20. Januar 2015

Hochtechnologie Die Dezentrevolution dämmert!

Wie die digitale Revolution unser Leben auf den Kopf stellen wird

Dossierbild

Unbemerkt von vielen zieht eine Wolke von Schlüsseltechnologien auf, die unsere Gesellschaft nachhaltig verändern und verbessern können. Die Dezentrevolution ist eine Revolution, doch sie ist friedlich.

Sie ist eine Revolution, die nicht im Fernsehen gezeigt werden wird. Sie ist eine Revolution von unten, die oben noch nicht bemerkt wird. Sie ist eine Revolution des Kleinen, das nach Größe strebt. Im Grunde ist es nur eine Evolution. Eine Evolution hin zum Kleinen – hin zu mehr Dezentralität.

„Dezentrevolution“ nenne ich treffend das, was ich selbst wie einige andere am Horizont aufziehen sehe. Was verbirgt sich jedoch hinter diesem von mir erfundenen Neologismus? Warum tauchen seine Implikationen in keiner Debatte auf? Warum spricht noch niemand davon?

Schon jetzt sind Politik und Gesellschaft überfordert mit dem Wandel, dem die Welt gegenübersteht. Durch Technologisierung und Globalisierung gestiegene Komplexität überfordert viele. Gerichtsverfahren gegen neue Unternehmen wie Uber, Airbnb, Tesla oder Drohnenhersteller zeigen dies allzu deutlich. Die Probleme der Gegenwart sind für viele zudem dringender als die Möglichkeiten der Zukunft. Und die kann man ja ohnehin nicht vorhersagen – oder doch?

Exponentialität als neue Größe

Zwar kann man die Zukunft nicht vorhersehen, doch kann man sie auf Grundlage der gegenwärtigen Realität prognostizieren. Dass viele der Zukunft und dem Fortschritt, den sie mit sich bringt, dabei skeptisch gegenüberstehen, liegt auch in der menschlichen Natur. Der Mensch ist für lineares Denken ausgelegt, nicht für exponentielles.

Doch ist Exponentialität das, was die kommende Dezentrevolution noch für viele verbirgt. Wer exponentiell denken lernt, wird aus der Zukunft Kapital schlagen können. Wer weiter linear denkt, wird es zunehmend schwer haben, sich auf die Welt einzustellen, in der er bald leben wird. So legt etwa eine Studie der M. Olin School of Business an der Washington University nahe, dass 40 Prozent der heutigen Fortune500-Unternehmen die nächsten zehn Jahre nicht überleben werden.

Wenn man Linearität und Exponentialität vergleicht, fallen einem zwei unterschiedlich verlaufende Kurven auf. Während Linearität stetig um den gleichen Faktor wächst, verdoppelt sich Exponentielles stetig. Einige Jahre mag so lineares Wachstum im Vorteil sein, während exponentielles Wachstum unterhalb der Wahrnehmung vieler dahinvegetiert. Wenn jedoch einmal ein gewisser Punkt erreicht ist, explodiert das Wachstum schlagartig. Und genau an diesem Punkt stehen wir gerade.

Viele dieser exponentiellen Entwicklungen beschreibt das Mooresche Gesetz. Es besagt, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise mit minimalen Komponentenkosten regelmäßig verdoppelt; je nach Quelle werden zwölf bis 24 Monate als Zeitraum genannt.

Das bedeutet effektiv, dass sich die Leistung alle ein bis zwei Jahre verdoppelt beziehungsweise sich der Preis halbiert. Obwohl Kritik nach den technischen Grenzen des Gesetzes laut wird, sehen manche den integrierenden technischen exponentiellen Fortschritt noch für sehr lange gesichert. Auch lasse sich das Gesetz auf viele der anderen Bereiche anwenden, die in Zukunft unsere Gesellschaft prägen werden.

Fortschritt beschleunigt sich

Zur Veranschaulichung nehmen wir jedoch noch einmal die Rechenleistung. Schon heute haben arme Leute in Drittweltstaaten Afrikas Zugang zu Mobiltelefonen, die der bestmöglichen Ausstattung des damaligen US-Präsidenten Bush senior vor 25 Jahren entsprachen.

Bereits für 2020 wird geschätzt, dass die Rechenleistung eines 1.000-Dollar-Laptops die Gehirnleistung eines Insekts erreicht. 2040 wird man ein Mäusegehirn simulieren können, bereits 2060 das menschliche. Keine 20 Jahre später sollen die Gehirne aller Menschen weltweit simulierbar sein – von einen normalen Laptop, wohlgemerkt.

