19. Mai 2014

Make love not law Sauberkeit und Sicherheit für Europa

Über Glühbirnen, Staubsauger und die normgerechte Handhabung

Der vergangene Herbst hat mein Leben geändert. Im November verschied meine letzte traditionelle Glühbirne. Seitdem haben sich meine langjährig geübten, allmorgendlichen Wege durch die Wohnung geändert. Während ich früher nach dem Aufstehen zuerst das Badezimmer und dann die Küche aufsuchte, führt mich der erste Weg des Tages nun stets in die Küche, um dort das Deckenlicht einzuschalten. Denn die jetzt dort installierte Quecksilberenergiesparlampe ermöglicht die Zeitungslektüre zum Frühstück erst nach einer längeren Aufwärmphase, die ich nun mit meiner Dusche zum Tagesanfang – tagesverfahrensablauftechnisch, sozusagen – parallelisiert habe.

Zum 1. September 2014 droht unseren Lebensgewohnheiten bekanntlich eine weitere Alltagsänderung durch den Großen Generalvormund in Brüssel. Ab dann werden alle Hausstaubsauger mit ernsthaftem Wumm verboten sein. Mehr als 900 Watt gibt es danach im Handel nicht mehr zu erwerben. Diesmal war ich also – glühbirnengeschädigt – vorgewarnt. So begab ich mich flugs zum Staubsaugerhändler meines Vertrauens und erwarb ein nagelneues Modell der bald aussterbenden Gattung namens Sebo Felix. Das Gerät verfügt über einen Gebläsemotor mit beruhigenden 1.300 Watt bei einer Luftdurchsatzmenge von fröhlichen 50 Litern pro Sekunde. Zusätzlich ist es mit einem gleichzeitig betreibbaren Bürstenmotor mit ebenso erheiternden 200 Watt ausgestattet. Kurz: Wenn Felix saugt, hört man noch, dass es sauber wird. Während einer verlängerten Garantiefrist von vier Jahren besteht demgemäß Hoffnung, dass Staub, Schmutz, Krusten und Ränder, Milben und Insektenleichen mit behenden Bewegungen auch weiterhin zügig und elegant in der dreilagigen Filtertüte von 3,5 Liter Volumen verschwinden werden.

Vor der ersten Inbetriebnahme des Felix nahm ich mir – als vorbildlicher europäischer Verbraucher – allerdings aufmerksam die Sicherheits- und Warnhinweise der mitgelieferten Gebrauchsanweisung zur Lektüre. Diese belehrte mich unter ihrer ersten Ziffer, dass sie bitte gut aufbewahrt werden möge, denn: „Wird der Staubsauger an Dritte weitergegeben, muss unbedingt die Gebrauchsanweisung mit übergeben werden.“ Im Hinblick auf die versprochene Garantiefrist von vier Jahren gehe ich derzeit nicht davon aus, eine solche Papierweiterleitung ernsthaft erwägen zu müssen. Immerhin ist unbestimmt, ob es nicht schon vor Ablauf dieser Garantiefrist den Brüsseler Normgeber insgesamt historisch weggesaugt haben wird, so dass vor dem Frühjahr des Jahres 2018 wieder völlig andere Regularien gelten könnten.

Weitaus bedenklicher stimmte mich die Warnung, dass das Gerät von „Kindern ab acht Jahren und von Personen mit verringerten physischen, sensorischen oder mentalen Fähigkeiten oder Mangel an Erfahrung und/oder Wissen“ nicht benutzt werden dürfe, es sei denn, sie würden hierbei beaufsichtigt oder

bezüglich des sicheren Gebrauchs des Gerätes unterwiesen. Stellt sich diese Gebrauchsbedingung nicht erkennbar als Altersdiskriminierung dar? Mehr noch: „Kinder dürfen nicht mit dem Gerät spielen.“ Wie soll unser schönes Europa auch nachfolgenden Generationen als ein sauberer Ort erhalten bleiben, wenn den Kindern des Kontinents die Möglichkeit verwehrt wird, ganz spielerisch in die Geheimnisse der Hausreinigung eingeführt zu werden? Fragen über Fragen.

