12. März 2015

Panorama „Dresden 1945“ Der Atem stockt

Zeugnis vom heilsamen Aufbruch der Tapferen

Dossierbild

Nach einer interessanten Lesung in einer erstaunlich gut besuchten Bibliothek in Dresden-Klotzsche genoss ich am nächsten Morgen die frühlingshafte Stimmung am Elbufer und den Blick auf das einmalige Panorama der Altstadt. Da sah ich auf der Brühlschen Terrasse ein Plakat, das zum Besuch des Asisi-Panoramas „Dresden 1945“ aufforderte und mein Entschluss war gefasst.

Ein freundlicher Stadtführer erklärte mir den Weg zum Panometer, der, wie sich herausstellte, an Dresdner Sehenswürdigkeiten wie der Gläsernen Manufaktur und dem Neuen Garten vorbeiführte. Es war kurz nach zehn. Ich war auf dem letzten Kilometer niemandem begegnet, der aussah, als hätte er das gleiche Ziel wie ich. Umso überraschter war ich, eine lange Schlange von Besuchern vor dem Eingang vorzufinden.

Das Panorama ist schon seit zwei Monaten zu sehen, das Interesse der Dresdner offenbar ungebrochen. Ist man drin, taucht man in die Geschichte ein wie in eine Höhle. Der 1955 als Sohn persischer Flüchtlinge in Wien geborene Yadegar Asisi hat sich mit diesem Panorama an ein äußerst kontroverses Thema gewagt. Er hat es grandios gemeistert.

Mit einer gelungenen Mischung aus historischen Fakten und persönlichen Schicksalen wird hier die Geschichte aus der Perspektive derer, die sie erlebt haben, erzählt. Gezeigt wird, welche Folgen die Machtübernahme der Nationalsozialisten für die Stadt hatte, wie die jüdischen Schauspieler, Sänger, Dirigenten, Maler verschwanden, die von Gottfried Semper gebaute Synagoge brannte, bevor das Schauspielhaus, die Oper, die Gemäldegalerie in Schutt und Asche gelegt wurden. Es fehlte Victor Klemperer, das ist aber schon die einzige kritische Anmerkung, die ich habe.

Betritt man den Hauptraum, stockt einem der Atem. Jeder hat schon Fotos vom zerstörten Dresden gesehen. Aber mitten in der Ruinenlandschaft zu stehen, umgeben von Rauch und Feuer, ist etwas ganz anderes. Das Auge kann nicht ausweichen, Flucht ist nicht möglich. Anfangs hat man Schwierigkeiten, die Hintergrundmusik wahrzunehmen, die dezent genug ist, um nicht störend zu wirken. Auf dem Rundweg begegnet man immer wieder Aufstellern mit Bildern anderer zerstörter Städte: Warschau, Leningrad, Rotterdam, London, Coventry. Damit wird es wirklich zu einem Panorama, das über Dresden hinausweist und anregt „über die Schöpferkraft und die Abgründe des Menschen, über die grausame Logik und den Wahnsinn des Krieges nachzudenken“ (Asisi). Ich möchte ergänzen, über das ungeheuerliche Versagen der Politik, das im letzten Jahrhundert in zwei Weltkriege mündete.

Auf der 15 Meter hohen Aussichtsplattform, von der man einen Rundblick hat, wie er sich vom Turm des Rathauses geboten hatte, mit der ausgebrannten Kreuzkirche im Vordergrund, versuche ich auszumachen, welche Gebäude sich unter den Trümmern befinden. Es gibt kaum Anhaltspunkte. Schließlich erkenne ich den Umriss des Schlosses, weiß, dass der Schuttberg dahinter die Semperoper ist, daneben der Zwinger, danach wird es schwierig. Zu vieles ist für immer verschwunden.

Mitten im Grau gibt es zwei Farbflecke. Asisi lässt zwei aus dem Zoo entkommene Papageien durch die Trümmerwüste fliegen. Ein bunter Hoffnungsschimmer. Auf dem Weg nach unten sehe ich mir die Tafeln mit Einzelschicksalen genauer an.

Das jüdische Mädchen, das am 10. Februar den Marschbefehl bekam, im letzten „Judenhaus“ Dresdens auf ihren Abtransport nach Theresienstadt wartete und im Chaos der Bombennacht entkommen konnte. Der Deutsche, der wegen Fluchthilfe für einen sowjetischen Kriegsgefangenen in der Todeszelle saß, die breite Risse durch Luftminentreffer bekam, was ihm die Flucht ermöglichte. Hoffnungszeichen.

Auf dem Weg nach draußen kann man sich einen Film ansehen, in dem Menschen zu Wort kommen, die das zerstörte Dresden wieder aufgebaut haben, der Architekt, die Trümmerfrau, der Landeskonservator. Auch eine Dresdnerin, die als Kind in den Ruinen gespielt und daran sehr schöne Erinnerungen hat.

Verlassen habe ich das Panorama mit dem Wunsch, dass die Bomber-Harris-do-it-again-Feministinnen und ihre männlichen Unterstützer zum Besuch von Asisis Werk verpflichtet werden müssten. Wenn man das heutige Wohlstandsgejammer im Ohr und die Unfähigkeit, einen einfachen Flughafen zu bauen, vor Augen hat, überrascht, mit welcher Freude, Hoffnung und vor allem Erfolg sich die Dresdner an den Wiederaufbau ihrer Stadt gemacht haben.

Der Wiederaufbau der Frauenkirche, „dieses Unterfangen eines von Liebe durchdrungenen Trotzes der Bürger“ (Kempowski), der zur Folge gehabt hat, dass große Teile der barocken Altstadt, die bereits vernichtet waren, mit äußerster Sorgfalt wieder ersetzt worden sind und werden, zeugt von einen heilsamen Aufbruch der Tapferen, die durch ihre Tatkraft dafür sorgen, dass die Zerstörer an den roten Knöpfen nicht das letzte Wort behalten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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