25. Juni 2015

Griechenland Der größte Haircut aller Zeiten

Ein Schuldennachlass wie nach dem Zweiten Weltkrieg

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Bildquelle: shutterstock Ohne Deckung: Der Euro als Kampfzone

Die griechische Regierung ist mit der Forderung nach einem Schuldenschnitt in die noch andauernden Verhandlungen mit dem IWF und den Euro-Staaten gegangen. Oft wird darauf verwiesen, dass auch Deutschland im Londoner Schuldenübereinkommen von 1953 Schulden erlassen worden sind. Es sei darum nur recht und billig, wenn auch Griechenland für einen Neuanfang Schulden erlassen würden.

Das ist sicher nicht ganz falsch. Wenn die Staatsschuld eine gewisse Höhe erreicht hat, die es schon rein rechnerisch kaum möglich macht, diese Kredite zu bedienen, geschweige denn zurückzuzahlen, dann muss über einen Schuldennachlass verhandelt werden. Es fällt aber in der aktuellen Debatte oft unter den Tisch, dass Griechenland genau dieses Entgegenkommen bereits erfahren hat, mit dem Ergebnis eines der größten Schuldennachlässe der Finanzgeschichte.

Bereits im Jahr 2010 waren die Analysten des IWF zu dem Ergebnis gekommen, dass die Schulden Griechenlands mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nachhaltig waren, das heißt langfristig mit großer Wahrscheinlichkeit kaum zurückgezahlt werden würden. Der IWF sah sich deshalb immer weniger in der Lage, Griechenland mit Krediten versorgen zu können, da insbesondere die Direktoren des IWF, die lateinamerikanische Länder vertraten, eine Sonderbehandlung Griechenlands ablehnten.

Die Vorschläge, die Schulden Griechenlands neu zu strukturieren, stießen am Anfang auf erhebliche Ablehnung. Wie so oft in den vergangenen Jahren wurde das, was zuerst als unmöglich dargestellt wurde, innerhalb kurzer Zeit Realität.

Die Staats- und Regierungschefs der EU schlugen am 26. Oktober 2011 eine Anleihebörse vor, die den Wert der griechischen Schulden, die sich in den Händen von Privateigentümern befanden, um 50 Prozent reduzieren sollte. Der politische Druck führte dazu, dass im April 2012 ganze 97 Prozent der Privatanleger zustimmten, dass sich der Nominalwert ihrer Anlagen in griechischen Staatsanleihen halbierte. Das entsprach einem Schuldennachlass für Griechenland von 100 Milliarden US-Dollar.

Das war möglich geworden, da 60 Prozent der griechischen Anleihen von Banken und Großinvestoren gehalten wurden, die von der Politik leicht unter Druck zu setzen waren. Außerdem waren 86 Prozent der Anleihen nach griechischem Recht herausgegeben worden, was dem griechischen Parlament die Möglichkeit bot, den Wertverlust durch Parlamentsbeschluss herbeizuführen.

Im Vergleich dazu lag das Volumen der Schuldforderungen an Deutschland, über die 1952 in London verhandelt wurde, bei 29,7 Milliarden D-Mark. Die Bundesrepublik, als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches, erreichte damals eine beträchtliche Reduzierung der Schuldforderungen auf 14 Milliarden D-Mark, die bis zum Jahr 1988 zurückgezahlt werden mussten.

Selbst bei Einrechnung des Kaufkraftverlustes der D-Mark in diesem Zeitraum wird man zu dem Ergebnis kommen, dass Griechenland als Land mit zehn Millionen Einwohnern in einer Größenordnung von Schuldforderungen entlastet worden ist, wie Deutschland mit damals fast 70 Millionen Einwohnern nach dem furchtbarsten Krieg der Weltgeschichte.

Der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen bewertet die Umstrukturierung der griechischen Schulden im Jahr 2012 so: „Es war die größte Schuldenumwandlung seit dem Zweiten Weltkrieg. Es war die größte Schuldenumwandlung der Geschichte.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Open Europe Berlin.


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