Je länger ich in der Gebrauchsanleitung las, desto trauriger wurde ich. Denn dem Verfasser schien offenbar möglich, dass alle europäischen Bemühungen zur Schaffung von Bildungschancen für breite Bevölkerungsschichten ohne durchschlagenden Erfolg geblieben sind. Der Käufer des Staubsaugers erfuhr nämlich weiter: „Menschen oder Tiere nicht ab- beziehungsweise aufsaugen.“ Ein noch deutlicheres Indiz für die in dieser harmlosen Gebrauchsanleitung verborgene, wahre europäische Bildungskatastrophe war allerdings die englische Übersetzung dieses Warnhinweises in der entsprechenden Nachbarspalte des Büchleins. Dort nämlich hieß es – zwangsläufig gerichtet an das gesamte englischsprachige Publikum – in der Zeile über das Aufsaugeverbot für Tiere: „Do not run over the cable.“ Entweder der typische britische Staubsaugerkäufer steht generell nicht in der Versuchung, seine Dogge mit dem Staubsauger zu reinigen beziehungsweise mit ihm auf Mäusejagd zu gehen oder die Reinigung von Katzen, Ziegen und Schafen ist mit dem Felix in Irland oder Wales gestattet und die wirkliche Gefahr droht dem Nutzer diesenfalls vom Sturz über das Kabel, während das störrische Tier flüchtet. Man weiß es nicht.

Während mich noch die Frage beschäftigte, ob Franzosen oder Italiener gemeinhin mit ihren Staubsaugern scharfe, leichtentflammbare, explosive und sonstige gesundheitsschädliche Stoffe, Glühendes oder Heißes aufsaugen, was jedenfalls dem Felix-Erwerber in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in den deutschsprachigen Teilen Südtirols untersagt wird, fiel mein Blick auf die weitere Belehrung, dass das Gerät nach Ende des Gebrauchs ausgeschaltet werden müsse (Hinweis Nummer 4).

Wie oft, dachte ich, hatte ich dies bei meinem alten Staubsauger nicht beachtet und gerade deswegen viele Nächte verärgert wach im Bett gelegen, während sein Dröhnen beharrlich aus der Abstellkammer drang. Wie gut, dass mich mein jüngst erworbenes Fernsehgerät in regelmäßigen Abständen fragt, ob ich noch weiter zusehen möchte oder ob es in zwei Minuten automatisch in „Standby“ wechseln könne. Vielleicht wäre für die übernächste Saugergeneration von der europäischen Zentralregierung zu erwägen, ob diese sich nicht generell stets nach zwei Minuten automatisch abstellen, damit insbesondere Menschen mit verringerten mentalen Fähigkeiten jenseits eines 120-sekündigen Intervalls an einer nicht legitim zweckgerichteten Nutzung zu Vergnügungszwecken (zum Beispiel während der Geräteeigentümer schläft oder duscht) gehindert werden? Besser geht immer.

In den kommenden vier Jahren werde ich unter allen Umständen peinlich genau darauf achten, dass Teppichkanten und Teppichecken nicht von der Bürste eingezogen werden. Ich werde jeden Kontakt des Bodenblechs auf unebenen Böden zu vermeiden wissen und die statisch wie mental stabilisierende Belehrung schätzen: „Achten Sie bei der Benutzung des Schlauchs stets darauf, dass sie den Griff weiterhin festhalten, da das Gerät sonst umfallen könnte.“

Im Hinblick darauf, dass ich neuer, glücklicher Staubsaugereigentümer nunmehr aus diesen Gebrauchshinweisen ein geläutertes Verständnis von allgemeinen Fähigkeiten des Publikums im Umgang mit Alltagsgegenständen gewonnen habe, gestatte ich mir, diese Zeilen äußerst vorsorglich mit einigen eigenen belehrenden Hinweisen zu beschließen. Auch wenn Ihnen dieser Text gefallen haben sollte: Bitte essen Sie ihn nicht! Geben Sie ihn nicht an Personen weiter, die mit dem Verständnis der zitierten Staubsaugeranleitung überfordert sein könnten. Stellen Sie sicher, dass etwaige Dritte, die in den Besitz dieses Heftes kommen könnten, von Ihnen oder einer sich sonst mental gesundfühlenden Person hinlänglich in die Lektüre eingewiesen werden. Für den Fall ihres Missfallens in Anbetracht dieser Kolumne können sie von der Möglichkeit Gebrauch machen, die entsprechenden Seiten aus dem Gesamtheft (vorsichtig!) herauszutrennen und die auf diese Weise abgesonderten Blätter mit ihrem eigenen Staubsauger aufzusaugen. Das hier verwendete Papier enthält keine tierischen Bestandteile. Verlag und Verfasser garantieren allerdings nicht, dass ein solches Einsaugen auch mit Modellen, die Sie nach dem 1. September 2014 kaufen, noch möglich sein wird. Dieser Text endet mit dem Abschluss dieses Satzes.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. Mai erscheinenden Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 143.


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