16. März 2015

ef 151 Editorial

Das Dingens, das sich wehrt

Vor vier Wochen ist das letzte Heft erschienen. Seither ist viel geschehen: Die Koalition hat die Gesetze zur Mietpreisbremse und zur Frauenquote verabschiedet. Mit den Stimmen der guten alten CDU – wer hätte das vor wenigen Jahrzehnten für möglich gehalten?

Dabei geht es um weit mehr als den Linkstrend im Merkel-Wahlverein, haben wir es doch längst mit einer vollautomatisierten Interventionsspirale und systembedingt zunehmender Politisierung aller Lebensbereiche zu tun. Auch die FDP zum Beispiel hat bei aller pseudoliberalen Rhetorik an der Regierung jeden Unsinn mitgemacht. Und niemals wurden die gröbsten Schnitzer zum Beispiel von Rot-Grün anschließend von Schwarz-Gelb zurückgenommen – siehe die einstmals so umstrittene Ökosteuer. Sogar die Glühbirnenverordnung bleibt bestehen, obwohl auch der letzte Hinterbänkler sie längst als gesundheitsschädlich erkannt hat. Das Motto der gesamten politischen Klasse lautet: „Weiter, immer weiter.“

Preisobergrenzen für Mieten? Der Wohnungsbau wird eine ähnliche Entwicklung nehmen wie das Lebensmittelangebot in Venezuela. Das ist bei künstlich festgesetzten Preisgrenzen gar nicht anders möglich und gilt auch für Preisuntergrenzen wie bei den Mindestlöhnen. Früher wussten das sogar linke Gewerkschafter, heute nicht einmal mehr „bürgerliche“ Politiker. Nur die Kinder sehen noch, dass die politischen Kaiser nackt sind und gar nicht zaubern können (fragen Sie einmal einen Zehn- oder Zwölfjährigen, was seiner Ansicht nach geschieht, wenn man Vermietern verbietet, Preise mit dem Mieter frei auszuhandeln – mir hat noch jeder nach kurzem Überlegen die korrekte Antwort gegeben).

Bei Quoten ist es nicht anders. Wie verrückt sind wir hier geworden? Die politisch korrekten Sexonkel und Gendertanten bestehen gegenüber den Kleinsten im Kindergarten darauf, dass es Geschlechter eigentlich nicht gibt und sie nur ein „soziales Konstrukt“ seien. Aber über den Posten im Aufsichtsrat soll nun doch nicht die Kompetenz, sondern alleine der Besitz einer Gebärmutter entscheiden. So einige Ehefrauen von (Ex-) Politikern werden bereits schamlos auf dem Strich zwischen Big Business und Big Government angeboten – „Sie brauchen doch bald Damen zum Auffüllen in den Räten, denken Sie doch gelegentlich an meine Susi, die wartet schon auf Offerten.“ Der Staat mischt sich längst in die intimsten Bereiche des Lebens ein – im Rekordtempo greifen seine Tentakeln in immer neue Felder, und niemand wehrt sich noch. Kein Monat vergeht ohne eine weitere Politisierung. Der Einmischungsgrad der Bürokraten und Politiker wird dabei von Ökonomen gern mit der steigenden Staatsquote gemessen. Ein fehlerhaftes Instrument – wird doch damit nirgends erfasst, wenn Wohnungen zukünftig nicht mehr modernisiert oder gar nicht mehr gebaut werden oder wenn Quotentussis in Unternehmen folgenschwere Fehlentscheidungen treffen (von den nun entsprechend unter Generalverdacht stehenden tatsächlich kompetenten Frauen in leitenden Positionen ganz abgesehen). All diese nachhaltigen Schäden sind „die Dinge, die man nicht sieht“, wie sie der große manchesterliberale Ökonom Frédéric Bastiat zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts beschrieb. Nein, niemand sieht das mehr, niemand wehrt sich noch, aber teuer bezahlen werden wir den Irrsinn dennoch müssen.

Bei aller täglich zu beobachtenden Realsatire und jetzt erst recht wünsche ich Ihnen wie immer viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn mit dem aktuellen Heft zum Schwerpunktthema „Internetkultur“. Empfehlen Sie uns weiter – ef, das Dingens, das man sieht! Und das sich wehrt!

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der April-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 151.


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