15. Dezember 2014

Und täglich grüßen die gefährlichen Schlafwandler Ein sich selbst zerlegender Gegenaufruf

Wider das Vergessen und die Alleinschuldlüge

Dossierbild

Kaum hatten 60 Prominente aus dem geistigen Restleben der Republik in einem Aufruf unter dem Titel „Wieder Krieg in Europa? Nicht mit uns!“ den Hochverrätern, Spalierstehern,  kampfrhetorischen Armhebern, Gröhlfazen, Claqueuren, gefährlichen Schlafwandlern und dauerhechelnden Hetzern des politrickbetrügerisch-mediokritätsmedialen Geschichtsverdrängungskomplexes die längst überfällige Zunge rausgestreckt, gab sich der harte Kern der Mythomedien aus dem Umfeld der Atlantiklüge e.V. erwart- und begähnbar genug auch schon ganz seinem üblichen Tourettesyndrom hin und bekläffte die Unterzeichner, was das primitivdemagogische Zeug hielt. Die Lautstärke des Gebells stieg dabei umgekehrt proportional zum Verlust an Argumentmasse. Je weniger Substantielles man den Verfassern entgegnen konnte – in diesem Fall also so gut wie gar nichts –, desto mehr krakeelten sich die Meinungsführer in Rage, vor allem aber um Kopf und Kragen und nicht zuletzt auch die letzten Reste ihrer mit bloßem Auge ohnehin nicht mehr erkennbaren Glaubwürdigkeit.

Von einem „peinlichen Aufruf“ war die Rede („Welt“ der Beifüssler), von „Geschichtsvergessenheit“; „FAZ“, „Tagesspiegel“, „Süddeutsche“ sowie die „Zeit“ der Hotelmädchen verloren jeden Rest von Anstand und Redlichkeit, erklärten sämtliche Regeln des seriösen Journalismus zur Verschwörungstheorie und logen rotzdreist, der Aufruf widerspreche den geopolitischen „Tatsachen“ in der Region. Wer geglaubt hatte, Schmierfinken könnten nicht mehr viel tiefer fliegen, wurde eines quislingerjournalistisch noch viel Schlechteren belehrt. Ein Tiefpunkt jagt derzeit mal wieder den nächsten. Tenor: Putin brach Völkerrecht, verdammt nochmal! Ah jetzt ja. Völkerrechtsliebhaber wie der notorische Lügner, Terroristenzüchter, Kriegsnobelpreisträger, -verbrecher und Massenmörder Obama hingegen vergleichen Russland ja nur mit Ebola und ausgerechnet dem – welch eine Ironie – selbstgehäkelten IS, während sie mittels Drohnen aus der Luft die gerufenen Geister und dabei auch stattliche Mengen ziviler Kollateralmenschen töten und andere Länder auf Grundlage erstunkener und erlogener Beweise überfallen. Wie schon seine Vorgänger aus dem Bush-Verbrecherclan oder die Clintons, übrigens.

In dieser mythomedial stets unterkomplexer werdenden Welt haben nun 100 angebliche Osteuropa-Experten sich an einer Gegenrede versucht, oder besser, sind ihrem eigenen Gegenauf erlegen. Demontage? Unnötig. Leichtes Dagegenhauchen genügt – schon fällt das dürftige Pamphletchen auseinander. Wenn das Expertise sein soll, besitzen die Unterzeichner keine.

Wenig überraschend findet man auch eine Marieluise Beck vom Kriegsbündnis 90 auf der Liste – das ist die Dame, die vor kurzem in einer Bundestagsrede sämtliche Kritiker des fatalen Russlandkurses inklusive Demonstranten für den Frieden kurzerhand in die rechtsextremistische Ecke stellte. So viel geballte Kompetenz macht sprachlos. Doch genug der Vorrede, ab in medias res:

