14. April 2015

Zum Tod von Günter Grass Nicht neben dem Weimarer Weltweisen

Der „Mahner“ frönte nur dem sozialdemokratischen Habitus

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Nachdem mit Marcel Reich-Ranicki der größte Kritiker seit Saruman das Zeitliche segnete, hat sich nun der größte Literat des 20. Jahrhunderts beziehungsweise der Neuzeit in die Ewigkeit absentiert. Das Vermächtnis von Günter Grass werde neben dem von Goethe stehen, verkündete etwa die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Leider fragte sie keiner: Warum denn? (Kamerad J. juxt, sie habe es bloß alphabetisch gemeint.)

Ähnlich enthemmt fiel das Statement von Nobelpreisjuror Per Wästberg aus, Grass sei von der Schwedischen Akademie als „der Höhepunkt des 20. Jahrhunderts“ verstanden worden. „Die Entscheidung damals“, also die No-Böll-Preis-Verleihung an den nunmehr – aber nur hienieden! – Verblichenen im Jahr 1999, „war eine ganz bewusste. Er war das 20. Jahrhundert, mindestens nach Thomas Mann.“ Also sprach Per Wästberg. Woraus gefolgert werden darf, dass der „Stockholmer Elferrat“ (Eckhard Henscheid) den Preis immerhin anno 1999 ganz bewusst vergeben hat, denn dergleichen scheint eher die Ausnahme gewesen zu sein. Erinnern wir uns daran, welche Autoren die Jury in dem besagten und nunmehr also Grassschen Jahrhundert nicht geehrt hat, auf dass wir die ganze Größe des Heimgegangenen ermessen können: Proust, Kafka, Joyce, Joseph Conrad, Hofmannsthal, Doderer, Musil, Brecht, Rilke, George, Benn, Friedell, Karl Kraus, Chesterton, Isaak Babel, Bulgakow, Ernst Jünger, Lampedusa, Italo Svevo... ich breche hier ab.

Jeder einskommafünfte Nachruf betonte, Grass sei ein großer politischer „Mahner“ gewesen, natürlich von links, weil das nach dem (sozial-) demokratischen Katechismus nämlich Hauptaufgabe und Habitat des echten Künstlers ist, und am Ende dürfte das berühmteste schreibende SPD-Mitglied damit am treffendsten charakterisiert sein. So ruhe er denn in Mahnfried. Hätte sich Grass auf der anderen politischen Seite betätigt und beispielsweise Franz Josef Strauß statt Willy Brandt vollgequasselt, wir hörten heute keinen Mucks von wegen Klassiker und Weltliteratur, das „Stockholmer Nobelpreis-Roulette“ (nochmals Henscheid) wäre über ihn hinweggegangen, und es gäbe heuer bloß ein paar gesetzte, wenngleich kundige Nekrologe auf einen achtbaren Autor, der er ja, sofern er nicht zu „mahnen“ anfing, durchaus zuweilen war. Die Tatsache, dass er „ein wunderbarer Demokrat“ gewesen sei, wie der unvermeidliche Heribert Prantl ihm hinterherposaunte (aber ist das denn kein Pleonasmus, Gevatter?), stellt den so bestürzend genrefern Befaselten jedenfalls gerade nicht neben den Weltweisen aus Weimar. Wenig ist egaler als die politischen Überzeugungen eines Künstlers, und entsprechend dämlich fallen sie ja meistens aus. Sobald sie aber sein Werk berühren, wird es minderwertig.   

Doch halten wir die nunmehr offizielle Version fest: Das 20. Jahrhundert war literarisch das von Günter Grass, und er wird neben Goethe stehen. Was die Aussage der sogenannten Kulturstaatsministerin angeht: Ich habe die nicht gewählt, ich habe nie eine(n) von denen gewählt und fühle mich also schuldlos, wenngleich durchaus angewidert, in einem Land zu leben, wo dergleichen exorbitante Dümmlichkeiten aus offiziellem Munde allzeit möglich und zu gewärtigen sind. In einem Kulturstaat wäre dergleichen undenkbar. Dort gäbe es aber auch kein angeblich für Kultur zuständiges Ministerium.     

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.

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