So toll dies auch klingen mag, muss man gar nicht so lange warten. Sehr viele menschliche Gehirne stehen der globalen Entwicklung nämlich sehr viel früher zur Verfügung. Waren es 2010 nur 23 Prozent der Weltbevölkerung, so steigt allein bis 2020 der Anteil der Weltbevölkerung mit Zugang zum Internet bei vorsichtigen Schätzungen auf 66 Prozent – das ist mehr als drei Milliarden neuer Verstand, der mit seinem Wissen, Erfahrung und Ideen der Welt noch viel mehr Innovation bescheren kann.

Schaut man sich ehrgeizige Projekte wie von Facebook-Gründer Zuckerberg oder Tesla-Gründer Elon Musk an, könnten es sogar noch mehr sein. Während ersterer an mehr Internetzugang durch Drohnen und Ballons denkt, möchte letzterer noch höher hinaus und per Satelliten im All weltweit unbegrenzten Internetzugang ermöglichen.

An diesen Technophilanthropen, deren Zahl in Zukunft durch erfolgreich umgesetzte Geschäftsideen noch zunehmen wird, liegt es auch, dass das nötige Kapital aufgebracht wird – zusammen mit einer wachsenden Zahl von Leuten, die dem Crowdsourcing, der Kapitalaufnahme durch den Schwarm, eine Chance geben werden.

Was hat diese Entwicklung nun bloß mit der Dezentrevolution gemein? Zur Erklärung können wir sechs Stufen der Exponentialität heranziehen, die X-Prize-Gründer und Bestseller-Autor Peter Diamandis die „sechs D“ nennt: Digitalisierung, Dezeption, Disruption, Demonetarisierung, Dematerialisierung und Demokratisierung. Dezentralisierung bildet meiner Ansicht nach den siebten Schritt dieser Revolution des Exponentiellen. Hier aber erst eine kurze Erklärung zu den einzelnen „D“:

Digitalisierung: Noch gibt es viele Dinge in unserem alltäglichen Leben, die analog sind. Doch wie lange noch? Unser Leben hat sich digitalisiert und wird es weiter tun. Es wird billiger, schneller und effizienter werden. Analoge Unternehmen werden es in Zukunft schwer haben – die Digitalisierung wird sie langsam aber sicher aufzehren.

Bestes Beispiel dafür ist der ehemalige Kamerahersteller Kodak. Einst bekanntester Akteur im Fotogeschäft, meldete das riesige Unternehmen im gleichen Jahr Insolvenz an, in dem das digitale 13-Mann-Unternehmen Instagram für 100 Millionen Dollar von Facebook gekauft wurde.

Dezeption: Dezeption, also Täuschung, besagt, dass uns heutige Technologie oft in die Irre führt. Weil wir linear denken und nicht die Chancen des Exponentiellen sehen, beachten wir viele neue Technologien nicht. Dabei kann das, was noch heute unter unserer Wahrnehmungsschwelle liegt, morgen in explosives exponentielles Wachstum ausarten.

Ob es nun 3D-Drucker oder Krypto-Währungen sind – oft ist es die sanfte Ruhe nach dem Hype, in der eine Technologie markant wächst, dieses Wachstum aber niemand wahrnimmt oder gar einen Verfall sieht. Der Krypto-Währung Bitcoin macht zum Beispiel ihr dramatischer Preisverfall wenig aus – im Vordergrund steht die Blockchain-Technologie und ihre Möglichkeiten, auf die sich etliche Investoren stürzen.

Disruption: Disruption ist die kreative Zerstörung alter Geschäftsbereiche, die Neues und Besseres entstehen lässt. Ob das Taxiunternehmen Uber urbane Mobilität revolutioniert oder Airbnb die traditionelle Weise, Urlaub zu machen – Disruption ist ein neuer Modebegriff, der uns in Zukunft noch häufiger begegnen wird. Trotz aller Widerstände aus Politik und Gesellschaft scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Branche von besseren Ideen überrollt und neu erschaffen wird.

Demonetarisierung: Eng verbunden mit der Disruption ist die Demonetarisierung. Alte Geschäftsbereiche wie Hotels oder Taxiunternehmen, in denen viel Geld verschwendet wird, weichen zugunsten effizienterer Lösungen. Geld fließt aus den Taschen von Großunternehmen und Staaten in die Hände von Individuen zurück. Mittelsmänner, die momentan ebenfalls noch kräftig daran verdienen, müssen aufpassen, dass sie nicht selbst disrumpiert werden.

