14. April 2015

ef 152 Editorial

Ohne Germanwings- und Bismarck-Fimmel

Beginnen wir mit dem, was Sie in diesem Heft nicht erwartet. Kein Wort zum Germanwings-Absturz. Es reicht, die vielleicht ekelhafteste und schamloseste Geschmacklosigkeit der deutschen Pressegeschichte zu zitieren, erschienen, wo sonst, in der „Bild“-Zeitung, die für das Ausbeuten der „toten Kinder aus Haltern“ sogar ihre tägliche Russland-Hetze pausieren ließ: „Was alles geschah in diesem Flugzeug – bevor es abstürzte? Knabberten die Passagiere Nüsse, tranken sie Cola, guckten sie in die Sonne durch das Kabinenfenster? Nervten die Babys, die quengelten? Wie war die Stimmung in dem Flugzeug, das in den Tod flog? Ich hoffe, sie waren glücklich, bevor sie starben. Nette Stewardessen ...“ Nein, lesen Sie statt dessen in diesem Heft zum Beispiel lieber die Kolumne von Carlos Gebauer über „Pietät und Takt“.

Kein Wort in ef auch zum 200. Geburtstag von Otto von Bismarck, an dem sich die Mainstreampresse rieb, ohne seine wirklichen Sünden zu kennen, und den alternative Medien aus denselben Gründen feierten, als sei der elitäre Vorgänger von Frau Merkel rückblickend einer der ihren. Einen der einst 240 (und heute 173 erhaltenen) Bismarcktürme bildeten sie alle ab. Nein, Bismarck stellte maßgeblich die wichtigsten Weichen für den deutschen Irrweg bis heute, war früher Architekt des Sozialstaats, der die Eigenverantwortung nachhaltig zerstörte, führte Zwangssozialversicherungen ein und vernichtete damit die längst bestehende Arbeiterselbstverwaltung, machte aus der Vielfalt der deutschen Länder einen Einheitsstaat, aus Friesen und Bayern „ein Volk“ und entfachte so den deutschen Nationalismus mit seltsamsten Ausprägungen bis heute, bekämpfte nachhaltig die Katholiken und jede religiöse Autonomie im Land, begann mit der Verstaatlichung der Familie durch Einführung der „Zivilehe“ und stimmte die Politisierung der Bildung durch Einsetzung einer staatlichen Schulaufsicht an. Nein, kein Wort und keinen Turm für ihn in ef.

Statt dessen bilden wir lieber die (einzige) Bastion zu Ehren seines großen liberalen Gegenspielers ab – den Eugen- Richter-Turm in Hagen. Und lesen Sie auch den Artikel von Andreas Tögel über „soziale Umverteilung“. Schwerpunktmäßig haben wir uns in der Redaktion über die Zukunft dieses Landes Gedanken gemacht. Dabei kamen wir schnell überein, die Frage an unsere jungen Leser als die, die es besonders angeht, weiterzureichen. Auf unseren im Internet spontan ausgerufenen Jungautorenwettbewerb erhielten wir acht sehr interessante Beiträge. Fünf davon finden sie im Internet bei eigentümlich frei im Dossier „Deutschland 2030“. Die drei – wie wir finden – besten Artikel lesen Sie in diesem Heft.

Mit diesem wünsche ich Ihnen wie immer viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn. Empfehlen Sie uns weiter, die Zeitschrift ohne Bismarck-Fimmel.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der Mai-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 152.


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