18. Februar 2015

Kollektivismus Wann ist ein Volk ein Volk?

Und war Bismarck auch nur ein Spinner?

Rechtsanwalt Heinrich Schmitz veröffentlichte in „The European“ eine Kolumne mit dem Titel „Diese Überschrift hat die CIA vorgegeben“. Ich möchte ihm nicht widersprechen, denn meine Überschriften sind auch nicht besser. In dem Artikel beschäftigt sich der Autor mit Verschwörungstheoretikern. Unvermutet macht er sich aber fast ausschließlich über die sogenannten „Reichsbürger“ lustig.

Um dann zu schreiben: „Eine andere Variante des BRD-GmbH-Gedankens ist die Bewegung ‚Demokratie für Deutschland‘, die uns schon am 5. Januar 2015 eine neue Verfassung beschert hat. Wusstemalwiederkeiner. Die Mitglieder dieser kleinen Bewegung nennen sich zwar nicht ‚Reichsbürger‘, sie sind aber ebenfalls davon überzeugt, dass Deutschland nur eine GmbH und kein richtiger Staat sei.“

Hätte mich nun auch nicht interessiert, wenn er dann nicht geschrieben hätte: „Dass das Volk ‚befreit‘ werden müsse... Um das zu ändern, sind sie nun mit der geballten Wählermacht von 17 – in Worten siebzehn – Leuten angetreten, die deutsche Welt zum Guten zu wenden. Der Pegida-Schlachtruf ‚Wir sind das Volk‘ scheint nun auch schon bei Minigruppen zu galoppierenden Größenmissverständnissen zu führen. 17 Leute können keine Verfassung verabschieden. Ischschwör. Jedenfalls nicht in einem Volk mit rund 80 Millionen Einwohnern.“

Jetzt musste ich dann doch lachen, denn der Kolumnist hat das eigentliche Problem überhaupt nicht erfasst. Er meint wohl, dass 17 (verwirrte) Figuren kein Volk sein können, doch seine Bezugsgröße der 80 Millionen ist so willkürlich, wie Österreich nicht zu Deutschland gehört.

Oder auch umgekehrt. Was unterscheidet einen Volksdeutschen von einem Volksösterreicher? Und gehört ein Türke mit deutscher Staatsbürgerschaft zum deutschen Volk? Wenn nein, gehöre ich dazu, wenn mein Urgroßvater Pole war?

Kann man nur eine von mir aufgeworfene Frage nicht systematisch und widerspruchsfrei beantworten, kommt man auf des Pudels Kern. Volk ist ein gedankliches Konstrukt, das territorial vorherrscht, aber sich nicht freiwillig begründet hat.

Ich hoffe, meine werten Leser können bis zum gewonnenen Krieg 1870/71 zurückdenken, besser noch bis 1864.

Der heutige Status quo ist nämlich genauso willkürlich wie das damalige Ultimatum Bismarcks an Dänemark. Vielleicht war Bismarck ein Volksmacher. Oder auch so ein Spinner wie die im Kommentar erwähnten 17 Figuren.

Nicht von ungefähr fällt der Deutsch-Dänische Krieg in die Kategorie der deutschen Einigungskriege. Ich verliere mich im Nirgendwo, wollte ich einen damals gebürtigen Holsteiner mit einem Bayer vergleichen.

Dämmert‘s? Etwas zu kurz gedacht, Herr Rechtsanwalt. Man ist es ja als Jurist gewohnt, stets in den Bezugsgrößen des Gewaltmonopols zu denken, in dem man seine Weihen empfing und durch das man sein Geld verdient. Kann ich verstehen, das ist durchaus rational.

Ich bin auch der Auffassung, dass man mit 17 Figuren keine eigene Volksgemeinschaft begründen kann, will man sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Doch was ist, sind es 170.000? Auf welcher Seite stehen Sie dann?

Wo gibt es im Grundgesetz die Ausstiegsklausel? Und was muss man tun, um den ungeschriebenen Verfassungsvertrag aufzukündigen?

Nein, ich will hier nicht raus! Ich bin hier geboren und habe das gleiche „Recht“ wie der Polizist, der Umweltheini, der Frauenschänder und alle anderen Gewalttäter, welche hier „im Namen des Volkes“ irgendetwas machen. Der Unterschied zwischen mir und den oben angeführten Volksgenossen ist jedoch der, dass ich niemandem ins Essen quatsche, niemanden belästige und von niemandem Steuern eintreiben will. Auch sind meine Artikel kostenlos, denn ich lebe vom Arbeiten. Trotzdem bezahle ich Rundfunkabgabe, zwangsweise und ungefragt, versteht sich.

Zahlen 17 Leute keine Zwangsabgabe, ist das genauso lächerlich, wie jeder einzelne Wille im Verhältnis zu 80 Millionen lächerlich ist.

Aber bitte, Herr Rechtsanwalt, dann sagen Sie mir, ab welcher Masse es nicht mehr lächerlich ist.

Wenn die Machthaber die Bundeswehr einsetzen? Wenn die Notstandsgesetze „in Kraft“ treten? Wie viele Menschen werden erschossen, bis der Staat sein Gewaltmonopol preisgibt?

Ach so, beinahe hätte ich es vergessen. Bei den Demonstrationen gegen den NATO-Doppelbeschluss, 1983, beteiligten sich lächerliche 1.300.000 Menschen. Das Ergebnis war null.

Es zeigte nur, dass sich die BRD aus Millionen und Abermillionen lächerlichen Einzelwillen zusammensetzt, welche vom einem kleinen Rest gewalttätiger Soziopathen an der Nase herumgeführt werden.

Ich bin übrigens weder Verschwörungstheoretiker noch Reichsdeutscher. Ich bin nur Kurt Kowalsky.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.

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