17. März 2015

Völkermord in Armenien Sündenkreuzfahrt

Auch damals sollen Deutsche schuld gewesen sein

Dossierbild

„Warum sind wir so gerne schuld?“, fragte das Debattenmagazin „Cicero“ unlängst. Guter Punkt. Die Neigung jedenfalls bestimmter Milieus, die Verbrechen des Nationalsozialismus für singulär, gewissermaßen für unübertrefflich zu halten, hat schon öfters für Irritationen gesorgt, sogar im Ausland. Der Philosoph Hermann Lübbe nannte das Phänomen den „Sündenstolz der Deutschen“, die zu ihren Untaten stünden wie zu sportlichen Höchstleistungen. Bloß war schwer erklärbar, weshalb Deutschland diesen Stolz gepachtet hätte. Andere Staaten mit beachtlichen Völkermord- und Kriegsverbrechenleistungen besitzen dafür kein Faible. Man frage mal in Japan nach. Auch die massenvernichtungsmäßig sehr effektiven Genossen Stalin und Mao stehen noch immer auf vielen Sockeln.

Beim Weltkriegskulturkampf sind die Fronten übersichtlich. Die Lesart, dass Deutschland, neben der Schuld am Zweiten Weltkrieg, auch die alleinige – oder wenigstens hauptsächliche – Schuld am Ersten Weltkrieg trage, genaugenommen schon den französisch-deutschen Waffengang 1870/71 zu verantworten habe, entstammte dem Arsenal der Nachkriegslinken. Sie und eine ihr affine Historikergilde hatten sich zeitweise die Deutungshoheit über jüngere deutsche Geschichtsläufte angeeignet.

Weshalb Sozialdemokraten, Gewerkschaften, Linksliberale, Teile der Kirchen, der Lehrer- und Hochschullehrerschaft und die Kommunisten sowieso keine Zweifel daran duldeten, dass der deutsche Militarismus, die Industrie sowie das kleine und große Bürgerpack alles verbockt hatten (gern langte man bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück und erklärte Stechschritt-Preußen zur Wurzel sämtlichen Übels), lag auf der Hand. Je mehr Schuld man reaktionären Kräften in die blankgewichsten Knobelbecher schieben konnte, desto heller glänzte der Stern der fried- und freiheitsliebenden Linken. Genossen, die über Linksfaschismen wie den Stalinismus oder den Maoismus allerdings ungern diskutierten.

Die Schulddebatte flackerte 2014 noch mal auf, anlässlich des Wälzers „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark. Der australische Historiker hatte in seiner kriminalistischen Fleißarbeit aufgedröselt, wer die Schuld am Ausbruch des Krieges von 1914 hatte. Alle.

Sämtliche später kriegsführenden Mächte hatten sich nach seinen Recherchen zuvor auf unterschiedlich ahnungslose oder verblendete Art in das Drama manövriert. Diese Sichtweise ist inzwischen auf dem, nun ja, Vormarsch. Sehr zum Ärger der Asche-aufs-Haupt-Fraktion, natürlich.

Glücklicherweise gibt es neue Schuldfelder, die beackert werden können. Der „Cicero“ nennt die Euro-Krise, Russland und den Terror als dankbare Rücken für Selbstgeißelungen:

„Selbst bei noch so klarer Lage (Griechenland hat jahrzehntelang mit seinen Finanzen geschludert, Putin hat die Krim völkerrechtswidrig annektiert, islamistische Terroristen morden im Namen einer Religion) wird der eigene Anteil an der Misere gesucht: Hat der Westen den russischen Bären nicht über Gebühr gereizt? Macht Deutschland nicht Reibach, wenn es Griechenland knechtet? Wehrt sich der Islamist nicht gegen die hegemoniale Unterdrückung des Westens?“

Fein beobachtet. Fast übersehen wurde bislang ein großes Verbrechen, das 100 Jahre zurückliegt: der Völkermord an den Armeniern. Dass die Deutschen mitverantwortlich waren für die Todesmärsche und Massaker, denen in den Jahren 1915/16 geschätzt 300.000 bis 1,5 Millionen armenische Christen zum Opfer fielen, klingt als These zunächst verwegen. Aber mit dem richtigen Sündenstolz wird auch daraus ein Schuh.

