01. Oktober 2014

Property and Freedom Society Insel der Vernunft

Konferenz in Bodrum

„Der Staat darf nie mit der Gesellschaft gleichgesetzt werden“, mahnte Professor Hans-Hermann Hoppe in einer Grundsatzrede am 14. September 2014 in Bodrum, in der er sich vor allem scharf von den „Linkslibertären“ abgrenzte. Diesen wirft der führende Ökonom der Österreichischen Schule vor, genau diese Verwechslung vorzunehmen und sich somit zu den „nützlichen Idioten“ der „Kulturmarxisten“ zu machen. Letztere hätten den Staat gekapert und setzten ihn mit dem Ziel ein, Familien und andere traditionelle Strukturen zu schwächen und zu zerstören, um im Gegenzug den Staat und ihre Position als führende Elite zu stärken.

Wenige Tage zuvor hatte Hoppe die neunte jährliche Konferenz seiner Property and Freedom Society im türkischen Hafenort mit dem Appell an seine handverlesenen Gäste eröffnet, sich auf einer „Insel der Vernunft“ am „kompromisslosen intellektuellen Radikalismus“ zu beteiligen sowie an der „interdisziplinären, politisch unkorrekten Gegenkultur“.

Dieser Aufforderung folgten die 15 anderen Redner enthusiastisch. Es sei völlig rational und auch „moralisch“, so der australische Statistiker Ben O’Neill, wenn Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten andere Menschen diskriminieren. Taxifahrer zum Beispiel, die aus Furcht, überfallen zu werden, junge schwarze Männer nicht mitnehmen. Antidiskriminierungsmaßnahmen seien „vorgeschriebene Irrationalität“. Rechtsanwalt und ef-Autor Carlos A. Gebauer schilderte dem internationalen Publikum die Gemütslage der Deutschen, die auf Selbsthass hinauslaufe, der sich im beleidigend gemeinten Spruch „typisch deutsch“ manifestiere. Der Grund dafür sei, dass die Deutschen historisch motiviert sind, sich von etwas Negativem wegzubewegen, anstatt auf etwas Positives hin. Daher will ein guter Deutscher heute ein guter Europäer sein. Mehr noch, er hat es zu sein.

Für den italienischen Politikwissenschaftler Marco Bassani ist der größte Fehler, ja das größte „Fiasko“ des klassischen Liberalismus, gewesen, zu meinen, mit Verfassungen den Staat zähmen zu können. Denn der Staat sei kein Konstrukt rationalen Denkens, sondern „eine Religion“. Aber: Auch eine gerechte Gesellschaft benötige Bindungen zu und von den Individuen. Was der Libertarismus nötig habe, sei die Entwicklung eines „libertären Kommunitarismus“. Nur mit ihm könne der Trend zu mehr Zentralisierung umgekehrt werden. Die Antwort auf „mehr Regierung“ heiße „mehr Regierungen“ und Sezession. Aus der sezessionistischen Praxis konnte der Südafrikaner Carel Boshoff berichten. Seine Gemeinde Orania, die Heimat von etwa 1.000 Buren im Zentrum des Landes am Kap der Guten Hoffnung, hat sich seit 1991 weitgehend autark gemacht (siehe den Bericht in ef 132). Alle Mitglieder der Gemeinde, von denen etwa 10.000 außerhalb Oranias leben, haben sich einem Wertekanon zu unterwerfen. Ziel sei es, die Kultur und Sprache der Buren zu bewahren. 

Ein anderer Südafrikaner, Leon Louw, sprach über die Merkwürdigkeit, dass für Marxisten die Tatsache, dass der Prozentsatz der absolut Armen seit 1980 von weltweit 30 auf drei Prozent gesunken ist, kein Thema sei. Der Direktor der Free Market Foundation war nach eigenem Bekunden früher selbst ein Marxist, weil er die Welt verbessern wollte. Nun, als Libertärer, wolle er dies immer noch, aber er wolle dabei keine Menschen umbringen. Marxisten, so ist Louw überzeugt, scheren sich nicht um die Armen. Sie hassen nicht den Reichtum an sich, sondern den auf Kapital basierenden Erfolg. Sportler und Stars der Unterhaltungsindustrie sind nie das Ziel ihrer Angriffe. Marxisten hassen auch die vielen Armen, die mit ihrem Konsum für die Reichen „stimmen“. Ungleichheit sei eine notwendige Folge von Wachstum. Wer also Armut abschaffen will, muss Ungleichheit wollen.

Professor Thorsten Polleit, ebenfalls ef-Autor, sprach über Interventionismus, den er eine „Strategie der Sabotage“ nannte. Interventionisten möchten die Gesellschaft auf einem Pfad zwischen Sozialismus und Kapitalismus halten. Aber permanente und sich ändernde Eingriffe senkten den Wert des Eigentums. Der Interventionismus könne keine dauerhafte Gesellschaftsordnung errichten, sondern führe letztlich zu Zwangswirtschaft. In dieser Wirtschaftsform bleibt Privateigentum dem Namen nach erhalten. Was man aber damit tun und lassen darf, bestimmt ausschließlich der Staat. Drei verschiedene Gruppen glauben an den Interventionismus, so der Ökonom. Erstens Naive. Zweitens jene mit Eigeninteressen, die also von ihm profitieren. Drittens die Kaltblütigen: Jene, die sich der zerstörerischen Natur des Interventionismus bewusst sind und wissen, dass dieser zu Sozialismus führt.

