11. Juli 2014

BND, NSA, CIA und Babybrei MfG, mit freundlichen Grüßen, wir lügen euch zu Füßen, denn wir stehen drauf ...

Zutiefst besorgt über eine Tasse kalten Kaffee, während das Restaurant in Flammen steht

Das derzeit mal wieder hochköchelnde Affentheater um BND-Mitarbeiter, die für den US-Auslandsgeheimdienst CIA tätig gewesen sein und deutsche „Geheimnisse“ weitergegeben haben sollen, dürfte all denen, die ihre Informationen nicht nur von den Berichtbestattungsinstituten der etablierten Mythomedien beziehen, sondern eine solide Geschichtsbildung ihr Eigen nennen, gewiß nur ein kaum wahrnehmbares Mundwinkelzucken entlockt haben – wenn überhaupt. Denn dass nicht nur auch, sondern gerade in Deutschland aufgrund seiner (in wirtschaftlicher Hinsicht) Schlüsselrolle für die EU selbstverständlich geschnüffelt wird, unter anderem im Bereich der Wirtschaftsspionage und natürlich nicht nur von westlichen Geheimdiensten, ist ein Hut, dessen Alter sich aufgrund schwersten Mottenfraßes kaum noch bestimmen lässt. Moskau lüpft den Rock Washingtons. Washington schaut Moskau und Peking in die Hose. Paris legt gerne ein Ohr an Berlin. London linst nicht nur durch Pariser Schlüssellöcher. Und so weiter und so geheimdienstpraktisch altbekannt in des wahnsinnig guten Freundes Hauptstadt, Regierungsviertel und Land. Hallo? Regredieren wir jetzt wieder auf das Niveau von Berufsimbezilen und reden uns mit aller kaum noch verbliebenen Denkmächtigkeit ein, das sei nun ganz großes Kino im Stile von Agententhrillern aus der Feder Tom Clancys oder John le Carrés? Da klappert ja die James-Bond-DVD-Kollektion im Regal?

Im geradezu grotesken Gegacker der heuchlerischen Empörung über einen Vorgang, der seit Jahrzehnten gang und gäbe ist (was die Sache natürlich nicht besser macht), geht wieder einmal völlig unter, dass Deutschland nunmal nicht mehr als Vasallenstatus besitzt – erst recht, wenn es um außenpolitische Entscheidungen geht. Auch wenn diese Tatsache natürlich gerne geleugnet wird und die Illusion aufrechterhalten werden soll, Schland sei aber sowas von souverän und ein „Gesprächspartner auf Augenhöhe“. Lölchen. Nun den Eindruck erwecken zu wollen, das alles komme völlig überraschend und sei ein guter Grund zur Aufregung, das ist mal wieder eine dieser fast schon obszön bescheuerten Zumutungen, mit denen der politisch-massenlobotomediale Andersbegabten-Komplex unserer Tage in letzter Zeit immer seltener geizt.

Tatsache ist, dass auf US-Seite regelmäßig nachrichten- und geheimdienstliche Dossiers über deutsche Spitzenpolitiker sowie Aspiranten auf höhere Ämter angelegt wurden und werden; dass jeder, der eine etwas kritischere Einstellung gegenüber den unleugbar Guten hegt, sich lieber keine allzu großen Hoffnungen auf eine prosperierende politische Karriere machen sollte (und das übrigens nicht nur in der Politik, sondern auch bei der Bundeswehr); dass Abweichler, die es gar wagen, eigene Schritte auf dem Schachbrett zu unternehmen oder einen humanitären Hilfskrieg für wenig hilfreich zu halten, sich schonmal vorsorglich auf steilwinklige Kursänderungen ihrer Laufbahn einstellen sollten, mit freundlicher Unterstützung des bestens vernetzten Hetzblattes ihrer Wahl, und so weiter, und so fort.

US-Senatorin Dianne Feinstein, Mitglied der Trilateralen Kommission sowie des Council on Foreign Relations und eine starke Befürworterin der Entwaffnung amerikanischer Bürger zum Wohle des aufziehenden Polizeistaates, sagte zur „Affäre“, sie sei „zutiefst besorgt“. Worüber? Über zwei in der Nahrungskette ohnehin eher niedrigstehende BNDler, die Dokumente, die bisherigen Berichten zufolge noch nicht mal sonderlich wichtige beziehungsweise brisante Informationen enthalten haben sollen, an einen ausländischen Geheimdienst weitergaben, während:

  • stockfinstere Gewitterwolken die Fäuste am Kriegshorizont im Mittleren und Nahen Osten ballen;

  • in der Ukraine fleißig weiter bis aufs Blut provoziert und gemordet wird, was man im hiesigen Presseprekariat in bester propagandaministerieller Tradition zu „Erfolgen der ukrainischen Armee“ umschmiert;

  • Pubama demonstrativ militärisches Viagra einwirft und Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt;

