18. Juni 2014

DDR Das System der Zwangsarbeit in der SED-Diktatur

Den Betroffenen muss nun geholfen werden

Gestern wurde in den Räumen der Deutschen Gesellschaft Berlin eine soeben im Universitätsverlag Leipzig erschienene Studie von Dr. Christian Sachse über die Zwangsarbeit von politischen Häftlingen in der DDR vorgestellt.

Dieses bittere Kapitel war fast ein Vierteljahrhundert kein Thema in Deutschland. Erst als durch journalistische Recherchen bekannt wurde, dass der schwedische Konzern Ikea von der Zwangsarbeit politischer Gefangener in den sozialistischen Ländern, noch bis vor kurzem in Kuba, profitiert hat, entstand eine breitere öffentliche Diskussion.

Selbst wenn der Hauptgrund für die Debatte gewesen sein sollte, wie der Bürgerrechtler Arnold Vaatz in seinem Geleitwort grimmig feststellte, dass „in Gestalt von Ikea die Katalysatoren der westdeutschen Empörungsindustrie von der ostdeutschen Zwangsarbeit profitierten“, hatte das doch den Kollateraleffekt, dass es endlich ein Interesse am Thema gab. Dementsprechend waren viele Medien bei der Präsentation zugegen. Selbst die Politik war prominent vertreten, mit der Ostbeauftragten der Bundesregierung Ines Gleicke (SPD) an der Spitze.

Christian Sachses Vortrag ließ schon erkennen, dass der Autor ein Standardwerk zum Thema vorgelegt hat. Seine Studie ist ebenso gründlich, wie umsichtig. Sachse nimmt sich auch der kompliziertesten Fragen, wie die, ob man Zwangsarbeit im Sozialismus auch so nennen dürfe, wo dieser Begriff doch auf die „Vernichtung durch Arbeit“ im Nationalsozialismus angewendet wird.

Sachse begnügt sich nicht mit dem Hinweis, dass die Zwangsarbeit seit dem Gulag im Kommunismus System war. Er liefert einen kurzen Abriss der Zwangsarbeit im 20. Jahrhundert und ordnet darin ein, was in der DDR stattgefunden hat. Zwar gab es im SED-Staat keinen Gulag, aber mindestens 600 Betriebe waren Bestandteil eines Systems, in dem Zwangsarbeit von Häftlingen eine Planungsgröße war.

Die beteiligten Unternehmen gerieten regelmäßig in Schwierigkeiten, wenn es eine Amnestie gab und ihre billigen Arbeitskräfte ausfielen. Sachse führte Statistiken vor, die zeigten, wie schnell die entstandenen Häftlingslücken wieder aufgefüllt wurden, obwohl die „Rückfallquote“ bei Politischen unterdurchschnittlich war. Es gab, das ist die einzige Erklärung, eben entsprechend viele Neuverhaftungen.

Zwangsarbeit war ein fester Bestandteil des Strafsystems, mit dem Ziel, die Widerstandsfähigkeit der Häftlinge zu brechen. Die Arbeitsbedingungen für Häftlinge waren besonders schlecht, die Zahl der Arbeitsunfälle lag dreimal höher als bei freien Arbeitern. Firmen wie Ikea ließ das nicht ganz kalt. Sachse verweist auf ein Beispiel, dass der schwedische Konzern einen Automaten in einem DDR-Betrieb aufstellen ließ, um Gefangenen die gefährliche, giftige Handarbeit zu ersparen.

Andere schauten lieber nicht so genau hin. Berichte von freigekauften Häftlingen über Zwangsarbeit für westdeutsche Firmen wie Quelle, Salamander, Neckermann, Schiesser, Beiersdorf, Underberg, Varta, Thyssen und Siemens, um nur einige zu nennen, wurden von der westdeutschen Öffentlichkeit und den betroffenen Unternehmen weitgehend ignoriert.

Für die Zwangsarbeit ist in erster Linie die SED verantwortlich, aber die beteiligten Firmen haben zumindest eine moralische Mitschuld.

Der SED-Staat profitierte von der Arbeit seiner politischen Gefangenen. Die eingezogenen Sozialabgaben wurden zweckentfremdet. Sachse belegt, dass von den 1986 rund 20 Millionen zurückbehaltenen Sozialabgaben nur 3,3 Millionen für medizinische Behandlung und soziale Leistungen den Häftlingen zugute kam.

Arbeitslohn bekamen die Häftlinge nicht ausgezahlt. Sie erhielten „Wertgutscheine“, mit denen sie im Gefängnisladen ihre schmalen Rationen aufbessern oder sich Körperpflegemittel kaufen konnten. Wenn man, wie eine Zeitzeugin berichtete, für tägliche Zehn-Stunden-Schichten mit 120 Prozent Normerfüllung für 70 Mark Wertgutscheine im Monat erhielt, reichte das für eine tägliche Tasse Bohnenkaffee, Zahnpaste und Hautcreme, mehr nicht.

Die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen, sowie die mangelnde beziehungsweise oft verweigerte medizinische Betreuung haben bei den betroffenen Häftlingen dauerhafte Spuren hinterlassen.

Das schlimmste Unterkapitel dieses Themas ist die Zwangsarbeit von Jugendlichen aus den Jugendwerkhöfen. Etwa 3.000 bis 4.000 Jugendliche sollen davon betroffen sein. Eine Zahl, die ich für viel zu niedrig halte. Allein die im Stahl- und Walzwerk Brandenburg beschäftigten Jugendlichen aus dem geschlossenen Jugendwerkhof Lehnin dürften es im Laufe der Jahre auf diese Zahl gebracht haben. Deshalb wurde die Ankündigung von Staatssekretärin Gleicke, eine Studie über Zwangsarbeit in Jugendwerkhöfen in Auftrag zu geben, mit viel Beifall begrüßt.

Damit hat Gleicke verdienstvollerweise ein heißes Eisen angepackt. Diese Studie wird dazu beitragen, eine weitere Lücke zu füllen. Weil den Betroffenen mit Studien allein nicht geholfen ist, regte Rainer Wagner, der Vorsitzende der UOKG, die auch die Studie von Sachse beauftragt hatte, einen Runden Tisch an, an dem Politik, Unternehmen und Betroffene schnelle Lösungen finden sollen, wie den ehemaligen Zwangsarbeitern des SED-Staates , die heute noch unter den Folgen leiden, schnell und unbürokratisch geholfen werden kann. Dieser Runde Tisch muss zustande kommen!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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