02. Juli 2014

Journalismus Alkoholiker und gescheiterte Existenzen

Hinter der Bühne sieht es nüchtern aus

Dossierbild

Liebe „Spiegel“-Schülerzeitungspreis-Gewinner,

ich gratuliere Euch von ganzem Herzen zu Euren Auszeichnungen in diversen journalistischen Kategorien, die alljährlich vom „Spiegel“ für Schülerzeitungen ausgelobt werden! Zu gut weiß ich, welche Mühe und welch immenser Verzicht auf Freizeit es erfordert, so ein Blatt – und man sage nicht, das sei ja nur Kinderkram mit primitiver Lehrer-Verarsche, der mit links getan sei – monatlich auf die Beine zu stellen. Gerade in Eurem jugendlichen Alter, in dem „der Ernst des Lebens“ noch in weiter Ferne liegt und die euphorische Konfusion der Blütezeit das Zepter schwingt, gebührt Euch desto mehr Respekt für Eure kreative und disziplinierte Aktivität publizistischer Manier.

Da stärkt es natürlich die Motivation und es verschafft Genugtuung, für all die Plackerei von solch einem angesehenen Magazin die ultimativ medienwirksame Anerkennung zu bekommen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich in etwa Eurem Alter 23ter bei einem Tausend-Meter-Lauf in meiner Klasse wurde und dafür eine Urkunde bekam. Nachdem ich meine Packung Camel auf dem Ascheplatz ausgeraucht hatte, spielte ich darob mit dem Gedanken, Leistungssportler zu werden. Aber das Schicksal hatte etwas anderes mit mir vor.

Wie gesagt, es ist schön, für das jugendliche Engagement gelobt und bepreist zu werden und sich in dem wohligen Gefühl zu wiegen, vielleicht die ersten Stellschrauben für die künftige Karriere im Erwachsenenalter installiert zu haben. Doch dieses Gefühl trügt, Ihr Klein-Journalisten! Denn Ihr seid dabei, in eine Falle zu tappen:

„Seit 18 Jahren will der ‚Spiegel‘ mit diesem Wettbewerb junge Talente motivieren und die Besten unter den jungen Blattmachern weiter fördern. Für junge Redakteure ist es der Ritterschlag im Nachwuchsjournalismus und oft der Beginn für eine Karriere in den Medien.“

Merkt Ihr was? „Blattmacher“ und „Redakteure“ – mit derartig brillanten funkelnden Schlüsselwörtern aus der großen weiten Welt der „Qualitätsmedien“, die in Euren Ohren gleich Odysseusschen Sirenen klingen mögen, will man Euch zu einem Metier verführen, das inzwischen sowohl kohlemäßig als auch abschlepptechnisch (bei Männern) als auch von der Lebensqualität her einem vollgeschissenen Klo gleicht, in dem selbst vom Klopapier nur noch der Pappzylinder traurig vor sich hinhängt. Es stimmt übrigens, was die „Spiegel“-Heinis dort oben schreiben. Viele der heutigen „Besten“ in den Medien kommen tatsächlich von Schülerzeitungen, stürzten sich seinerzeit als junge Menschen voll des Tatendrangs und aufgeregt hüpfenden Herzens in den Journalismus und glaubten sich so einem glimmenden Horizont zu nähern, hinter dem nichts als die Selbstverwirklichung zu warten schien, die auch noch honoriert wurde. Die gleichen Besten bereuen es allerdings heute, damals nicht nach Kanada ausgewandert und Holzfäller geworden zu sein. Fragt doch mal den Spiegel-Online-Typ, der euch gerade öffentlich Honig ums Maul schmiert und lobpreist, was er so im Monat verdient. Und dann fragt Ihr danach einen Müllmann das Gleiche. Der Unterschied besteht darin, dass sich die Mundwinkel des Müllmanns nach oben verziehen werden.

