannes“ bedarf einer retrospektiven semantischen Differenzierung. Die Untaten der Spanier in Südamerika? Die meisten waren doch zu Hause! Außerdem war es nun weiß Gott nicht christlich, die Heiden abzumurksen, statt sie zu missionieren. Selbst die Hexenverfolgung wird sich als summarisch katholische schwer aufrechterhalten lassen. Und was kann der Fußball dafür, wenn Frauen ihn spielen? Suche weitere Beispiele!

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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