  • Obatin das Land gezielt mit Einwanderern flutet, um das soziale Spannungspotential kräftig aufzudrehen, was sich im Falle einer selbstverfreilich total überraschenden Verschlimmerung der wirtschaftlichen Lage als ganz nützlich erweisen könnte, um die Leuts aufeinanderzuhetzen und sich untereinander ein bisschen kabbeln zu lassen, aber um solchen, ehrlich, ganz natürlich entstandenen und, glauben Sie mir, völlig unvorhersehbaren Entwicklungen begegnen zu können, kaufte man ja bereits ausreichend Munition und militarisierte den Freund und Helfer, alles reiner Zufall;

  • kurz nach der Warnung Prick Cheneys und anderer führender Neocons beziehungsweise Neoführer vor einem neuen Reichstagsbrand sich doch tatsächlich herausstellt, ISIS-Mörderbanden, die auf den seltsamen Wegen des Herrn irgendwie in den Besitz größerer Mengen US-Dollars gelangten, könnten Material zur Herstellung einer schmutzigen Bombe erbeutet haben, ja und wer weiß schon, ob die das Ding nicht trotz aller Bekundungen Washingtons, das sei ganz harmlos, darüber mache man sich keine Sorgen, vielleicht doch bis ins Zentrum von Manhattan zu schmuggeln geneigt sein könnten, ein Horrorszenario, vor dem auch Obatin neulich warnte, man könnte fast meinen, manche Ereignisse würfen ihre Schatten voraus;

  • Schlupflöcher für sogenannte Steuerhinterzieher auf internationaler Ebene immer fester zugeschnürt werden, vor kurzem auch über ein Abkommen zwischen den USA und China (ja wieso kooperieren die denn plötzlich, wenn's um Steuern geht? Das sind doch Feinde? Die einen sind doch die Guten, die anderen die Bösen? Papa Gagabär?);

  • es die EUliten mal wieder mächtig in den totalitären Fingern juckt, man zum Beispiel (schon wieder?) von einem obersten Sowjet für sicheres Surfen im von nicht-staatlichen Akteuren dicht besiedelten Terrornet träumt, (schon wieder?) total überraschende Meldungen über, Sie wissen schon, „Nun doch viel höher als bisher und so“-Jauchebilanzen europäischer Banken die Runde machen, von der andersbegabten Fingerfarbenjournaille als „Rückkehr“ einer de facto nie verschwundenen, sondern lediglich übertünchten Krise aus ellenlangem Nasenholz geschnitzt;

  • und so weiter, und so fort.

Kurz, Madame Feinstein hätte angesichts solcher einigermaßen besorgniserregender Entwicklungen in der weltweit fröhliche Urständ feiernden Psychopolitik viel mehr Grund, zutiefst besorgt zu sein als über eine Tasse kalten Kaffee in einem Kellerbüro des BND. Der übrigens überhaupt erst mit Hilfe der CIA zu dem wurde, was er heute ist.

Zu fragen wäre also, warum nun (schon wieder?) soviel Aufhebens um Vorgänge gemacht wird, die weder außergewöhnlich noch „schockierend“ sind, sondern ein ganz alter Schlapphut. Darüber kann man derzeit nur spekulieren. Vielleicht sollen die Hirnweichschlagzeilen wieder einmal mit Tand, Nippes und Babygerassel gefüllt werden, um internationale politische Entscheidungen von viel größerer Tragweite leichter im Hintergrund durchjuxen zu können – ein mögliches Beispiel wäre das vermeintliche „Freihandelsabkommen“ TTIP. Vielleicht geht's auch „nur“ um Ablenkung von irgendeiner Riesensudelei in den Finanzsystemen. Aber vielleicht – könnte es wirklich so simpel sein? – soll die ganze Aktion dem schwer angeschlagenen Obama auch nur Gelegenheit geben, als großer Schlichter, Diplomat und „Retter in der Not“ aufzutreten, als der er im Rahmen dieser putzigen kleinen Causa bereits angekündigt wurde („Obama soll nun schlichten“). Denn seine Popularitätswerte wurden unlängst bei geologischen Tiefenbohrungen entdeckt, zudem sind die Bürger Amerikas auf „ihre“ Regierung immer weniger gut zu sprechen.

Die schlandigen Reaktionen wirkten mitunter arg hilflos, ja bisweilen albern. Ab jetzt wird zurückspioniert, polterte Thomas de Maizière – als könne der BND mit CIA, NSA und Co. locker mithalten. Kein Wunder, dass er damit in Diplomatenkreisen für heiteres Gelächter gesorgt haben soll. Auch Joachim Gauck, der seine Reden von Leuten schreiben lässt, die dem Direktor eines Think Tanks in Washington unterstehen, ließ sich ein für seine Verhältnisse fast schon meuterndes „Menno, jetzt langt's aber auch mal!“ entlocken. Um mich zu trösten, rede ich mir jetzt einfach mal ein, deutsche Politiker seien tatsächlich so naiv. Ob die theoretische Aufregung an der jahrzehntelangen Praxis etwas ändern wird? Ob die Aufforderung, Schland bitte zu verlassen, dem obersten US-Geheimdienstrepräsentanten und seinen Vorgesetzten unruhige Nächte bereitet? Na klar. Und jetzt gebe ich mir alle Mühe, über alte Witze von Otto Waalkes zu lachen.


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