30. Juni 2014

Nationalhymne Wo man singet, lass dich ruhig nieder

Ein flammendes Plädoyer der Zukunftsträchtigkeit

Vor den Spielen der Nationalmannschaft weisen unsere Reporter im Stadion schon seit längerem gerne darauf hin, dass die Fernsehzuschauer den Text der Nationalhymne auf Videotext-Tafel 150 finden könnten. Traurig, traurig, dass man solches heute offenbar für nötig erachten muss. Dem durchschnittlichen deutschen Fernseher ist wohl die selbständige Wiedergabe der acht kurzen Textzeilen – einschließlich einer Wiederholung – nicht mehr wirklich zuzutrauen. Wie erschauern wir andererseits, wenn die chilenischen Spieler, Funktionäre und das halbe WM-Stadion in Rio de Janeiro nach dem Ende der offiziellen Musikbegleitung allesamt einfach weiter singen, um auch noch den Kehrvers ihrer Hymne raumnehmend anzustimmen: „Teure Heimat erhör jene Schwüre, / Die Dir Chile Am Altar entbot: / Als sein Grab Dich der Freie erküre, / Oder Zuflucht sei du vorm Despot.“ Ein billiges FIFA-Hymnen-Zeitkorsett von 90 Sekunden reicht nicht einen Deut weit, um der chilenischen Feier ihrer Freiheit auch nur ein paar Worte abzuschneiden. Der Hinweis auf irgendeine Videohymnentexttafel käme im chilenischen TV vermutlich einer nationalen Lächerlichkeit gleich.

An anderer Stelle ist es aber auch besser, wenn allerseits nicht so genau auf den Text geachtet wird. „Zu den Waffen, Bürger! / Formt Eure Schlachtreihen, / Marschieren wir, marschieren wir! / Bis unreines Blut / Unserer Äcker Furchen tränkt!“, singen die Franzosen als Refrain der Marseillaise. Freiheit kommt da überhaupt nur ein einziges Mal vor und das erst in der sechsten Strophe – die auch ohne FIFA-Zeitregime selten zum Vortrag kommt. Ansonsten wird geblutet, gewürgt, niedergemacht und zerfleischt. So manches Hooligan-Geschrei ist dagegen Kinderkram.

Die Ideale der Aufklärung sind dann doch eher im Text von 1841 des August Friedrich Hoffmann von Fallersleben zu finden, der bereit war, für solch aufrührerische Lyrik sein öffentliches Auskommen als Literaturprofessor zu opfern. Für die Freiheit. Den mutigen Vordenkern und -kämpfern des 18. und 19. Jahrhunderts ist es zu danken, dass wir heute „Einigkeit und Recht und Freiheit / Sind des Glückes Unterpfand“ singen können, wenn wir’s denn können. Wenn wir uns darauf besinnen würden, dann wüssten wir vielleicht auch an anderer Stelle, wofür es wirklich wert ist, sich brüderlich mit Herz und Hand einzusetzen. Und dass sich Freiheit und Glück und auch Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine Gemeinschaft nicht von selbst ergeben, sondern stets aller Streben bedürfen.

Was für ein flammendes Plädoyer der Zukunftsträchtigkeit, unsere Hymne. Welch ein Trauerspiel, mit wie wenig Bewusstsein wir sie pflegen.

Dieser Artikel erschien zuerst als 3. Teil der Serie #WMSplitter auf dem Facebook-Blog Neues aus Absurdistan“.


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