Gemeinhin schreibt man den Massenmord an Armeniern dem Osmanischen Reich zu, Vorläufer der Türkei. Auf osmanischem Territorium lebten zu Beginn des Ersten Weltkriegs etwa 2,5 Millionen Armenier. Sie wurden von der muslimischen Osmanenregierung als potentielle fünfte Kolonne des christlichen Russlands verdächtigt, gegen welches das, mit den Mittelmächten spätverbündete, Osmanische Reich Krieg führte. Die offizielle Türkei leugnet den Genozid bis heute.

Wie nun kommt Deutschland in diesem schaurigen Spiel zu einer Mittäterrolle? Sehr einfach: Ein Journalist namens Jürgen Gottschlich hat ein Buch verfasst, welches behauptet, „die Türken hätten die Armenier 1915 nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Hilfe des Kaiserreiches und seiner Generäle vernichtet“. So subsumiert es der Deutschlandfunk. Gottschlich, Mitbegründer der „taz“ und Wallraff-Biograph, „erwartet“ laut DLF von der Bundeskanzlerin, dass sie sich demnächst, beim Gedenktag des Völkermords in Jerewan, bei den Armeniern entschuldigt.

Gibt es dafür einen Grund?

Rolf Hosfeld, wissenschaftlicher Leiter des Lepsius-Hauses in Potsdam, das den Völkermord an den Armeniern untersucht, sagte in einem Interview des Deutschlandfunks auf die Frage, ob Deutschland „Mitschuld an diesem Völkermord“ trage, der deutsche Botschafter in Konstantinopel habe Reichskanzler Bethmann Hollweg schon im Juli 1915 darüber informiert, dass die osmanische Regierung „die armenische Rasse im türkischen Reich vernichten“ wolle.

Ferner habe der evangelische Theologe und Orientalist Johannes Lepsius 1916 ein Dossier über die Todesmärsche zusammengetragen und an die evangelischen Superintendenten im Reich verschickt. „Viele Deutsche“ hätten „genau gewusst, was dort vor sich ging“. Auch habe Karl Liebknecht versucht, über Armenien im Reichstag eine Debatte zu entfachen, sei damit aber gescheitert. 1917 habe es noch andere Versuche gegeben, Armenien in Deutschland zum Thema zu machen, „aber das führte alles zu keinen nennenswerten Ergebnissen“.

Auf die Frage, ob es möglich gewesen wäre, „dass das Deutsche Reich als Verbündeter auf die Türkei einwirkt“, erklärte Hosfeld im DLF: „Wahrscheinlich in Grenzen. Sie haben genau gewusst, was vor sich ging, aber sie haben auch in der Öffentlichkeit die türkische Version der Ereignisse übernommen. Die Kriegszensur war da sehr, sehr effektiv.“

Da kam die nächste Frage der Interviewerin vom Deutschlandfunk bereits wie eine sündenstolze Feststellung rüber: „Das heißt, das Deutsche Reich hätte da wirklich etwas verhindern können. Ist das der neue Erkenntnisstand in der Wissenschaft?“ Hosfeld, sybillinisch: „Das ist natürlich immer eine Hypothese, was es wirklich hätte verhindern können. Aber mit Sicherheit kann man sagen, es hat nicht alles unternommen, was es hätte unternehmen können.“

Das Reich. Hätte. Vielleicht. Was machen können. Historie von vorne aufzuzäumen, ist immer etwas fragwürdig. Über das „Nachwissen“ bei Geschichtsbetrachtungen hatte der 2002 in Hamburg verstorbene „Spiegel“-Autor Wilhelm Bittorf ein paar bemerkenswert quersinnige Gedanken in sein Magazin geschmuggelt. Der 1960 in Sydney geborene Historiker Clark hat bei seinem Versuch, die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs zu zeichnen, auf den Nachwissen-Dreh bewusst verzichtet.

Folgt man Clarks Methode, Geschichte im Echtzeit-Modus abzuspielen und so vielleicht verstehbar zu machen, was im Nachhinein oft absurd und unbegreiflich wirkt, dann taugt Armeniens Tragödie schwerlich für Schuldzuweisungen an die deutsche Adresse.

