20. März 2015

RAF-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Täter werden chauffiert, Opfer ignoriert

Unsere Gesellschaft hat immer noch nichts begriffen

Dossierbild

Diese Ausstellung im Deutschen Historischen Museum hätte ich beinahe verpasst, denn sie sollte eigentlich schon am 8. März beendet sein. Es gab aber eine Verlängerung bis zum 26. April, die ich mir zunutzemachen konnte.

Es hatte 2005 schon einmal eine RAF-Ausstellung in Berlin gegeben, die aber wegen ihrer unkritischen Haltung zum Terror der selbsternannten Stadtguerilla geändert werden musste, bevor sie endgültig geöffnet werden konnte. Die jetzige Ausstellung, die vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg erstellt wurde, hat keinen vergleichbaren öffentlichen Proteststurm ausgelöst. Schaut man jedoch ins Gästebuch, gehen die Wogen auch diesmal hoch. Den Linken ist zu viel vom Terror und zu wenig von den angeblich edlen Zielen der Bewegung die Rede, andere finden die RAF immer noch zu weich gezeichnet. Insgesamt geht das Konzept auf. Es werden jede Menge Dokumente präsentiert, die, wenn man sich die Mühe macht, sie zu lesen, entlarvend genug wirken.

Das beginnt schon im ersten Raum, der die Vorgeschichte der RAF, die sich hauptsächlich im damaligen Westberlin abgespielt hat, zeigt. Der Aufruf der „Kommune 1“, nach dem Brüsseler Vorbild Kaufhäuser anzuzünden („Burn, warehouse, burn“), verhöhnt die 300 Toten des Brüsseler Anschlags mit unfassbarem Zynismus. Die 68er-Studenten sind nicht nur mit Bildern kommunistischer Massenmörder auf die Straße gegangen, sie waren von deren totalitärem Geist durchdrungen.  Auf den von ihnen gefertigten Filmaufnahmen sieht man, wie alles auf Rudi Dutschkes Kommando hört. Auf ein Zeichen von ihm setzt sich eine geschlossene Formation nach generalstabsmäßig geplantem Drehbuch in Bewegung.

Ein „Motivationsfilm“ zeigt mit deutscher Gründlichkeit, wie Straßensperren zu überwinden, Attacken auf Gebäude und Polizisten auszuführen seien. Auch die Herstellung des Handwerkzeugs, vom Farbei bis zum Molotowcocktail, wird vorgeführt, samt einer Geländeskizze, auf welchen Wegen die Angriffe stattfinden sollen. Die Gewaltbereitschaft ist bereits vorhanden, bevor die RAF Gewalt zum Mittel ihrer Wahl macht. Merkwürdig berührt, dass Horst Mahler, damals Anwalt des SDS, heute verurteilter Anwalt der NPD, eine so entscheidende Rolle gespielt hat als Galionsfigur neben Dutschke. Der totalitäre Geist der 68er manifestiert sich in allen Texten der RAF. Nicht nur in Ulrike Meinhofs flüssig geschriebenen Aufrufen zur Gewalt und in den Bekennerschreiben der einzelnen „Kommandos“ nach vollbrachtem Mord.

Noch verstörender wirkt er in RAF-Schriften wie „Dem Volke dienen“, in der ein Mao-Gedicht publiziert wurde, in dem es heißt: „Der Tod des anderen hat weniger Gewicht als ein Schwanenflaum.“  So hat die RAF gehandelt. Sie nahm den Tod Unbeteiligter ebenso schulterzuckend in Kauf wie den der eigenen Mitstreiter. Als führende RAF-Mitglieder in Haft saßen und sie mit „Hungerstreiks“ die Änderung ihrer Haftbedingungen erzwingen wollten, verkündete Andreas Baader, dass „Typen dabei kaputtgehen“ würden. Er selbst hatte allerdings nicht vor, derjenige zu sein, der Märtyrer werden musste. Diese Rolle übernahm Holger Meins, dessen Tod dann von seinem Anwalt als „Justizmord“ inszeniert wurde. Diese Irreführung der Öffentlichkeit gelang so gut, dass selbst Menschen, die keine Sympathisanten der RAF waren, daran genauso glaubten wie an die „Isolationshaft“.

Wenn man die Bilder von den mit Büchern wohlgefüllten Zellen sieht, die langen Listen der von den „Isolationshäftlingen“ bezogenen Zeitungen und Zeitschriften, von den Begegnungen auf dem Gefängnisflur, wo die Taktik vor Gericht besprochen wurde, ohne dass ein Vollzugsbeamter in Hörweite sein durfte, fragt man sich, wie das Propagandabild der „Isolationshaft“ je erfolgreich sein konnte.  Auch wenn man weiß, dass den Terroristen von ihren Anwälten Waffen in den „Hochsicherheitstrakt“ geschmuggelt wurden, wundert man sich, wie einfach es ihnen gemacht wurde. Ein dicker rosa Hefter mit „Gerichtsdokumenten“, in die ein Hohlraum geschnitten worden war, in dem die Waffe versenkt wurde. Das reichte, um durchzukommen. Beim finalen kollektiven Selbstmord haben sich die Männer mit diesen Waffen erschossen, während sich die Frauen erhängen mussten.