Schon mal was vom Internet gehört, Jungs und Mädels? Dieses und seine Umsonst-Mentalität werden schon in wenigen Jahren dafür sorgen, dass weder der „Spiegel“ noch ein anderes „Qualitätsmedium“ existieren werden. Bereits heute müssen Printprodukte Auflageneinbußen von sehr schmerzlicher Dimension verkraften. Und das digitale Geschäft läuft so zäh wie ein zehn Jahre alter Gummibär auf Wanderschaft. Die Helden, die Ihr in den Redaktionsräumen des „Spiegel“ kennengelernt habt, sind keine, sondern völlig verängstigte Würstchen, denen nur der Gedanke an ihren vor 15 Jahren abgeschlossenen Vertrag in der Nacht einigermaßen durchschlafen lässt, wegen der dicken Abfindung und so. Die Neuen, also Ihr vielleicht, können froh sein, wenn sie sich mit den paar Kröten, die ihnen die tollen „Medienhäuser“ brosamen werden, alle fünf Jahre einen Sangria-Eimer-Urlaub auf Malle leisten können.

„Ist mir egal, ich will aus reinem Idealismus in den Journalismus einsteigen“, sagt Ihr? Okay, aber nur, wenn Ihr an den Klimaerwärmung-Erneuerbare-Energie-und-Zuwanderer-sind-alle-Herzchirurgen-und-Atomphysiker-Scheiß glaubt. Eine andere Meinung wird nämlich im grün-rot versifften Götterolymp der Publizistik heutzutage nicht mehr akzeptiert. Bei konträren Ansichten dürft Ihr bei denen nicht mal Kaffee kochen.

Gut, die ganze mediale Kiste hat auch etwas mit Prestige zu tun, von ihr geht ein gewisser Glamour und eine Oberwichtigkeit aus, was Euch bewundernde Blicke zuwerfen lassen könnte. Da ist was dran. Aber Jungs, die Weiber sind nicht blöd und durchschauen das Spiel sehr schnell. Die wollen nach den unbeschwerten Romantiken der jungen Jahre eine solide Mittelschichtexistenz, vielleicht noch ein Kind oder gar zwei und eben nicht den doofen Malle-Pauschalurlaub. Da müsst Ihr liefern, da könnt Ihr nicht sagen: „Guck mal, Schatz, ein seitenlanger Artikel in der ‚Zeit‘ von mir!“ Das habt Ihr nämlich letzten Monat ihr auch schon gesagt, und inzwischen reicht es immer noch nicht zu einer Doppelhaushälfte wie bei Dieter und Nicole, und die sind in der öden Versicherungsbranche tätig.

Und, Mädels, macht Euch nix vor, ab Anfang 30 arbeitet Ihr sowieso nur noch sporadisch für die Medienkirmes. Dann ist der Glanzlack des publizistischen Im-Mittelpunkt-Stehens eh schon ab. Dann könnt Ihr Euch glücklich schätzen, wenn Ihr einen ordentlichen Unternehmensberater verehelicht habt oder noch besser von ihm geschieden seid, alimentationstechnisch, meine ich. Und wenn Kinder kommen, könnt Ihr den Rasender-Reporter-Zirkus ganz vergessen. Jaja, so traurig sieht die „Blattmacher“-Realität aus. Ach, übrigens: Die meisten der Nasen, denen Ihr in den Redaktionsräumen des „Spiegel“ voll aufgeregt die Hand reichen durftet, sind Alkoholiker, gescheiterte Existenzen, Scheidungskrüppel, vereinsamte Politfreaks und Depressive. Also das übliche Personal in den Medien.

Nun ja, ich wollte Euch echt nicht entmutigen oder so, aber bedenkt bitte diese meine Warnungen, wenn Ihr Euch auf das so schillernde Spiel der Medien einlasst. Hinter der Bühne sieht es immer sehr nüchtern aus. Ehrlich, macht erst mal eine kaufmännische Lehre oder werdet Pornodarsteller. Ich persönlich bereue es, das Letztere in meinen Jugendjahren nicht in Angriff genommen zu haben. Jetzt bin ich überqualifiziert dafür.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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