Zu glauben, die politischen Player hätten vor 100 Jahren Kommunikationsmöglichkeiten besessen, die es ihnen ermöglichten, Berichte über geplante oder gerade stattfindende Greueltaten in weit entfernten Regionen zeitnah zu verifizieren, ist bestenfalls naiv. Bei Clark kann man nachlesen, wie chaotisch und widersprüchlich diplomatische Depeschen damals oft klangen. Auch, wie erratisch die darauf basierenden Einschätzungen – etwa über die Lage auf dem chronisch von Gewaltausbrüchen geschüttelten Balkan – in Berlin und anderswo ausfielen. Lange vor dem Bang in Sarajevo. 

Und ja, auch das ist sicherlich wahr: Der politisch-militärische Komplex in Kaiserdeutschland hatte anno 1915 alles andere im Sinn, als Berichten über Massaker nachzuspüren, die auf das Konto von orientalischen Verbündeten gingen. Keiner der damaligen Kriegspolitiker – der robuste Churchill als Letzter – hätte einen Alliierten mit derlei Vorwürfen brüskiert. Ganz egal, wie antihuman sich dieser in seinem Beritt verhielt.

1915 war auch für das Kaiserreich ein Schreckensjahr. Die Illusion eines raschen Durchmarschs nach Paris war im Maschinengewehrgetacker der Westfront verflogen. Der erste Kriegswinter hatte den Deutschen hohe Verluste gebracht; unter anderem, weil die Soldaten von ihrer anfänglich blitzkriegsbesoffenen Heeresleitung völlig unzureichend gegen Kälte und Nässe ausgerüstet worden waren. Im April bliesen kaiserliche Truppen bei Ypern erstmals Giftgas ab. Die Entente, gaswaffentechnisch auf Augenhöhe gerüstet, schlug umgehend zurück. Der erste der totalen Kriege war angepfiffen.

Armenien? Jottwede. Wer heutzutage glauben machen möchte, Berlin hätte vor 100 Jahren scharf auf das Geschehen in der Osttürkei geguckt oder doch gucken müssen, sieht das Ganze durch die moralische Brille des 21. Jahrhunderts.

Wie könnten kommende Schuldzuweisungen aussehen? Interessant wäre eine Debatte darüber,  welche Deutschen das Terrorregime der Roten Khmer in Kambodscha (1975 bis 1978, geschätzt 1,7 bis 2,2 Millionen Opfer) propagandistisch unterstützten. Auskunft geben könnte eine Reihe von Ex-Mitgliedern der Maoisten-Sekten KBW und KPD/AO, die es später auf einflussreiche Posten im Schweinesystem BRD schafften.

Manche von ihnen nahmen Plätze im Bundestag ein, einige sogar Minister- und Ministerpräsidentensessel. Andere besetzen bis heute gutdotierte Posten in renommierten Verlagshäusern oder leiten grüne Stiftungen. Als Faustregel kann gelten: Je entsetzlicher die Systeme waren, die von den Linksextremen einst angehimmelt wurden, desto grüner blühten deren neue Spielwiesen. Es war besonders die sich seit Mitte der 1970er ausbildende grüne Partei, welche Fans des Totalitären anzog wie der Dung die Fliegen.

Den ehemaligen Anhängern der „chinesischen Linie“ hatte – neben revolutionären Lichtgestalten wie Kim Il-sung, Idi Amin oder Robert Mugabe – es seinerzeit besonders Pol Pot angetan, der Kommandeur der Killing Fields. Auf den Ausrotter des eigenes Volkes ließen seine deutschen Apologeten nichts kommen. Unvergessen, mit welcher Wut die K-Gruppen-Genossen den damaligen ARD-Reporter Christoph Maria Fröhder mobbten.

Fröhder hatte, als letzter in Phnom Penh verbliebener westlicher Journalist, 1975 unter Lebensgefahr den Einmarsch der pistolenschwingenden Urwaldkommunisten dokumentiert. Und später in Fernsehsendungen kenntlich gemacht, was sie verkörperten: den Kollaps einer Zivilisation.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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