22. Juni 2015

Ruhezone in einer Strandbar Mein Kind, mein Hund

Ein Plädoyer für mehr Eigenverantwortung

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Bildquelle: shutterstock Protest: Die Toleranten bleiben zu Hause

Die „Augsburger Allgemeine“ holt sich diesmal den „Klodeckel des Tages“ ab. Mit ihrer Headline zur Diskussion über ein Verbotsschild in einer Düsseldorfer Strandbar beweist sie, wie wenig es dem Journalismus unserer Zeit noch auf seriöse Berichterstattung ankommt. Längst kann man Kommentare kaum mehr von Nachrichten unterscheiden. Die Grenzen verschwimmen, weil inzwischen auch die Chefredaktionen von Zeitungen mit mehr als vier Buchstaben reißerischen Journalismus unterstützen. Angeblich wolle der Leser lieber „meinungsstarke“ Artikel statt sachlicher Informationen. Natürlich geht es dabei jedoch vor allem um Quote und Auflage. Anlass des Aufregers ist einer der schönsten und bekanntesten Biergärten Düsseldorfs. Dessen Betreiber hatte den Strandbereich zur kinder- und hundefreien Zone erklärt. Nach endlosen Bemühungen, einige Gäste zu mehr Rücksichtnahme zu bewegen, sah er sich im Frühjahr zu diesem Schritt gezwungen. In den sozialen Netzwerken wird dies seither rege diskutiert – und die „Augsburger Allgemeine“ spricht von „großer Empörung“. Wie so oft in der Berichterstattung wird auch hier die Lautstärke protestierender Gegner fälschlicherweise als Gradmesser für die Gesamtempörung herangezogen. 

Dabei waren die meisten Rückmeldungen durchaus verständnisvoll, viele gar ausgesprochen positiv. Und auch die Besucher der Strandbar empfinden die Regelung als echten Gewinn. Wo ehemals Kinder unter Billigung ihrer Eltern andere Gäste mit Sand bewarfen und Hundebesitzer sich am großen Geschäft ihrer Vierbeiner erfreuten, kann man heute – nur noch gestört von den Mücken – die Seele baumeln lassen. Er habe selbst drei Kinder und sich mit dem Schritt schwer getan, gibt der Wirt des „Sonnendecks“ unumwunden zu. Aber vor allem der fehlende Wille vieler Eltern, ihrer Aufsichtspflicht nachzukommen, habe ihm keine Wahl gelassen. Damit ist das Dilemma treffend beschrieben, und es könnte kaum glaubwürdiger sein als aus dem Mund eines dreifachen Vaters. Viele junge Eltern haben ein Verständnis von Kindererziehung entwickelt, das sich nahtlos in die allgemeine Auffassung davon einfügt, was eine Gesellschaft angeblich zu leisten habe. Ob in der Sozialpolitik, in Fragen des öffentlichen Zusammenlebens oder beim Dauerbrenner Integration – stets ist es nicht etwa der Einzelne, dem besondere Anstrengungen abverlangt werden, sondern der große Rest, der gefälligst alles dafür tun soll, die Situation zu lösen – freilich ohne Mühen oder Härten für das betroffene Einzelschicksal. 

Auch viele Eltern scheinen zu glauben, dass sie die Verantwortung für ihre Kinder außerhalb der eigenen vier Wände an die Gesellschaft abgeben können. Ob in der Schule, im Sportverein oder eben in Restaurants und Cafés. Dabei steht völlig außer Frage, dass Kompromisse immer gefordert und auch nötig sind. Querulanten, die ihr Haus neben einem Sportplatz bauen und sich anschließend über den Kinderlärm beschweren, braucht niemand. Auch Kindergärten und Spielplätze gehören selbstverständlich zum öffentlichen Leben und sollten keinen Anlass zu Klagen geben. Schnell werden diese Beispiele von aufgebrachten Eltern als Totschlagargument ins Feld geführt, doch um derlei Selbstverständlichkeiten geht es nicht. Es geht um viel Grundsätzlicheres: Wie sehr lassen wir zu, dass der Einzelne die Verantwortung für seinen Lebensentwurf an die Gesellschaft abtritt – sei es in der Kindererziehung oder anderswo? Und wie stehen wir zum Schutz von Privateigentum und Privatsphäre? Wer aus dem Wunsch der Gäste Kinderfeindlichkeit konstruiert, für ihr Geld ein gepflegtes und erholsames Ambiente vorzufinden, argumentiert unredlich. Statt gegen das Hausrecht zu polemisieren, sollten sich die Empörten lieber fragen, ob sie selbst jene Toleranz aufbringen, die sie für sich einfordern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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