13. Januar 2015

Islamismus Ist er „faschistisch“? Nein, wohl eher bolschewistisch

Doch beim Martyrium trennen sich auch da die Wege

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Daniel Cohn-Bendit hat die Attentäter von Paris aus einem offenbar tiefverwurzelten Reflex heraus als „Faschisten“  bezeichnet. Damit lieferte er zwar keine brauchbare Erklärung der Bluttat, brachte aber eine Zeit in Erinnerung, wo nahezu alles „faschistisch“ (oder „faschistoid“) geheißen wurde, was nicht der schrankenlosen und insonderheit sexuellen Selbstverwirklichung der ihrer restlosen Befreiung entgegenstrebenden Erdenkinder eilends den Weg freimachte: der Staat, die Polizei, die Kirche, die repressiven Gesellschaftsstrukturen, der bürgerlich-autoritäre Charakter, das Patriarchat, Hierarchien, Klotüren und die „Betreten verboten!“-Schilder vor öffentlichen Rasenflächen. Alles Böse war faschistisch.

Aber ist der radikale Islamismus ein „Faschismus“? Immerhin spricht auch der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad, ein Kritiker des politischen Islam und ehemaliger Muslimbruder, in seinem aktuellen Buch vom „islamischen Faschismus“, und vor ihm haben, besonders nach dem 11. September 2001, aber vereinzelt auch schon im Zusammenhang mit Khomeinis Gottesstaat, verschiedene Publizisten und sogar der weltweise George W. Bush jun. einen „Islamo-Faschismus“ ins rhetorische Spiel gebracht.

Ich halte diese Wortwahl für verfehlt. Es handelt sich um ein Kraftwort, das Aufsehen machen und eine gewisse Hilflosigkeit bei der Deutung von Gewaltphänomenen überspielen soll. Wir meinen es ernst mit unserer Verurteilung, soll das heißen; diese Figuren sind wirklich und wahrhaftig böse, so böse, dass wir sie sogar mit dem Allerbösesten, das die Welt je gesehen hat, in Verbindung bringen. Zugleich vernebeln wir ein bisschen, dass es ein Importproblem ist, indem wir ein originär europäisches Etikett draufkleben.

Der Islamismus ist eine Kriegserklärung nicht nur an die westliche Welt, ihre Lebensart und ihre Wertvorstellungen im Allgemeinen, sondern auch an die Reste jener bürgerlichen Gesellschaft, die der historische Faschismus gegen den kollektivistischen Sturmlauf der radikalen Linken zu retten versuchte. Strenggenommen gibt es den Faschismus ja nur „in seiner Epoche“ (Ernst Nolte), und die währte von 1919 (oder meinetwegen auch 1915) bis 1945. Eine darüber hinausgehende Verwendung des Begriffs ist stets mehr Metapher als Deutung. Vor allem stimmt beim Islamismus die Richtung der Aggression nicht mit der faschistischen überein. Zwar ist der Islamismus ebenso reaktiv, wie der Faschismus es war (der Begriff des „Antifaschismus“ hat das erfolgreich verschleiert), aber der Islamismus kämpft gewissermaßen „von unten“, der Faschismus dagegen „von oben“. Die Islamisten sind eigentlich die Avantgardisten eines potentiellen Emanzipationskollektivs, die sich zum Amoklauf entschlossen haben, weil ihnen die Herrenwelt mit allen ihren Regeln und Wertvorstellungen nicht passt oder nicht zugänglich ist, während die Faschisten jener Herrenwelt angehör(t)en, und sei es nur als Dienstboten, und sie um jeden Preis verteidigen wollen (ich rede hier vom Faschismus; der Nationalsozialismus ist wegen der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg ein spezieller Fall).

Wenn der Faschismus-Begriff überhaupt in der Gegenwart einen Sinn haben soll, folgt man am besten der prägnanten Definition von Wolfgang Venohr: „Faschismus, das ist die bürgerliche Gesellschaft im Belagerungszustand.“ Sekundärphänomene wie Führerprinzip, Gewaltkult, Rassismus, Antisemitismus, Erhebung des Kollektivs über den Einzelnen nach innen und über alle anderen Kollektive nach außen, sind daneben bloß sozusagen Uniformfarben. Wenn der Faschismus im Sinne der Definition Venohrs eine Zukunft hat, dann als Eurofaschismus, als Selbsterhaltungsextremismus, das heißt, er wäre genauso reaktiv, aber defensiver als das Original. Vor allem wäre er deutlich harmloser, auf technische Mittel und Auxiliarkräfte angewiesen, weil sein Trägerkollektiv überwiegend aus Senioren bestünde. Vergessen wir ihn.

Der Islamismus ließe sich, wenn man denn unbedingt einen Terminus aus unserer Weltgegend verwenden will, wahrscheinlich besser als Islamobolschewismus charakterisieren, denn er ist ein Aufstand der historisch Abgehängten, Zukurzgekommenen und dabei zugleich von einer Heilsidee Durchglühten, eine von Kadern geführte Bewegung, die die Massen erfassen und in eine phantastische, vormoderne Märchenwelt hinein emanzipieren oder sogar erlösen will. Sie verheißt die Befreiung des revolutionären, durch die Idee rein gewordenen Kollektivs aus den Banden von Fremdbestimmung und Dekadenz, und sie nimmt tendenziell jeden auf, der bereit ist, ihr beizutreten und das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Sie träumt von der Weltrevolution, von der Errichtung einer paradiesischen Globalkommune der Gleichen unterm grünen statt roten Banner. Offenbar ist diese solidarische Gemeinschaft der Kämpfenden und von einer gerechten Mission Erfüllten, diese Kommune der auserwählten Reinen, die mit der bisherigen, abgelebten, durch und durch verdorbenen Welt Schluss machen will, etwas, das auf viele junge Männer eine enorme Anziehungskraft ausübt.

Eine Pointe? Nein, ich weiß keine. Vielleicht nur die, dass sich die Reinheitszwangsvorstellungen sogar über den Tod hinaus erstrecken, bis ins verheißene Paradies, wo bekanntlich um die 70 Jungfrauen des im Kampf gefallenen Märtyrers ergebenst harren. Also für mich wäre das nichts (und hier trennen sich auch die Wege der Bolschewiken und Dschihadisten). Was für ein grauenhafter Stress, 70 unbefleckte Maiden in die Liebeskunst einzuführen! Wozu erst ein Martyrium erdulden, wenn danach gleich das nächste folgt?

Dieser Artikel erschien zuerst auf Michael Klonovskys Blog „Acta diurna“.


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