22. Januar 2015

Mathias Döpfner und die „New York Times“ Weder „fit“ noch „safe“, sondern bitte einfach nur News

Über eine fadenscheinige Unterscheidung des Springer-Chefs

Dossierbild

„Die ‚New York Times‘ erfreut die Feinde der Freiheit“, betitelte Mathias Döpfner, Vorstandschef der Axel Springer SE, unlängst einen Artikel über die möglichen Konsequenzen des „Charlie Hebdo“-Anschlags in Paris. In einer von seiner Seite wohl wenig überraschenden, zudem oberflächlichen und stellenweise schlicht bigotten Argumentation verteidigt Döpfner – an sich ja sehr lobens- und gewiss einen Fleißpunkt wert – das hohe Gut der Pressefreiheit. Also etwas, das es in dieser Form in Deutschland schon seit längerer Zeit leider nicht mehr gibt. Wobei man sich über diesen Punkt sicher noch streiten kann: Gibt es Pressefreiheit, oder sollte man lieber unterscheiden zwischen theoretischer und praktischer? Denn theoretisch gibt es Pressefreiheit. Aber eine wirklich freie Presse haben wir definitiv nicht. Da Herr Döpfner immerhin auf dem Chefsessel eines der größten deutschen Pressehäuser sitzt, hoffe ich doch, dass mit ihm Klartext geredet werden kann.

Doch zunächst zu seiner Behauptung, die „New York Times“ sei die „wohl immer noch beste Zeitung der Welt“. Ganz so unabhängig und neutral, wie er zu suggerieren versucht, ist sie allerdings auch nicht. Das Blatt galt schon immer als relativ – relativ, worauf ich sogleich kurz eingehen werde – „Washington-hörig“, also bei manchen Themen politisch durchaus, nunja, „gebunden“. Relativ deshalb, weil es im Vergleich zu deutschen Märchenmedien – erst recht einer Zeitung wie der „Welt“, die von Springer verlegt wird und in diesem Zusammenhang vor allem im verstrichenen Jahr ein unrühmliches Negativbeispiel nach dem anderen abgab – zweifellos die freieste Zeitung der Welt darstellt; so weit stimme ich sofort zu. So habe ich zum Beispiel im Zuge der Recherchen für mein Buch über die seit 2001 geführten NATO-Kriege in der „New York Times“ immer wieder viele sehr interessante, erhellende und weiterführende Informationen gefunden, nach denen ich in deutschen Leitblättchen von „FAZ“ über „Spiegel“ bis „Zeit“ gar nicht erst zu suchen brauchte: Fehlanzeige. Was in der „New York Times“ in so manchem Artikel beispielsweise über den Irak-Feldzug 2003 ausführlicher besprochen und belegt wurde, inklusive bissfester Quellenangaben oder Zitate führender Militärs oder Geheimdienstler, hatte hierzulande durchweg als Ausgeburt spinnerter Cybertheoretiker mit Putinschem Zungenschlag zu gelten und wurde sofort mit heißem Aluminium übergossen. Statt sich auf ein ausländisches Printprodukt als Leuchtfeuer einer in hiesigen Breitengraden eher phantasmagorischen Freiheit der Presse zu beziehen, sollte er sich lieber fragen, wie man deutsche Missstände – gerade in seinem Hause – endlich abschaffen könnte.

Gerade Herr Döpfner hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, so manche im Ressort Außenpolitik frei randalierenden Hooligans der „Welt“ im Zuge der Beerdigungsprozession, des langen Trauermarsches für seine Profession entlang der ukrainischen Grenze zu Russland, durchaus an die Grundprinzipien und Tugenden der schreibenden Zunft zu erinnern. Und nicht nur dort. Ich kann‘s mir schon denken: „Aber das ist doch ein Eingriff in die Pressefreiheit! Zensur!“ Nein, ganz und gar nicht. Denn die Rede ist hier selbstverständlich nicht von „Denk“- oder Schreibverboten, sondern von der Einhaltung von Prinzipien, die für jeden Beruf unerlässlich sind. Wer Pilot werden und ein Flugzeug mit hunderten von Menschen an Bord steuern will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen – und sich an die Grundregeln seines Jobs halten, will er kein Unglück heraufbeschwören. Für Mediziner gilt dasselbe. Ein guter Handwerker kloppt nicht einfach Pi mal Daumen eine Heizung an die Wand, sondern sollte sich etwas dabei denken – und so weiter.