Eine Verbindung zwischen Ökonomie und Kultur stellte Gerard Casey her. Libertarismus alleine sei nicht genug, betonte der irische Philosophieprofessor. Eine Ergänzung durch kulturellen – nicht jedoch politischen – Konservatismus sei nötig. „Kultureller Konservatismus ist die ‚Österreichische Ökonomie‘ der Kultur.“ Denn Kultur sei ein spontanes, gewachsenes System der Beschränkung. Gutes Benehmen zum Beispiel bedeute oft Belohnungsaufschub. Das entspreche dem Einkommen aus Kapital, das erst durch Sparen, also durch vorangehenden Konsumverzicht, zustandekommt. Kultureller Progressivismus dagegen finde seine ökonomische Entsprechung im Keynesianismus, im Versuch, mit rücksichtslosem Schuldenmachen reich zu werden.

Diese und die anderen Beiträge wurden wie immer rege diskutiert, innerhalb und außerhalb des Konferenzsaals des Hotels Karia Princess, bei üppigen Mahlzeiten und abendlichen Feiern am Pool oder im Restaurant an der Küste. Zum Schluss trug der Gastgeber sein erwähntes Referat vor. Darin hielt Hoppe den Linkslibertären einen grundsätzlichen Fehler vor: Libertarismus stimme mit einer rechten Weltsicht überein, nämlich dass körperliche und geistige Unterschiede zwischen den Menschen, und die daraus resultierenden Unterschiede in Wohlstand und Einkommen, völlig natürlich sind. Von dieser Gemeinsamkeit gebe es nur eine, wenn auch wichtige, Ausnahme: Nur jene Unterschiede, die aus „friedlichem Austausch“ resultieren, seien für Libertäre akzeptabel, während etatistische Rechte auch jene Unterschiede für natürlich halten, die aus staatlichem Zwang entstehen. Die linke Weltsicht, dass alle Unterschiede, wenn sie überhaupt zugegeben werden, zufällig und unnatürlich sind, und deswegen eingeebnet werden müssen, sei gänzlich inkompatibel mit dem Grundsatz des Privateigentums und somit auch mit dem Libertarismus.

Linkslibertäre eine mit anderen Linken eine Abneigung gegen hierarchische Strukturen, das Patriarchat und natürliche Autoritäten. Marxisten sehen das Privateigentum als die Ursache dieser Phänomene. Deren Lösung, nämlich staatliche Umverteilung, ist zwar für Linkslibertäre unannehmbar. Dennoch bestehen sie darauf, dass jegliche gegenwärtige Verteilung von Eigentum „unter moralischem Verdacht“ stehe, da diese unter staatlichen Bedingungen zustandegekommen ist. Dies sei, so Hoppe, der genau umgekehrte Fehler der nicht-libertären Rechten, die sämtliche gegenwärtige Vermögensverteilung kritiklos akzeptieren. Es sei zwar richtig, dass ohne den Staat jeder in einer anderen Situation wäre. Daraus folge aber nicht, dass jedes gegenwärtige Privateigentum moralisch verdächtig sei. Das sei nur der Fall, so der Professor, wenn Individuen konkret nachweisen können, dass ihnen Schaden zugefügt wurde.

Den Linkslibertären bleibe lediglich die Drohung, dass die laut politisch-korrektem Kanon kleine Gruppe der „Nicht-Opfer“, nämlich die heterosexuellen europäisch- und nordostasiatischstämmigen reichen Männer, allen anderen gegenüber „nett“ zu sein haben. Ansonsten müssten diese gesellschaftlich geächtet und bloßgestellt werden, bis sie ihr Verhalten ändern. Dazu fragte Hoppe, warum ausgerechnet jener Sektor der Gesellschaft, dem die Menschheit die meisten modernen Erfindungen und Annehmlichkeiten verdankt, irgendwem eine „Nettigkeit“ schuldet, die über die Respektierung des Privateigentums hinausgeht.

Auch die Tatsache, dass die Linkslibertären dieselben Ziele verfolgen wie der inzwischen kulturmarxistisch geprägte Staat, sollte ihnen eigentlich zu denken geben, so der Autor von „Demokratie – Der Gott, der keiner ist“. In der Frage der Einwanderung seien sie für völlig offene Grenzen in der Hoffnung, dass dadurch der Wohlfahrtsstaat zusammenbricht. Obwohl die Abschaffung des Wohlfahrtsstaats ein begrüßenswertes Ziel sei, würde dieser Weg zu Chaos, Vandalismus und Bürgerkrieg führen, worauf mit Sicherheit der Ruf nach einem starken Staat folgen würde. Nun könne man entgegnen, dass der Staat aus diesem Grund dieses vorantreiben möchte. Traditionelle Strukturen würden schneller verschwinden. Aber: Die herrschende Elite fürchtet ein solches Chaos, da es für sie unkalkulierbare Risiken beinhaltet. Sie hat deswegen gelernt, schrittweise vorzugehen. Dabei helfen ihr, so Hoppe, die Linkslibertären, die eine schnellere Abschaffung aller Einwanderungsrestriktionen fordern.

Auf dem abschließenden, inzwischen traditionellen, Bootsausflug wurden die Debatten mit ungebremster intellektueller Radikalität fortgesetzt.

Links:

Vortrag von Prof. Hans-Hermann Hoppe (englisch)

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