06. Februar 2015

Vertreibung Der Gauck-Satz, der weiterhin seine Runde macht

Gedenken ist nicht gleich Gedenken

„Wann, Herr Bundespräsident, beklagen Sie denn die Vertreibungsverbrechen an Deutschen?“ Zwei Ostpreußen mahnen ihn, auch dieser Opfer zu gedenken.

In Gedenkreden wird vieles gesagt. Nachdenkliches, Bedenkenswertes, Routiniertes, Herkömmliches, Gewohntes, auch Banales. Die wenigsten Äußerungen prägen sich im Wortlaut wirklich ein. Doch gelegentlich fällt ein Satz, der es in sich hat und daher über lange Zeit haften bleibt. Ein solcher Satz ist dieser: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.“ Bundespräsident Joachim Gauck sprach ihn in der Gedenkstunde des Bundestages am 27. Januar in Berlin, um an die Befreiung der Opfer aus dem Konzentrationslager Auschwitz zu erinnern. Der Satz macht weiterhin seine Runde, regt viele auf, empört viele. In meinem Beitrag vom 28. Januar „Jeder kennt Auschwitz. Aber wer kennt Ketschendorf?“ hatte ich an andere schreckliche Lager erinnert, an solche nach dem Krieg, an die der Kommunisten in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, an die Lager der sowjetischen Besatzungsmacht, und gefragt: Wann und wo eigentlich wird an sie erinnert? Das hat der eine oder andere aufgegriffen. Im Folgenden, gleichsam als Nachtrag, gebe ich zwei solcher Stimmen wieder. Die Zwischenüberschriften sind von mir eingefügt.

Alles vergessen, Herr Gauck?

Zu Gaucks Äußerung, ohne Auschwitz gebe es keine deutsche Identität, schreibt Lutz Radtke: „Verbrechen müssen geahndet werden, keine Frage, wer immer sie begangen hat und wo. Aber nur Auschwitz? Wann, Herr Bundespräsident, beklagen Sie denn die Vertreibungsverbrechen an Deutschen? 15 Millionen waren es doch, die aus ihrer Heimat in den deutschen Ostprovinzen unter menschenverachtenden Bedingungen vertrieben worden waren, von denen etwa drei Millionen elend umgekommen sind und zwei Millionen Frauen von der siegestrunkenen Roten Armee, viele von ihnen mehrfach, vergewaltigt wurden? Alles vergessen, Herr Gauck? Wann haben Sie dieser Menschen gedacht, ihr Schicksal beklagt, sie geehrt? Sind sie etwa nicht Teil unserer Identität?“ Radtke hat dieser Anmerkung einen Offenen Brief von Inge Keller-Dommasch aus Jonen in der Schweiz beigefügt. Auch sie erinnert an diese kommunistischen Verbrechen an den Deutschen. Gerichtet ist der Brief mit Datum vom 30. Januar an Bundespräsident Joachim Gauck. Sie schreibt:

„Wann haben Sie einmal dieser Menschen gedacht?“

„Geehrter Herr Bundespräsident, nach reiflichem Überlegen möchte ich Ihnen einige meiner Gedanken zu Ihrer Rede, die Sie anlässlich des Gedenktages zur Befreiung von Auschwitz gehalten haben, darlegen. Ich bin in Ostpreußen, in Deutschland (darf man das heute noch sagen?), geboren. So wie ich können beziehungsweise könnten (wenn sie noch am Leben wären) 15 bis 16 Millionen sprechen, die nicht nur in Ostpreußen, sondern auch in Westpreußen, Pommern, im Sudetenland oder in Schlesien auf die Welt gekommen waren. Von diesen Millionen Menschen haben etwa zweieinhalb Millionen durch Flucht und Vertreibung ihr Leben verloren – die Überlebenden nur ihre Heimat mit allem, was dazugehört. Herr Bundespräsident, wann haben Sie als Vertreter des ganzen deutschen Volkes einmal dieser Menschen gedacht?“

„Ein Verbrechen, das ebenfalls nicht verjährt“

„‚Die Vertreibung während und nach dem Zweiten Weltkrieg war auch nach damaligem Völkerrecht absolut unzulässig und in der an Deutschen durchgeführten Form verbrecherisch.‘ (Artikel 19 aus den 50 Thesen von Prof. Alfred M. de Zayas: ‚50 Thesen zur Vertreibung‘.) In Artikel 23 heißt es weiter: ‚Niemand darf aus dem Hoheitsgebiet des Staates, dessen Staatsbürger er ist, durch eine Einzel- oder eine Kollektivmaßnahme ausgewiesen werden.’ Ferner: ‚Kollektivausweisungen von Fremden sind nicht zulässig.’ Frau Bundeskanzlerin Merkel erwähnte bei ihrer Rede zum 70. Gedenktag für die Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee: ‚Verbrechen an der Menschheit verjähren nicht.’ Auch die Vertreibung der Deutschen 1945/46 aus ihrer jahrhundertealten Heimat war ein Verbrechen, das nicht verjährt! Daher möchte ich Sie an das erinnern, was deutsche Menschen in den ersten Nachkriegsjahren zum Beispiel in Ostpreußen erlebt haben und erdulden mussten.“

