25. Februar 2015

Armut in Portugal Von einer blühenden Kleinstadt zur „Ghost City“

Ein Deutscher im Land schildert den Alltag

Alle Nachrichtenmedien sind derzeit voll von Griechenland. Verständlicherweise. Aber auch Portugal ist arm dran – mit dem Unterschied, dass es sich an die Auflagen zur Krisenüberwindung bisher gehalten hat. Ein Deutscher, der in Portugal lebt, hat sich dazu gemeldet. Er beruft sich auf jüngste deutsche Medienberichte, wonach die Konjunktur in Portugal mittlerweile wieder laufe und sich das Land in einem leichten Wirtschaftsaufschwung befinde. Aber die tägliche Wirklichkeit sieht nach seiner Wahrnehmung ziemlich anders aus. In einer Mail schreibt er: „Ist das der Witz zum Sonntag? Die Konjunktur läuft wieder? Wohin läuft sie, in welche Richtung? Mir ist sie noch nicht begegnet! An welchem Marathon im sportbegeisterten Portugal nimmt sie denn teil? Eine kleine Dosis Realität gefällig?“ Auch hierüber informiert zu sein, kann nicht schaden.

Aus dem Alltag portugiesischer Menschen gibt dieser Deutsche folgende Schilderung (die Zwischenüberschriften sind von mir eingefügt):

In zwei Jahren Preisanstieg zwischen 100 und 400 Prozent

„Vorbildlich und beispielgebend ist Portugal nur in einer Hinsicht: Hier hat man einen bis auf die Knochen korrupten ehemaligen Premierminister in U-Haft gesteckt und zwei Bankster hinter Schloss und Riegel gebracht. Das wird man vermutlich in keinem anderen EU-Staat erleben. Ansonsten explodiert hier die Arbeitslosigkeit ebenso wie die Preisentwicklung. Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs, Steuern und Abgaben sind in den vergangenen beiden Jahren durchschnittlich zwischen 100 und 400 Prozent gestiegen. Ich erspare mir hier, Beispiele anzuführen, liefere sie auf Wunsch jedoch gerne nach. Im gleichen Maße wurden die staatlichen Sozialleistungen in allen Bereichen demontiert oder abgeschafft.

Überall Caritas-Körbe mit der Bitte um Lebensmittelspenden

In fast allen Lebensmittelgeschäften und Supermärkten stehen Körbe der Caritas mit der Bitte um Lebensmittelspenden für Bedürftige. Diese Bedürftigen sind Menschen, die hungern! Warum? Weil es keine Arbeit gibt und der Staat nicht für sie sorgt. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Nein, die ersten sechs Wochen gibt es gar nichts. Es bleibt der Phantasie eines jeden Betroffenen überlassen, wie er in diesem Zeitraum finanziell über die Runden kommt. Weder vom Arbeitgeber noch von der Sozialversicherung gibt es irgendwelche Leistungen, und wenn diese dann endlich mit Zahlungen einspringt, sind diese derart gering, dass niemand davon existieren kann!

Für die geschiedene Ehefrau keinen Cent

Man kann sich vorstellen, dass der Krankenstand bei Arbeitnehmern in diesem Land erfreulich gering ist, nicht wahr? Sie glauben das nicht? Dann hier ein Beispiel aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft, und es handelt sich absolut nicht um einen Einzelfall! Betroffen sind Ehefrau, Tochter und Enkelkind. Wegen Arbeitsmangel versucht der Ehemann sein Glück in Frankreich, findet eine Anstellung im Baugewerbe, lässt sich später scheiden, heiratet eine Französin und zahlt nicht einen Cent Unterhalt für seine geschiedene Ehefrau.

Unterhaltspflicht praktisch nicht durchsetzbar

Der Ehemann der 35-jährigen Tochter folgt dem Beispiel des Schwiegervaters, geht nach Irland und zahlt weder für die Ehefrau noch für die dreijährige Tochter Unterhalt. Zwar gibt es hier Gesetze, die in solchen Fällen wie üblich zum Unterhalt verpflichten, die praktische Durchsetzung von Ansprüchen ist jedoch fast unmöglich, da die Betroffenen Rechtsanwälte einschalten müssen, die sie sich nicht leisten können. Das Instrument der Prozesskostenhilfe ist hier für derartige Fälle nicht gegeben. Im Übrigen erstrecken sich derartige Prozesse über mehrere Jahre.

Einser-Examen, fünf Fremdsprachen, keine Anstellung bekommen

Die Tochter ist Lehrerin, hat jedoch nach Abschluss des Studiums keine Stelle im Schuldienst bekommen, trotz Einser-Examen und fünf Fremdsprachen, die fließend beherrscht werden. Mithin hat die Tochter nach hiesigem Recht keinerlei Anspruch auf Zahlungen vom Staat, weder Arbeitslosengeld noch Sozialhilfe. Die Mutter, inzwischen an Krebs erkrankt und auf Dauer arbeitsunfähig, erhält Krankengeld in Höhe von 174 Euro monatlich. Das ist alles. Dieser Staat mutet seinen Bürgern zu, sich mit drei Personen von monatlich 174 Euro zu erhalten! Würde ich diese Menschen nicht mit regelmäßigen Lebensmittelzuwendungen aus meiner eigenen Tasche unterstützen, würden sie buchstäblich verhungern!

Blühende Kleinstadt binnen zwei Jahren verwandelt in eine „Ghost City“

Das ist nur eine von unzähligen gleichartigen Realitäten im EU-Musterland Portugal! Im übrigen manifestiert sich der wirtschaftliche Aufschwung hier durch die massenhafte Schließung von Geschäften, Restaurants, Cafés. Innerhalb von 24 Monaten hat sich mein Wohnort von einer blühenden Kleinstadt zu „Ghost City“ gewandelt. Es dauert nur noch kurze Zeit, dann knallt es hier ganz mächtig!“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.

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