07. Juli 2014

Evo Morales Unschön, aber notwendig

Wenn Kinderarbeit die Armut überwinden soll

Überall auf der Welt, wo Kinder arbeiten, tun sie das aus einem Grund: um ihren Familien beim Kampf ums Überleben zu helfen. Schuld an diesen Zuständen sei, so das weitläufige Credo, ,,der Kapitalismus“. Es ist vor allem der ach so böse Manchester-Kapitalismus, der mit Kinderarbeit assoziiert wird. Gegen ihn gilt es, im Sinne der Kinder, anzukämpfen.

Von Manchester nach La Paz sind es exakt 10.000 Kilometer und der in der bolivianischen Metropole herrschende, von den Sozialisten aller Länder gerne hofierte Präsident Evo Morales ist mindestens ebenso weit davon entfernt, ein Kapitalist zu sein, sonst hätte er nicht seit seiner Amtszeit große Teile der Wirtschaft zwangsverstaatlicht und Fidel Castro zu seinem Vorbild. Er hat allerdings ein großes Problem: Trotz teils ganz guter Wirtschaftsdaten hat Bolivien immer noch ein großes Armutsproblem. Zur Lösung dieses Problems greifen Morales und seine La-Paz-Sozialisten zu einem für Sozialisten unkonventionellen, weil von ihnen verachteten Mittel: Sie erlauben die Kinderarbeit. Künftig dürfen in Bolivien Kinder schon ab zehn Jahren arbeiten. Evo Morales, der sich in der Vergangenheit schon öfter für die Kinderarbeit ausgesprochen hat, muss das beschlossene Gesetz nur noch in Kraft setzen. Er wird es tun.

Wer zuvor in der Kinderarbeit ein Mittel zur Armutsbekämpfung sah, wurde sofort als unmenschlicher ,,Raubtierkapitalist“ stigmatisiert – in unserer Zeit fast schon die schlimmste aller vorstellbaren Beleidigungen. Doch nun, wo ein Evo Morales die Kinderarbeit als Mittel zur Armutsbekämpfung einsetzt, ermöglichen sich neue Perspektiven: Ist Kinderarbeit womöglich gar nicht so verwerflich? Ist sie vielleicht sogar notwendig? Quasi ein notwendiges Übel? Ein Blick in die Vergangenheit hilft.

Kinderarbeit hat es faktisch schon immer gegeben, was jedoch vielen nicht bewusst ist, da die Kinderarbeit als optische Erscheinung erst zu Zeiten der industriellen Revolution in England wirklich wahrgenommen wurde:

Vor der industriellen Revolution arbeiteten Kinder latent und umso härter, überwiegend auf weiten Äckern. Kaum jemand nahm sie wahr. Mit Beginn der Industrialisierung änderten sich die Art der Arbeit und der Arbeitsplatz der meisten Kinder:

Nun arbeiteten sie, weniger hart, aber zusammengepfercht, in den großen Betrieben der Fabrikstädte (als Paradebeispiel dient hierfür die englische Stadt Manchester). Kaum jemand übersah sie. Tatsache ist: Die Arbeiter und Kinder wären nie in die großen Fabrikstädte gezogen, wenn das Leben auf dem Land besser gewesen wäre. Logisch, oder?

Die sozialistischen Vordenker ignorierten dies wohlwissend und nutzten die optische Wahrnehmung der Kinderarbeit zu Zeiten der industriellen Revolution dazu, um gegen ihren ideologischen Hauptrivalen, das damals dominierende und sogenannte Manchestertum, zu hetzen. Das Manchestertum sei verantwortlich für das Elend der Kinder und die Armut der Bevölkerung, so die Genossen. Eine Mär, die sich bis heute in den meisten Köpfen gehalten hat. In Wirklichkeit setzten die freimarktwirtschaftlichen, anti-staatsinterventionistischen, antikolonialistischen und pazifistischen Reformen der Manchesterliberalen einen Entwicklungsprozess in Gang, der allmählich die großen Bevölkerungsmassen aus der Armut führte, Wohlstand erzeugte und letztlich auch das Verschwinden der Kinderarbeit zur Folge hatte. Nicht umsonst galt Richard Cobden – führende Figur des Manchesterliberalismus – als ,,Champion of the Poor“.

Der neu einsetzende Wohlstand war hart erarbeitet und fußte eben auch auf Kinderarbeit. Kinder nahmen damals eine gewichtige(re) Rolle ein. Ihr Anteil war, bei einer im Vergleich zu heute niedrigen Lebenserwartung und hohen Geburtenrate, weitaus größer. Sie zu versorgen, eben aufgrund dieser Gegebenheiten, umso schwieriger. Die Kinderarbeit gehörte zu den Überlebensvoraussetzungen vieler Familien.  Es war daher im Interesse dieser Familien, auch ihre Kinder zur Arbeit zu schicken, anstatt sie ohne häusliche Erziehung einem Leben als Wilde auszusetzen, das mit dem Hungertod enden würde. In den Fabriken wurden sie in der Regel nicht, wie häufig vermutet, ausgebeutet, sondern von den Unternehmern verantwortungsvoll und gut (meist sogar besser als im Elternhaus) behandelt, wie die meisten glaubwürdigen Zeugnisse der Epoche berichten. Eine schlechte Behandlung von seiten der Unternehmer wäre ja auch nicht sinnvoll gewesen, hätte sie doch die sensiblen Kinder nur demoralisiert, was sich negativ auf die Arbeitsleistung ausgewirkt hätte. Die Unternehmer wussten, was sie taten, arbeiteten doch viele von ihnen selbst während ihrer Kindheit. Aber klar: nicht alle Unternehmer waren Engel und nicht alle Kinder wurden von ihnen gut behandelt.

Dennoch: Kinderarbeit war und ist eine sehr unschöne, aber notwendige Begleiterscheinung in der Entwicklung einer jeden Gesellschaft, die versucht, Armut zu überwinden. Dies war einst in Großbritannien und ist heute noch in Bolivien so.

Sie ist notwendig für den Entwicklungsprozess, der, sobald er marktwirtschaftlich durchgeführt wird, in Wohlstand und einem Verschwinden der Kinderarbeit endet. Sozialismus hingegen fördert Rückentwicklung. Rückentwicklung, die Kinderarbeit wieder notwendig macht. Sie zu verbieten, verhindert sie nicht. In der Not werden Kinder so oder so arbeiten (müssen). Leider. Sie dafür auch noch zu bestrafen, ist sinnlos und würde ihre bemitleidenswerte Situation nur noch verschlimmern.

Evo Morales wäre gut beraten, seinen sozialistischen Kurs aufzugeben und stattdessen auf freie Marktwirtschaft zu setzen. Wie einst die Manchesterliberalen. Im Sinne des Wohlstands. Im Sinne der Kinder.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Freitum.


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