02. Oktober 2014

Rowdytum Heute wie damals

Egon Krenz las, und wir mussten draußen bleiben

Wieder einmal gab es in der Ladengalerie der linksextremen „Jungen Welt“ eine Buchvorstellung. Der Kurzzeit-Staats-und-Parteichef der DDR verbreitete seine Sicht auf den Herbst 1989. Ein spannendes Thema, bei dem wir gern zugehört und auch mitdiskutiert hätten. Aber dazu sollte es nicht kommen. Karten bestellen über das Internet war unmöglich. Die Veranstaltung sei ausverkauft, hieß es schon Wochen zuvor. Am Abend selbst gab es dann doch noch den einen oder anderen freien Stuhl und jede Menge Platz, um mehr Stühle hinzustellen. Eine Journalistin von der „Märkischen Oderzeitung“ machte die Probe aufs Exempel: Sie kam als Spontanbesucherin und wurde nach erfolgter Gesichtskontrolle reingelassen. Die Sperre galt also nur für uns.

Also positionierten wir uns vor der Ladengalerie mit unseren Plakaten. Das erregte Aufsehen. Autofahrer stoppten, um die Aufschriften zu studieren, manche hupten. Passanten blieben stehen, manche stellten Fragen. Wir hatten Frauen dabei, die in der DDR als Jugendliche in Heimen und in Jugendwerkhöfen gewesen waren. Viele der Passanten hatten noch nie etwas von den Zuständen dort gehört. Dunkelhaft bis zu 14 Tagen für Minderjährige, sexuelle Gewalt, Schläge, Essensentzug. Wir betrieben draußen lebendigen Geschichtsunterricht.

Die Polizei hatte bei der Genehmigung unserer Demo darauf hingewiesen, dass wir ein Megaphon benutzen dürften. Den Vorschlag haben wir gern aufgegriffen und Egon Krenz unüberhörbar aufgefordert, sich unseren Fragen zu stellen. Natürlich ohne Erfolg. Er harrte nach der Veranstaltung so lange im Gebäude aus, bis der Letzte von uns aufgegeben hatte. Journalisten, die drinnen gewesen waren, erzählten uns, dass Krenz die übliche Litanei abgespult habe: Alle waren am Herbst 89 schuld, alle hatten versagt, nur er nicht. Man hätte sich, so das Resümee, den Vortrag sparen können.

Am Schluss wollte uns ein Vertreter der „Jungen Welt“ anzeigen. Wir hätten mit unseren Plakaten die Besucher der Veranstaltung grob beleidigt und belästigt. Da musste ich lachen. Fast wörtlich war das Teil der Begründung, als ich 1988 wegen „Rowdytums“ angeklagt wurde, weil ich versucht hatte, mit einem eigenen Plakat eine SED-Demonstration zu bereichern mit dem Satz: „Jeder Bürger der DDR hat das Recht, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern.“ (Artikel 27 der Verfassung der DDR.) Der „JW“-Mann musste erkennen, dass sich die Zeiten geändert haben. Die Polizei nahm seine Anzeige nicht an.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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