„Vielmehr haben die meisten der Unterzeichnenden nur geringe Expertise zum postsowjetischen Raum“, heißt es in dem verzweifelt scheiternden Versuch einer Beweisführung, „wenig relevante Rechercheerfahrung und offenbar keine Spezialkenntnisse zur Ukraine sowie den jüngsten Ereignissen dort. Dies ist kein Zufall. Die überwältigende Mehrheit der sich aus wissenschaftlicher, zivilgesellschaftlicher oder journalistischer Perspektive mit dem heutigen Ukrainekonflikt auseinandersetzenden deutschen Forscherinnen, Aktivisten und Reporterinnen sind sich in ihrem Urteil einig: Es gibt in diesem Krieg einen eindeutigen Aggressor, und es gibt ein klar identifizierbares Opfer.“

Sehr witzig. Denn was die „Experten“ dabei verschweigen: Die sogenannte „überwältigende Mehrheit“ der in schönster Regelmäßigkeit zu ferngesteuerten Fehlurteilen in der Bewertung der Situation in der Ukraine gekommenen „ReporterInnen“, auf die hier etwas nebulös Bezug genommen wird, heißen ja überwältigend mehrheitlich Felix Krull! (Wie gut, dass das „x“ im Namen Schreibweisen wie „FeliInnen“ unnötig macht). Ich gehe jetzt mal einfach davon aus, dass die Fachmeute sich dabei mehrheitlich auf die überwältigend tief gebückte Pudelpresse bezog. Doch sei das einheitliche Fehlurteil in Form der seit Monaten sehr zur Blamage der sich masochistisch lustvoll selbst zersägenden Ex-Leitmedien tagtäglich wiederholten Alleinschuldlüge einmal auf den Prüfstand gestellt.

„Wenn sich Moskau von der EU und/oder NATO bedroht fühlt, sollte es diesen Streit mit Brüssel austragen. Die Ukraine ist weder Mitglied dieser Organisationen, noch führt sie Beitrittsverhandlungen mit ihnen. Nichtsdestoweniger führt Russland mit Hinweis auf eine angebliche Gefahr aus dem Westen einen bereits Tausende Todesopfer, Verstümmelte, Traumatisierte und Vertriebene fordernden ‚hybriden Krieg‘ im Donezbecken.“

Dazu hätte ich ein paar Gegenfragen, Ihr Experten:

Wer waren die Todesschützen auf dem Maidan? Woher stammten sie? In wessen Auftrag töteten sie sowohl Demonstranten als auch Polizisten, teilweise mit gezielten Kopfschüssen? Diese Frage ist nämlich bis heute ungeklärt.

Warum behauptet Ihr fälschlicherweise, die NATO hätte mit der ganzen Situation nichts zu tun? Schließlich wurde Kriegsbanker-Büttel Arsenij Jazenjuk, wie der Webseite seiner Open Ukraine Foundation zu entnehmen war, von einschlägig bekannten Organisation wie dem Chatham House oder dem NED gesponsert. Das NED (National Endowment for Democracy), eine vermeintliche „Nichtregierungsorganisation“, bemüht sich – offiziell – um die „weltweite Verbreitung der Demokratie“;  in Wahrheit aber ist es eine Tarnfirma für das US State Department und die CIA zur Vorbereitung und Durchführung von Putschen und Regimewechseln rund um den Globus. Gerade Experten sollten das eigentlich wissen. Ganz zu schweigen von dem prächtigen Logo der NATO, das den Internetauftritt der Stiftung ebenfalls schmückte.

Dienten die Milliardenzahlungen an US-Dollar, die vor dem Putsch in die Ukraine flossen, nun dem Bau von Kinderspielplätzen oder öffentlichen Spaßbädern? Hallo?

Wieso wurde in der überwältigenden Mehrheit deutscher Schundblättchen nie den Berichten nachgegangen, denen zufolge Mitglieder der US-Söldnertruppe Blackwater (wie auch immer sie sich derzeit nennt) den Putsch in Kiew unterstützt haben und auch danach in der Ukraine tätig gewesen sein sollen?

Nun aber die wichtigste Frage:

Psssst ... MH 17? Was ist eigentlich mit den bisherigen Ermittlungsergebnissen zum Abschuss der malaysischen Verkehrsmaschine geschehen? Warum verweigerte die Bundespuppenkiste die Herausgabe von Informationen zu dieser Tragödie? Ja, wer hat sie denn nun vom Himmel geholt? Ich warte.

