23. Januar 2015

Gefangenenlager nach dem Krieg S-Bahn-Führer im Führerstand

Drohkulisse und Hintergrundterror der Sowjetisierung

Spiegel online meldet: „Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald will der AfD nicht genehmigen, zum Holocaust-Gedenken einen Kranz niederzulegen. Der Grund: Die von der AfD gewünschte Inschrift des Kranzes. Sie soll sich an alle ‚Opfer des Konzentrations- und Speziallagers Buchenwald‘ richten. Damit wären nicht nur Häftlinge der Nationalsozialisten, sondern auch nach dem Krieg internierte NS-Verbrecher eingeschlossen.“

Wie viele NS-Verbrecher mögen in Buchenwald nach 1945 interniert gewesen sein? Im Juli 1990, nachdem an verschiedenen Orten in der Noch-DDR Massengräber mit Lageropfern aus den Jahren nach 1945 entdeckt worden waren, veröffentlichte das sowjetische Innenministerium eine Denkschrift über die sogenannten Speziallager in der sowjetischen Besatzungszone. Zwischen 1945 und 1950 seien insgesamt 122.671 Deutsche dort eingesperrt gewesen, von denen 45.262 wieder auf freien Fuß gesetzt wurden; 42.889 Häftlinge seien verstorben, 12.770 in die UdSSR und 6.680 in Kriegsgefangenenlager verbracht, 14.202 Internierte den ostdeutschen Behörden übergeben und 756 durch Militärtribunale zum Tode verurteilt worden.

Die Exaktheit der Zahlen suggeriert eine Exaktheit des Zählens, die in den Wirren des deutschen Zusammenbruchs unmöglich war und historisch nicht zu halten ist; die Schätzungen westlicher Historiker lagen bei den Gefangenen- und Opferzahlen circa um ein Drittel höher (heute werden nach dem allseits geschätzten Muster deutsche Opfer eher nach unten gerechnet, Opfer der Deutschen eher nach oben). Aber das ist nebensächlich, weil bereits aus den offiziellen sowjetischen Angaben ersichtlich wird, dass die Wahrscheinlichkeit, in Jamlitz, Ketschendorf, Bautzen, Sachsenhausen oder Buchenwald einen NS-Verbrecher anzutreffen, um ein Vielfaches geringer war als die, in der Redaktion von Spiegel online auf einen ideologisch gorlebenreif kontaminierten Tendenzjournalisten zu stoßen. In der Denkschrift steht denn auch schwarz auf weiß: „Die Anzahl der Deutschen, die wegen ihrer Verbrechen zum Tode verurteilt wurden, betrug 0,6 Prozent der Häftlinge in den Sonderlagern.“ Und bei den in die UdSSR „Verbrachten“ handelte es sich in der Regel um Spezialisten, die man dort für den Wiederaufbau gebrauchen konnte.

Während die meisten Überlebenden 1950 freikamen, verurteilte die DDR-Justiz während der berüchtigten Waldheimer Prozesse im selben Jahr 3.442 einstige Lagerhäftlinge in Schnellverfahren zu summarischen Haftstrafen im üblichen zweistelligen Bereich und 32 zum Tode. Damit sollten die Lager nachträglich als irgendwie doch der Entnazifizierung gedient habend legitimiert werden. Die Prozesse waren eine Farce, gegen die unter anderem Thomas Mann mit einem Brief an SED-Chef Ulbricht protestierte; wie die meisten Lagerhäftlinge hatten auch die meisten der symbolisch Abgeurteilten wenig auf dem Kerbholz (wenn ihnen tatsächliche Kriegsverbrecher in die Hände kamen, schafften die Russen sie stracks gen Osten und stellten sie vor Militärtribunale). In den Sowjetlagern auf deutschem Boden saßen, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, kleine Fische, Mitläufer, zahlreiche der „Werwolf“-Mitgliedschaft verdächtigte Jugendliche, aber auch zunehmend Gegner der kommunistischen Umgestaltung Mitteldeutschlands: Bürgerliche, Liberale, Sozialdemokraten, Adlige, Angehörige der alten Funktionselite, sogar abtrünnige Kommunisten.

Diese Lager dienten weit weniger der Entnazifizierung als vielmehr der Sowjetisierung des Landes, was sich leicht daran erkennen ließ, dass die Sowjets wenig Interesse zeigten, gegen ihre Häftlinge zu ermitteln. Viele wurden ohne jede Angabe von Gründen verschleppt, bei anderen reichte ein bei der Verhaftung oft unter Schlägen zustandegekommenes „Geständnis“; aus dem Lager Fünfeichen wurde der Fall eines armen Teufels berichtet, der als SS-Bann-Führer einsaß, tatsächlich aber bloß S-Bahn-Führer und vielleicht bei seiner Vernehmung ins Stottern geraten war (damals sagte man noch „Führer“ zum Fahrer, vorn im Zug befand sich der „Führerstand“). Danach überließ man die Häftlinge ihrem Schicksal. Es hatte den Eindruck, als werde bei den Verhaftungen nur ein quantitatives Soll erfüllt. Dass ständig Leute verschwanden, die dem neuen Kurs gegenüber störrisch oder feindlich eingestellt waren, zeigte natürlich seine Wirkung. Die Lager – im Volksmund „Schweigelager“ geheißen – existierten als Drohkulisse und Hintergrundterror bei der Umwandlung der sowjetischen Besatzungszone in einen pro forma staatlich verfassten Satrapen der UdSSR, und als die DDR gegründet und die Macht der SED etabliert war, wurden sie rasch aufgelöst. Berufliche Nachteile wegen ihrer Haftzeit hatten später die wenigsten Überlebenden; sie mussten nur den Mund halten über das, was ihnen widerfahren war und was sie erlebt hatten.    

Als zwei Kollegen und ich Anfang 1990 erstmals in der DDR-Presse über die sowjetischen Spezial- und Todeslager schrieben, erhielten wir zahlreiche Leserbriefe. Eine alte Dame schrieb Folgendes: „Am Sonnabend, dem 24. Februar 1990, habe ich geweint. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass ich noch einmal die Zeit erleben darf – ich bin jetzt 60 Jahre alt –, in der man über den Verbleib unserer Väter, Mütter und Freunde sprechen oder schreiben darf. Auch mein Vater wurde von der damaligen GPU im Spätsommer 1945 abgeholt und kam nicht wieder. Es war Sommer, und man kann sich denken, was von den Sachen, die mein Vater auf dem Leibe trug, in den Wintern der folgenden Jahre noch wärmte. Die Menschen sind unsagbar elendig umgekommen. Auch mein Vater gehörte zu den Unschuldigen, denn er war weder ein Kriegsverbrecher noch ein gefährlicher Deutscher.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.

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