08. Juli 2014

Sowjetischer Film „Symphonie des Donbass“

Schwerstarbeit gefilmt, als wäre es künstlerische Gymnastik

Neulich zeigte das kleine, aber interessante Kino „Brotfabrik“ in Pankow den Film „Symphonie des Donbass“ des sowjetischen Regisseurs Dsiga Wertow, geboren als Dawid Kaufman. Ich ging hin, weil mich die Gelegenheit faszinierte, Bilder aus der stalinistischen Sowjetunion zu sehen, eine Zeit, die wir uns nur schwer vorstellen können. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

Der Chef des Kinos gab eine kurze, aber lehrreiche Einführung. Außer dem Regisseur gingen aus der Kaufman-Familie ein Kameramann Michail und ein Fotograf Boris hervor. Letzterer setzte sich bald nach Paris ab und sah seine Brüder nicht wieder, obwohl zumindest Dsiga mehrmals im westlichen Ausland unterwegs war.

Dsiga Wertow gehört zu den Pionieren des sowjetischen Films und war experimentierfreudiger als Sergei Eisenstein. Dafür ist „Die Symphonie des Donbass“ ein glänzender Beweis. Es ist der erste Tonfilm in der Sowjetunion, und schon der Titel verrät, welche breite Rolle Wertow dem neuen Medium einräumte. Die Industrialisierung des Donbass wird als eine große Symphonie gezeigt, in der die Maschinen und Anlagen, dirigiert von virtuosen Ingenieuren und Arbeitern, der Landschaft die Töne des Fortschritts und des Sozialismus entlocken.

Aber erst mal wird gezeigt, was vorher war und überwunden werden musste: die Kirche und der von ihr verbreitete Glaube. Der Film beginnt mit Bildern und Tönen von Kirchenglocken. Erstaunlich viele gut gekleidete und wohlgenährte Menschen küssen Jesusfiguren die Füße, bis beim Zuschauer Ekel aufkommt. Als die Gläubigen aus der Kirche strömen, werden die auf den Vorplätzen zahlreich herumliegenden Betrunkenen von ihren verzweifelten Frauen von Bänken gezogen oder vom Boden, auf dem sie gelegen haben, weggeschleift, bis dem Betrachter klar ist: Dieses Elend wird von der Kirche erzeugt.

Dann beginnen die Kirchenbilder zu wackeln, symbolisch für die Sprengungen, denen viele Sakralbauten zum Opfer fielen. Danach wird gezeigt, wie emsige Komsomolzen die Spitzen von den Kirchtürmen zerren und Kirchenschätze davontragen. Am Ende werden aus Kirchen Kulturhäuser und Jugendclubs. Hier können sich die Komsomolzen von ihren Anstrengungen erholen und sich auf neue Heldentaten vorbereiten.

Die Notwendigkeit dafür deutet sich schon am Horizont an. Hinter den profanisierten Kirchen ist eine gigantische Industriekulisse zu sehen. Die Geräusche aus den Fabriken werden immer lauter und schriller, bis sie unerträglich werden. Der Zuschauer ahnt schon, dass etwas nicht stimmt. Da kommen schon die ersten Plakate ins Bild: „Fünfjahrplan in Gefahr! Donbass ohne Kohle!“

Da müssen die Komsomolzen zu Stoßarbeitern werden. Wertow filmt die Probe der jungen Menschen mit dem ungewohnten Vorschlaghammer über Tage wie eine Ballettübung.

Unter Tage wird daraus ein Höllentanz mit der Kohle. „Mein Ziel: 28.000 Tonnen Kohle“, verkündet ein blutjunger Mann, der, das ahnt man, schon bald nicht mehr so gut aussehen wird. „Mein Ziel: 28.000 Tonnen Kohle“, ruft ein höchstens 17-jähriges pausbackiges Mädchen, und man zuckt unwillkürlich zusammen. So ein zartes Ding unter Tage? Die ist in wenigen Wochen erledigt. Dank der Stoßarbeiter kommt wieder Kohle in die Hochöfen, und die Arbeitsschlacht geht weiter. Stahlkocher ohne jede Schutzkleidung, Kopfbedeckung oder Handschuhe stochern im kochenden Stahl und lenken die herausschießenden glühenden Stahlbänder in die richtige Richtung.

Wertow filmt die Körperdrehung des Arbeiters, als wäre es eine Übung in künstlerischer Gymnastik. Immer wieder die gleichen harmonischen Bewegungen. Nur der hochkonzentrierte Gesichtsausdruck erinnert daran, dass es hier um Leben und Tod geht, falls der Mann aus dem Rhythmus kommt. Im Bild danach schieben fünf Männer die nächste Ladung Eisen in die Höllenglut des Hochofens. Wertow lässt die Sequenz ein halbes Dutzend Mal vor- und zurück laufen. Wie ich hinterher erfuhr, starrten alle Zuschauer gleich gebannt auf die Füße der Männer, denn sie mussten beim Schieben einem Loch von ungefähr einem Meter Länge und einem halben Meter Breite ausweichen. Wie oft wird das im richtigen Leben schief gegangen sein!

Dass ein sowjetischer Propagandafilm die mörderischen Arbeitsbedingungen während der stalinistischen Industrialisierung so ungeschminkt zeigen würde, hatte ich nicht erwartet. Man muss aber, das wurde mir beim Lesen einer Beschreibung des Films von jungen Filmemachern der Bundesrepublik aus den 70er Jahren klar, nur hinreichend mit ideologischen Scheuklappen versehen sein, um das nicht wahrzunehmen. Die jungen Künstler schwärmten vom ästhetischen „Tanz der Arbeit“, ohne zu sehen, dass dies ein Tanz mit dem Tod war.

Am Schluss zeigt Wertow noch, dass im Donbass an allen Fronten gekämpft wurde, auch an der landwirtschaftlichen. Schöne junge Mädchen wuchten die schweren Garben vom Mähdrescher auf den Wagen und scheinen nicht einmal zu schwitzen.

Abends haben die Erntesoldatinnen noch genug Kraft, um mit den Dorfbewohnern im Kreis zu tanzen. Nur zwei Jahre nach Entstehung dieses Films wurden die Bauern in ihren Dörfern von Geheimpolizeieinheiten abgeriegelt und dem von Stalin verordneten Hungertod preisgegeben. Da war Wertow schon mit dem nächsten Film beschäftigt: ein Auftragswerk Stalins anlässlich des zehnten Todestages von Lenin, mit dem das sowjetische Elend begann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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