Dezentrale Ideen wie zum Beispiel La‘Zooz setzen schon jetzt an, relativ neue Dienste wie Uber wieder überflüssig zu machen. Von dieser Entwicklung wird kaum ein Geschäftsbereich verschont werden – der Wettbewerb sorgt für ständige Innovation.

Dematerialisierung: Vor 20 Jahren gab es schon Radios, Fernseher, Computer, Navigationsgeräte und die ersten Mobiltelefone. Sie waren jedoch vergleichsweise schwer, langsam und klobig. Heutzutage hat fast jeder diese Utensilien in der Hosentasche. Gegenwärtige Mobiltelefone vereinen Tausende von Funktionen in sich, für die man in der Vergangenheit noch einzelne Geräte benötigte.

Dieser Trend sich wird noch fortsetzen. Er geht Richtung Kleinheit, die alles in sich vereint. Schon heute nutzt eine wachsende Zahl digitaler Nomaden die Dematerialisierung aus, um von jedem Ort der Welt im Internet ihr Brot zu verdienen. Alles, was sie brauchen, passt bequem in einen Rucksack – und bald vermutlich in die Hosentasche.

Demokratisierung: Demokratie ist keine ausschließliche Domäne der Politik, sondern auch eine der Technologie. Kein demokratischer Staat hat je die Gleichheit ermöglicht, die uns das Internet bietet. Freier Zugang zu Wissen, Unterhaltung, Verdienstmöglichkeiten und vielem mehr ist die vielleicht erfreulichste Entwicklung, die uns das exponentielle Wachstum des Internets bereits beschert hat.

Und es wird sich noch fortsetzen. Langfristig werden diverseste Technologien die Welt völlig demokratisieren und den Menschen Chancengleichheit ermöglichen. Alles ohne Einschränkung jeglicher Freiheit wie von Staaten praktiziert – im Gegenteil, Freiheit ermöglichend. Freiheit auch von Unternehmen, die man nicht unterstützen möchte. Was man jetzt noch uninformiert kauft, mag sehr bald der eigene 3D-Drucker ausspucken. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Neue Technologien werden die globalen Lebensbedingungen angleichen und Grenzen auflösen.

Dezentralisierung: Revolutionäre Dezentralisierung – Dezentrevolution – ist, was ich als unmittelbare Folge der erläuterten sechs „D“ aufziehen sehe. Dezentralisierung ist nicht auf die Linearität der Politik angewiesen, sie wird durch die Exponentialität von Technologien ermöglicht.

Dezentralisierung ist die Bewegung hin zu kleineren Einheiten. Die Folgen der Dezentralisierung werden durch Demonetarisierung, Dematerialisierung und Demokratisierung ausgedrückt. Ihre Methode ist die Digitalisierung, die dezeptiv vorwärts schreitet, um plötzlich disruptiv alte Geschäftsfelder neu zu ordnen.

Philosophen wie Leopold Kohr haben überzeugend dargelegt, wie die Kleinheit unsere Welt positiv verändern kann. Ironischerweise ist er am populärsten unter jenen grünen Kleinbürgern, die sich gegen jede Technologisierung zu wehren versuchen.

Dezentralisierung durch die Exponentialität neuer Technologien kann uns diese Kleinheit ermöglichen. Linear denkende Grüne sehen meist nur die Gefahren neuer Technologien, etwa für die Umwelt, während ihre exponentiellen Möglichkeiten, diese Gefahren und andere Herausforderungen zu lösen, gar nicht wahrgenommen werden.

Die heraufziehende Dezentrevolution wird sie eines Besseren belehren. Auch Leopold Kohr, der an die Unreformierbarkeit des Kapitalismus aus sich heraus glaubte – wo doch gerade der Kapitalismus den Anreiz für neue Technologien gibt. Kohr glaubte an den großen „Bang“ – und vielleicht liegt er da gar nicht so falsch.

Der Bang, der Zeitraum, in dem sich die Exponentialität explosionsartig zeigen wird, ist in nicht allzu weiter Ferne. Die Auswirkungen, die unser Leben radikal dezentralisieren und verbessern werden, sind greifbar. Und niemand kann sie aufhalten: Die Dezentrevolution dämmert.

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