Im Hause Springer jedoch schien man es 2014 vorzuziehen, gerade beim Thema Ukraine jede gute Regel des Journalismus kurzerhand zu missachten und eine faktenvergessene Stimmungsmache zu betreiben, ja sich teilweise sogar erschreckend demagogischer und extrem manipulativer Methoden zu bedienen, für die man, ginge man in anderen Berufen vergleichbar schlampig, achtlos und grob fahrlässig vor, sofort gefeuert würde. Schon aus Eigeninteresse, mit Blick auf den guten Ruf und vor allem den hausinternen Werbeslogan der „Welt“ – „Deutschlands bester Journalismus“ – hätte es letztes Jahr gleich viele, viele Dutzend Gelegenheiten seiner praktischen Umsetzung gegeben, in einigen Fällen aber zunächst mal der Rückbesinnung. Und ob man von einem Döpfner, Absolvent des Young-Leaders-Förderprogramms der Atlantikbrücke sowie Mitglied im Global Board of Advisors des Council on Foreign Relations, eine wirklich unabhängige und neutrale Schreibe in puncto USA erwarten darf, sei an dieser Stelle lebhaften Diskussionen überlassen.

Döpfner moniert einen Leitartikel der „New York Times“ zu „Charlie Hebdo“: „Bis dann ziemlich am Schluss der entscheidende Satz kommt: ‚Geschmäcker, Standards und Situationen ändern sich, und am besten ist es für Redakteure und Gesellschaften insgesamt, am Ende danach zu urteilen, was geeignet – oder sicher – zu drucken ist.‘ (Wörtlich: ‚to judge what is fit – or safe – to print’.) Wenn man das dreimal liest, wird klar: Das ist die offizielle Bankrotterklärung, die finale Unterwerfung der Pressefreiheit gegenüber der terroristischen Gewalt. Denn das heißt, Sicherheit ist wichtiger als Wahrheit. Sicherheit ist wichtiger als Freiheit. Und dazu hat schon Benjamin Franklin gesagt: Der Mensch, der bereit ist, seine Freiheit aufzugeben, um Sicherheit zu gewinnen, wird beides verlieren.“

Soso. Das Problem ist nur, dass terroristische Gewalt schon gar nicht mehr nötig ist, um Freiheiten einzuschränken. Denn Terroristen aller Couleur – damit ist natürlich keine direkte Gleichsetzung beabsichtigt – haben ihre Ziele teilweise schon dadurch erreicht, mehr oder weniger unfreiwillige Helferlein in der Presse des von ihnen verachteten Landes zu haben, die sich – siehe das Beispiel im zweiten Absatz – weigern, Informationen abzudrucken oder zu senden, die für ein wirklich freiheitliches und aufgeklärtes Meinungsklima unabdingbar sind. Wenn das Ansprechen bestimmter Themen umgehend und mechanisch als Populismus, Rechtseckigkeit oder Verschwörungstheorie niedergekläfft wird, ist der Punkt erreicht, an dem Fundamentalismus von außen offene Türen einrennt. Wenn Menschen aufgrund von Äußerungen, die man andernorts – übrigens auch in den Vereinigten Staaten – tätigen kann, ohne gleich mit scharfen Sanktionen überzogen zu werden, hierzulande von mehrwöchigen Pressekampagnen verprügelt werden oder gar den Arbeitsplatz verlieren, können Taliban oder Al-Qaida-Milizen getrost daheim bleiben. Und völlig unabhängig davon, wie man zu dieser Bewegung nun stehen mag: Ein Großteil der leitgepressten Berichte und politischen Reaktionen zu Pegida sollte  klargemacht haben, dass es nicht nur in islamischen Ländern fundamentalistische Tendenzen gibt.

Der Mensch, der bereit ist, seine Freiheit aufzugeben, um als politisch korrekt, „zustimmungsfähig“ oder „konsenskompatibel“ zu gelten und somit nach Maßgabe der jeweils herrschenden Mehrheits- oder Herrscherkastenmeinung in „Sicherheit“ zu sein, wird auf absehbare Zeit beides verlieren. Auf diesem Weg ist Deutschland leider schon ein gutes Stück vorangekommen. In diesem Sinne ist Döpfners Unterscheidung zwischen „fit“ und „safe to print“ fadenscheinig. Denn wie definiert man bitte „fit“, also in diesem Kontext „tauglich, gedruckt zu werden“? Und vor allem: Wer definiert das? Dass Informationen, die es in irgendeinem Güldenen Abendblatt auf die Titelseite schaffen – „Prinzessin beim Fremdknutschen mit Chaffeur erwischt“ – in einer seriösen Zeitung wohl noch nicht mal eine Randnotiz wert wären, dürfte banal sein. Leider aber heißt „fit“ in vielen Fällen „politisch fit“ – und somit aus Herrschaftssicht beziehungsweise Machtperspektive natürlich auch „safe“. Es gefiele mir besser, lautete der Slogan ganz einfach: „All the news.“ Egal, ob „fit“ oder „safe“.

Link:

„Die Welt“: „Die ‚New York Times‘ erfreut die Feinde der Freiheit“

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