Keine zeitweilige Vertreibung, sondern eine endgültige

„Wie bezeichnet, stammt das Foto nicht aus Auschwitz oder einem anderen Konzentrationslager in Deutschland, sondern verdeutlicht das Leben nach der ‚Befreiung‘ durch die Sowjetarmee im ehemaligen deutschen Osten, in den Jahren nach 1945. Als ich diese Aufnahme zum ersten Mal sah, war mein erster Gedanke (denn seit Ende April 1945 war ich mit meinen gerade erst 15 Jahren zur Arbeit als Hilfsschwester im Typhuskrankenhaus verpflichtet worden): So sahen Kinder bei uns im Krankenhaus von Pobethen (Ostpreußen) aus, die vom dortigen Waisenhaus eingeliefert worden waren. Der nächste Gedanke: Aber von Kriegsende bis November 1947 haben wir keinen Fotografen, Reporter oder Journalisten dort gesehen! Dann schaute ich auf den Text, der darunter stand, und stellte fest, dass es sich um drei Waisenkinder aus Danzig handelte. Dieses Bild war in der amerikanischen Wochenzeitung ‚Time‘ am 12. November 1945 erschienen. Sind die deutschen Opfer nach über 70 Jahren nicht auch wert, dass man ihrer an einem speziellen Tag gedenkt? Es handelt sich ja bei diesen Menschen nicht nur um eine zeitweilige Vertreibung, sondern um endgültigen Verlust der Heimat und der damit verbundenen Kultur. Hier möchte ich noch den britischen Autor Victor Gollancz aus seinem Buch ‚Our Threatened Values‘ (Unsere bedrohten Werte) von 1946 zitieren:

‚Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Vertreibungen als die unsterbliche Schande aller derer im Gedächtnis bleiben, die sie veranlasst oder sich damit abgefunden haben. Die Deutschen wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an übertriebener Rücksichtnahme, sondern mit dem denkbar höchsten Maß von Brutalität.’“

„Ist das Gewissen so abgestumpft?“

„Ist das Gewissen sowohl in der politischen als auch in der christlichen Führungselite so abgestumpft, dass man das Leid der eigenen Mitmenschen weder sehen noch darüber sprechen möchte? Wie stehen Sie dazu, Herr Bundespräsident? Muss man es nicht als Heuchelei ansehen, wenn man Not und Leiden der eigenen Mitmenschen ausklammert und die historische Realität nicht anerkennt, andererseits der jungen Generation eine Kollektivschuld vor Augen führt, von der Sie in Ihrer Rede sagen: ‚Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz. Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben.‘?“

Professor de Zayas: Schuld ist persönlich, nicht kollektiv

„In Artikel 42 der 50 Thesen von Prof. A. de Zayas heißt es: ‚Es gibt keine Kollektivschuld. Schuld ist – wie Unschuld – persönlich und nicht kollektiv. Darum kann das Prinzip einer Kollektivschuld auf die Vertreibung so wenig wie auf den Krieg angewandt werden. Das Prinzip der Unschuldsvermutung gehört zu den Minima der Rechtsstaatlichkeit.‘ Eine, die den Verlust ihrer Heimat auch heute noch nicht vergessen kann, sendet Ihnen Grüße.“

„Wir aber mussten es erleben“

Soweit der Brief von Frau Keller-Dommasch an Gauck. Sie selbst hat über ihre damaligen Erlebnisse ein Buch geschrieben (288 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, Karten und Faksimiles). Dessen Titel lautet: „Wir aber mussten es erleben – Erinnerungen an Ostpreußen bis zur Vertreibung 1947. Eine Jugend im sowjetisch besetzten Teil Ostpreußens“. Dort, in Kaukehmen, ist sie 1930 geboren und aufgewachsen. Im Buch schildert sie, was sie in den schweren Jahren von 1944 bis 1947 in ihrer Heimat erlebt und durchgemacht hat. Im Klappentext des Buches heißt es: „Sie beschreibt einen Teil ihrer Kindheit, die eigentlich längst keine mehr war. Immer bedroht von Hunger, Vergewaltigung, Vertreibung und Tod, musste sie mehrere Jahre mit ihrer Mutter und Großmutter um das Überleben kämpfen. Die Autorin schildert eindringlich den Alltag in dieser Zeit. Ergänzt durch Texte ihrer Mutter, ergibt sich ein lebendiges Bild der unmittelbaren Nachkriegszeit.“ Im November 1947 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter aus Ostpreußen ausgewiesen. Nach mehrjährigem Aufenthalt im Rheinland hat sie 1962 geheiratet und lebt seither in der Schweiz. Sie ist Mutter von vier Kindern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite des Autors.

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