19. Mai 2014

Ukraine Willkommenes Schauspiel

Der Konflikt kaschiert die platzende Dollar-Blase in den Schwellenländern

Dossierbild

Morgen wird Wladimir Putin zu Gesprächen in China erwartet. Es wird kein Besuch sein wie jeder andere. Zwar ist seine Beziehung zur kommunistischen Führung Chinas nicht frei von Unstimmigkeiten, doch in volkswirtschaftlicher Hinsicht wird der russische Präsident sicherlich neue Erfolgsgeschichten erzählen können. Beispielsweise erscheint es möglich, dass während Putins Besuch in Peking neue Rüstungsgeschäfte genauso vorbereitet werden wie ein weiterer Ausbau von Rohstofflieferungen. Gazprom steht anscheinend kurz davor, sich mit dem chinesischen Staatskonzern CNPC über einen Erdöl-Liefervertrag für die kommenden 30 Jahre zu einigen. Auch wird noch über eine neue Pipeline verhandelt, die ab dem Jahr 2018 38 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach China transportieren soll. Russlands Staatsunternehmen könnten damit ihre Rolle als zentrale Rohstofflieferanten weiter ausbauen. Und dies sogar abseits des Dollar-Imperiums.

Denn spätestens seit dem 24. April diskutieren Russlands Mächtige über eine konkrete Abkehr vom US-Dollar im Handelsverkehr mit anderen BRICS-Staaten. An diesem Tag lud Russlands Finanzminister Anton Germanowitsch Siluanow zu einem lange Zeit geheim gehaltenen Treffen ein. Vertreter der Energie- und Finanzwirtschaft sowie Regierungsbeamte diskutierten dort, wie die Bedeutung des US-Dollars für russische Exporte konkret verringert werden könnte. Später ließen Regierungsvertreter das allgemeine Stimmungsbild durchsickern. Danach sei der „Bankensektor bereit, eine hohe Zahl von in Rubel notierten Transaktionen zu handhaben.“ Auch darüber wird Wladimir Putin in China sicherlich sprechen wollen.

Putin möchte aus gutem Grund Abstand zu den USA gewinnen. Seit dem Ausbruch des Konflikts in der Ukraine versuchen Obamas Schergen Putins Schergen per Wirtschaftssanktionen in die Mangel zu nehmen. Allerdings mit bislang eher mäßigem Erfolg. Mäßiger Erfolg? Ganz recht. Der russische Aktienindex MICEX brach zwar bis Mitte März 2014 massiv um nahezu 17 Prozentpunkte ein. Doch dies war keineswegs Folge der transatlantischen Sanktionen. Vielmehr erholte sich der Index unmittelbar nach den beiden Sanktionsschüben langsam aber stetig und notiert heute wieder bei mehr als 1.400 Punkten. Der Wert russischer Unternehmen wurde auf diesem Weg also kaum erschüttert. Dennoch ist in den Medien von einer wirtschaftlichen Krise Russlands die Rede. Diese äußert sich allerdings in Details, die kaum etwas mit dem Ukraine-Konflikt zu tun haben.

Nach einer Studie der Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA), der zweitgrößten Bank Spaniens leiden derzeit nahezu alle Schwellenländer massiv unter der nicht mehr ganz so expansiven Geldpolitik der US-amerikanischen Zentralbank Fed. Die Kapitalflüsse in diesen Ländern kommen seit Beginn des „Taperings“ im Dezember 2013 ins Stocken – auch in Russland. Ausländische Investoren ziehen ihre Einlagen ab – allein um bis zu 45 Prozent in Brasilien und 24 Prozent in Russland. Sie erhoffen sich womöglich bald schon steigende Renditen in den USA. Und Fed-Chefin Janet Yellen sieht derzeit keinen Anlass nachzugeben. Auch die zukünftigen Vorgaben des zins- und strategieprägenden Federal Open Market Committees (FOMC), werden auf Kontinuität setzen, sagte Yellen vor einigen Wochen vor dem US-Kongress. Die unter Ben Bernanke begonnene Linie, die sogenannten Konjunkturhilfen über Ankäufe von Staats- und Hypothekenanleihen Schritt für Schritt zu drosseln, werde auch in Zukunft beibehalten. Sie betonte gar, dass die Anleihenkäufe im Laufe des Jahres 2014 auf Null zurückgefahren werden sollen. Besonders für die Schwellenländer bedeutet dies eine existentielle Bedrohung. Ihr Wirtschaftswachstum entpuppt sich ohne das Fed-Konfetti als rein papierne Kreditblase.

Die Konflikte in Kiew, Donezk und Simferopol sowie der sanktionsgeschwängerte „Wirtschaftskrieg“ dienen den Papiergeldjongleuren als willkommenes Schauspiel, um die große Krise zu überdecken. Hinter der Bühne platzt eine Dollar-Blase. Und genau deshalb will Wladimir Putin der Abhängigkeit von der US-Leitwährung entfliehen.


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