Wie zum Weißkopfadler ist es eigentlich möglich, dass nur wenige Stunden nach dem Unglück, am Morgen des 18. Juli, noch vor Beginn jeder Untersuchung, noch bevor auch nur eine einzige gesicherte Erkenntnis vorlag und auch nur ein Ermittler den Unglücksort unter die Lupe genommen hatte, englische Zeitungen aus der Oligarchenpresse von Neocon-Symphatisant Rupert Murdoch mit Titeln wie „Putin‘s Missile“ oder „Putin has murdered my son!“ aufmachten? Woher nahmen die englischen Kollegen diese Erkenntnisse? Wie war es ihnen möglich, diesen nie dagewesenen kriminalistischen Rekord aufzustellen und dabei sogar denjenigen des 11. September noch zu toppen? Musengeknutsche? Tarot-Karten? Drittes Auge? Klassenlotterie?

Um nur einige wenige Fragen zu stellen, die die Expertenriege wenig überraschend elegant umgeht.  Dass Moskau in der Ukraine seine Finger im Spiel hat, dürfte klar sein; jedoch ist es ein Fehlschluss, zu behaupten, der Kreml sei die einzige Partei, die dort ihre Interessen verfolgt. Die Beteiligung der USA lässt sich ja nicht mehr leugnen. Das hat vorrangig mit geostrategischen, außerdem auch energiepolitischen Strippenziehereien zu tun, die schon vor vielen Jahren von einem Megalomanen namens Brzeziński detailliert ausgearbeitet wurden, der zum engsten Beraterkreis von Völkerrechtsfan Obama gehört, der in Fortsetzung eben dieser von Boy George und seiner Neocon-Mafia zügig angegangenen geostrategischen Agenda die Koalition der Kriegswilligen, darunter auch einige Vasallen aus der EU, in einen illegalen Angriffskrieg nach dem anderen führte.

„Halbwahrheiten, von denen einige kaum kaschierte Verleumdungen des ukrainischen Volkes darstellen, sind zuhauf in der deutschen Öffentlichkeit im Umlauf. Ob es um die Sprachensituation oder Minderheitenpolitik, den Rechtsextremismus oder politischen Umbruch in der Ukraine geht: Fehlinformationen und tendenziöse Interpretationen zur Ukraine haben sich infolge oberflächlicher Recherchen und häufiger Wortmeldungen von Kremlsprechern in Fernsehdiskussionen zur Ukraine in den Köpfen vieler festgesetzt.“

Okay, dann vergessen wir jetzt mal schnell die SS-Runen und Hakenkreuze,  die kommentarlos zu präsentieren das neosowjetisch zwangsfinanzierte Zweite Deutsche Fehlleistungssystem so freundlich war. Trösten wir uns damit, dass Putin-Trolle sie auf die Stahlhelme gepinselt haben. Es ist ja in Ordnung, Ihr Experten. Auch die in diversen deutschen Leitmythomedien nachzulesenden, Zweifel an seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit weckenden Äußerungen von Plutokratenpüppchen Jazenjuk schlagen wir lieber nicht mehr nach, der sich ebenfalls einen Buckel log über oben erwähnten, bis heute unaufgeklärten Abschuss eines Linienflugzeugs mit knapp 300 Menschen an Bord, indem er einfach behauptete (in einem „FAZ“-Interview), „jeder in dieser Welt“ wisse doch, wer der Schuldige sei. Aber warum auch nachfragen? Hat doch die „Zeit“ der Hotelmädchen bereits einen Prophylaxe-Artikel zeitlich geschickt veröffentlicht, demzufolge sich Menschen ohnehin nie richtig an Gewesenes erinnern könnten. Wortwörtlich hieß es in der nur schlecht kaschierten Aufforderung zum eingedenk des eigenen Fehlverhaltens  natürlich hocherwünschten kollektiven Gedächtnisschwund: „Auf keinen Fall“ (sic!) könne man sich an vergangene Ereignisse korrekt erinnern. Dem muss ich leider widersprechen. Ich erinnere mich nämlich ganz ausgezeichnet an die primitive Demagogie, die gefälschten Beweismittel und dreisten Lügen, an all die Manipulationen und Meinungs-Generalmobilmachungen der letzten Monate à la „Die NATO – das sind wir!“ (Zitat aus der „Welt“ der Strammsteher), „Stoppt Putin jetzt!“ (der hässliche Deutsche im „Spiegel“ brandgefährlicher Geschichtsvergessenheit), all die Aufforderungen zur „Klaren Kante!“ durch das Angriffsbündnis NATO und seine nepotistischen Claqueure in den Redaktionsstuben der üblichen Verdächtigen – eine klare Kante, die nach Meinung dieser willigen Beihilfeleister gegeben werden sollte aufgrund von Verstößen gegen das „Völkerrecht“, das von westlichen Machteliten in den letzten 13 Jahren nicht nur zum Fußabtreter, sondern zur Latrine degradiert wurde. All das memoriere ich ganz prima – und richtig. Und werde das auch weiterhin tun. Nehmt Gift drauf. Mit Eurer Alleinschuldlüge werdet Ihr bei mir nicht durchkommen.