„Vernichtungshaft“ war ein weiterer Kampfbegriff. Ich war fassungslos, als ich las, dass Anfang der 70er Jahre ein SPD-Mitglied mit Namen Brandt auf einer „Solidaritätsveranstaltung“ der Gewerkschaft für die RAF-Häftlinge gesagt hat, er habe im KZ gesessen, das sei keine Vernichtungshaft gewesen, wie sie jetzt an der RAF exekutiert würde. Sätze wie diesen werden die prominenten Unterstützer der RAF-Sympathisanten mit brauner Vergangenheit wie Walter Jens gern gehört haben, denn es entlastete sie. Glücklicherweise ist den Opfern der RAF-Mörder viel Raum gewidmet. Sie bekommen ein Gesicht. Es wird auch klar, wo die Bevölkerung stand. Tausende von Briefen erreichten die Familien der Ermordeten. Die ausbleibende breite Unterstützung war es dann auch, die die RAF am Ende in die Knie zwang. Die Rolle der Staatssicherheit kommt etwas zu kurz. Die DDR war ja nicht nur Rückzugsraum für ausgestiegene Terroristen, die Stasi gab auch aktive Hilfestellung.

Der Ponto-Mörder Christian Klar wurde von der Stasi an der Waffe ausgebildet. Das fehlt völlig, obwohl Klar viel Raum erhält. Man kann sich über seine schulischen Aktivitäten ausführlich informieren, die sich hauptsächlich gegen seinen SPD-Vater als Vertreter des „Schweinesystems“ richteten. Es ist aber auch möglich, sich das 50-minütige Interview anzuhören, das Günter Gaus mit Klar führte. Peinlich, wie Gaus vergeblich versuchte, Klar zu der Aussage zu bewegen, seine Taten seien eine Reaktion auf das Versagen der Elterngeneration im Nationalsozialismus gewesen. Mit dem „Generationending“ habe er nie etwas anfangen können, erteilte Klar ihm eine Abfuhr. Ob Baader und Ensslin seine Vorbilder gewesen seien, fragte Gaus weiter. Nein, die hätten ihn nicht interessiert. Ihn habe das „Konzept“ fasziniert.

Das „Konzept“ war Ermordung von Menschen. Gibt es wenigstens Reue? Mitnichten. „Wenn man von unserem Gedankensystem ausgeht, das wir damals hatten, dann kann es keine Reue geben.“ Trotzdem setzte sich Gaus für die Entlassung von Klar ein und damit für die Rückkehr eines reuelosen Mörders in die Gesellschaft. Die erfolgte dann ein paar Jahre später. Klars Rückkehr wurde in Berlin nicht nur mit linksradikalen Partys gefeiert, Klar bekam auch unverzüglich eine Anstellung im Berliner Ensemble. Intendant Peymann störte nicht, dass in diesem Theater ein Mitglied der Familie Ponto engagiert gewesen war.

Die Mörder werden hofiert, die Opfer und ihre Familien ignoriert. In der Buchhandlung des Deutschen Historischen Museums werden neben dem unsäglichen „Baader Meinhof Komplex“ als Buch und Film jede Menge RAF-Versteher-Bücher angeboten, von Anja Röhl bis Jutta Ditfurth.

Es fehlen Corinna Ponto, Julia Albrecht, Michael Buback. Es fehlt die Terrorismusexpertin Regine Igel.

Offensichtlich hat unsere Gesellschaft immer noch nicht begriffen, dass es sich nicht um einen deutschen Baader-Meinhof-Komplex handelt, sondern um einen international vernetzten Ost-West-Komplex. „Die RAF war ein nationaler Vorläufer des heutigen internationalen Terrorismus. Die letzten Requisiten auf der Zeitleiste des Terrors sind der Bombenkoffer von Köln 2006, und 2010 steht dort ein Foto von einem Dörfchen im Jemen mit dem Namen al-Quaida“ (Corinna Ponto).

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

Fanden Sie diesen Artikel interessant?

Dann werfen Sie einmal einen Blick in die aktuelle eigentümlich frei 151. In diesem Heft erwarten Sie ausführliche Hintergrundartikel zu unserem Schwerpunktthema „Welche Kultur entsteht hier? Das Internet zwischen Hoffen auf Freiheit und totaler Überwachung“. Dazu finden Sie in ef 151 charttechnische Hinweise zur Partnerwahl, eine detaillierte Analyse des Internationalen Klimavertrages 2015, einen Standpunkt zur Einwanderung in den Sozialstaat, einen Wegweiser durch den anarchokapitalistischen Gangsta-Rap, eine Klarstellung der Mietpreisbremse, einen Streifzug durch Moskauer Flaniermeilen, ein Lob des Handwerkers sowie Lifestyle, Musik, Autos, Film, Empfehlungen über ein sinnvolles Anlageverhalten während der lange nicht beendeten Finanzkrise und weitere Analysen aus ungewohnter Sicht. Dazu viele weitere Überraschungen und Informationen, die Sie andernorts vergeblich suchen werden. Als ef-Abonnent profitieren Sie zusätzlich von einem erweiterten Angebot, haben Zugriff auf exklusive Online-Artikel, können das Heft auch digital lesen, erhalten Zugang zu neuen und älteren Ausgaben im Archiv und können Online-Artikel im Leserkreis kommentieren.

Einzelhefte und Abonnements finden Sie hier:

eigentümlich frei bestellen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Vera Lengsfeld

Über Vera Lengsfeld

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige