26. Mai 2015

Gustave de Molinari Pionier des Anarchokapitalismus

Ein Leben lang gegen staatliche Aggression

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Bildquelle: shutterstock So vertrauenswürdig wie die Gravitation: Der freie Markt

Der in der Edition Freitum vor kurzem endlich auch in deutscher Sprache erschienene Essay „Produktion der Sicherheit“ von Gustave de Molinari (1819-1912) ist für die radikalsten – und konsequentesten – Vertreter des Libertarismus, die Anarchokapitalisten, von besonderer Bedeutung, lässt sich doch mit seinem Erscheinen im Jahre 1849 die Geburtsstunde dessen, was heute als „Anarchokapitalismus“ bezeichnet wird, datieren.

Als glühender Verfechter des freien Marktes stellte sich der konsistent denkende Molinari eine grundlegende Frage, der die meisten Liberalen in den Jahrhunderten zuvor aus dem Wege gegangen sind: Wenn der Markt nach Möglichkeit sonst schon alle gewünschten Güter bereitstellt, warum dann nicht auch Schutzdienstleistungen? Die Menschen hätten doch ein natürliches Bedürfnis nach Sicherheit, und es ist ja bekanntlich der Markt, der sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.

Dass ausgerechnet die Regierung – und nur die Regierung – dieses Bedürfnis nach Sicherheit befriedigen soll, wurde und wird von kaum jemandem – nicht einmal von den klassisch Liberalen – hinterfragt, machte Molinari aber stutzig: Der belgische Ökonom vertraute den Kräften des freien Marktes genauso wie dem Gravitationsgesetz, weshalb er dafür plädierte, die Produktion der Sicherheit dem freien Wettbewerb auszusetzen, da man den Menschen nur auf diese Weise die größtmögliche Sicherheit zum niedrigsten Preis anbieten könne. (In einem seiner letzten Werke relativierte Molinari diese Sichtweise.)

Selbst für die toleranten, prinzipiell an kontroversen Ansichten interessierten Liberalen muss der Vorstoß von Molinari fast schon eine Provokation gewesen sein. Zwar waren auch sie Gegner eines zu mächtigen Staates, hielten diesen jedoch für notwendig, da sie davon ausgegangen sind, dass es einige wenige Aufgaben gibt, die freie Individuen auf dem freien Markt durch freiwillige Zusammenschlüsse nicht lösen können, wie etwa die Polizei, die Gerichte und die Landesverteidigung. Molinari widersprach dieser Sichtweise, sodass sich dem Leser seines Essays zwangsläufig die Frage nach der Existenzberechtigung des Staates stellt, wenn dem Staat bei Molinari selbst die Kompetenzen als „Nachtwächter“ abgesprochen werden.

Dies war auch Molinaris Ziel. Ihm wird wohl bewusst gewesen sein, dass die Schlussfolgerungen seines Essays als utopisch erachtet würden. Seinen Argumenten, ihrer Logik und Überzeugungskraft tat dies jedoch keinen Abbruch. Molinari regte zu regierungskritischem Denken an. Er war dabei noch radikaler als seine laissez-faire-liberalen Mitstreiter aus Frankreich, das damals noch durchaus eine Hochburg des freiheitlichen Denkens war – man denke nur an den eloquenten Frédéric Bastiat, der Molinari zunächst bestärkte, sich in der Ligue pour la Liberté des Échanges (Freihandelsbund) zu engagieren, und ihn dann in seinem Totenbett liegend als Weiterführer seiner Arbeiten bezeichnete, auch wenn Bastiat der Ansicht war, dass Gerechtigkeit und Sicherheit nur durch staatliche Gewalt gewährleistet werden können – eine Ansicht, der Molinari in seinem Essay über die Produktion der Sicherheit widersprach.

Molinari kann bedenkenlos als einer der größten Freiheitsdenker seiner Zeit bezeichnet werden. Er setzte sich sein ganzes langes Leben lang für Frieden und Freiheit und gegen Sklaverei und staatliche Aggressionen ein. Für ihn galt: Freiheit vor Staat! Dies mag romantisch klingen, ist aber grundvernünftig.

Um dem zunehmenden Staatsglauben, dem stärker werdenden Etatismus etwas entgegenzusetzen, ist nun Molinaris „Produktion der Sicherheit“ in deutscher Sprache in Buchform erschienen. Dies ist auch Jörg Guido Hülsmann und Reinhard Stiebler zu verdanken, die den Essay ins Deutsche übersetzt haben. Und auch andere Werke Molinaris, etwa „Die Soireen in der Rue St. Lazare“, werden demnächst auf Deutsch erscheinen.

Das Buch kann bei Amazon bestellt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Freitum.


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