Mal ganz zu schweigen von den nicht unbeträchtlichen erkenntnistheoretischen Problemen, die sich die Hamburger damit gleich selber schufen, aber das nur am Rande: Wenn man sich doch „auf keinen Fall“ an Vergangenes richtig erinnern könne – woher nehmen die Hotelmädchen dann eigentlich die in beeindruckender Lautstärke vorgetragene, von dröhnender Marschmusik begleitete sowie von nostalgisch rollendem R durchgurrte Gewissheit, die einzig korrekte, absolut wahre und reine Interpretation der Geschehnisse in der Ukraine zu besitzen? Warum dann das ständige Gerede von den mutmaßlichen „Tatsachen“, gegen die jeder Kritiker der rund um die Uhr aus den Volksempfängern schallenden Kriegsbewirtschaftung doch angeblich so schändlich putinversteherisch verstößt? Jesses nee, Ihr schafft es ja noch nicht mal, Euch an noch gar nicht so lange Zurückliegendes zu erinnern – wie zum Beispiel den Abschuss von MH 17. Den habt Ihr ja schon vollständig aus dem Gedächtnis gestrichen ...

Ob Ihr deshalb von Euch auf andere schließen dürft, sei dahingestellt. Und wenn Ihr lieben Experten das nächste Mal behaupet, es entstehe hier eine schiefe Informationslage dank „häufiger Wortmeldungen von Kremlsprechern in Fernsehdiskussionen“, seid bitte auch so nett, gleich eine Namensliste dranzutackern, um anderen die Möglichkeit zur Verifizierung zu geben. Ich wüsste nämlich sehr gerne, wer diese ominösen, von Euch bezeichnenderweise namentlich nicht näher genannten „Kremlsprecher“ sein sollen.

„Frieden sollte ohne Waffen und nicht durch die Legitimation ihres offensiven Einsatzes geschaffen werden. Dem Export der illiberalen Gesellschaftsvorstellungen des Kremls in die EU sollte in unserem eigenen Interesse entgegengewirkt werden. Eine wichtige Säule des weltweiten Nichtverbreitungsregimes für Atomwaffen, das Budapester Memorandum, sollte im Namen unserer Kinder und Kindeskinder aufrechterhalten werden.“

Ja, sollte er. Eigentlich. Unglücklicherweise wurde er aber vom Irak 2003 bis zur gegenwärtigen Situation in Syrien mal mit offen geführten, mal verdeckt geschmuggelten Waffen vorsätzlich verhindert. Was Syrien betrifft übrigens von beiden Seiten, das ist völlig richtig: Sowohl der Kreml als auch Washington mischen dabei mit. Von russischer Seite gab‘s Waffenlieferungen für das Assad-Regime wie zum Beispiel Luftabwehrsysteme, von amerikanischer moderate Mörder und anderes Gesocks, das dezent über die Grenze geschoben und mit Nachschub versorgt wurde. Ja, ich weiß, was Ihr jetzt denkt – aber nein, ich bin kein Kremlsprecher. Ich erinnere mich ganz einfach nur sehr gut an das, was Ihr immer so gerne verschweigt. Und werde auch nächsten Sommer noch wissen, was Ihr getan habt. Wie heißt es doch so schön: Gegen das Vergessen!


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