06. Mai 2014

DDR-Tagebuch Die Vorboten der Friedlichen Revolution

Die Maiereignisse 1989

Dieser Mai 1989 macht noch nicht alles neu, aber die Risse im Staatsgebilde der DDR sind nicht mehr zu übersehen. Mehr noch, es fallen immer mehr Steine aus dem Gemäuer.

Das geht am 1. Mai los. In Leipzig passiert etwas Unerhörtes: Am Rande der offiziellen Maidemonstration findet ein Schweigemarsch statt, der sofort von der Polizei aufgelöst wird.

In Ostberlin dagegen scheint alles wie immer zu sein: Honecker steht auf der Tribüne und lässt drei Stunden lang die Demonstranten an sich vorbei marschieren. „Das ist der Mann, der von der Spitze des Daches an die Spitze des Staates trat“, kommentiert ein Fernsehreporter. In der Nacht darauf verkündet ein Graffiti in der Rykestraße, im Berliner Prenzlauer Berg: „Wer hoch steigt, wird tief fallen.“

Dieser Fall beginnt wenige Tage später. Am Vorabend der Kommunalwahl erklärt die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley im Westfernsehen, worauf man zu achten hat, wenn man mit Nein stimmen will.

Außerdem bekräftigt sie noch einmal die Ankündigung der Opposition, diesmal bei der Auszählung der Stimmen dabei zu sein.

Die Opposition tagt in vielen kleinen Gruppen bis tief in die Nacht. In den vergangenen Wochen haben sich viele Menschen gemeldet, die bei der Stimmauszählung dabei sein wollen. Um der Gefahr zu entgehen, im entscheidenden Moment vor die Tür gesetzt zu werden, müssen in jedem Wahllokal mindestens drei unabhängige Beobachter sein. Unter den neuen Unterstützern befinden sich viele CDU-Mitglieder, die ihre Mitgliedskarte herausgekramt haben, um sie am nächsten Tag zum Einsatz zu bringen. Sie glauben, als Mitglied einer Partei der „Nationalen Front“ nicht so leicht als Wahlbeobachter abgewiesen werden zu können. Die Spannung steigt. Viele können in dieser Nacht nicht ruhig schlafen.

Am 7. Mai, dem Tag der Kommunalwahl demonstrieren in Leipzig mehr als tausend Menschen gegen die Wahlpraxis in der DDR und fordern freie Wahlen.

Als sich landesweit abzeichnet, dass die Beteiligung weit geringer ausfallen würde als in den Vorjahren, werden ab Mittag verstärkt die berüchtigten Schlepperkolonnen eingesetzt. Sie hatten die Aufgabe, die Wahlunwilligen mit Versprechungen oder mit Einschüchterungen zur Teilnahme an der Abstimmung zu bewegen.

Bevor am Abend die Wahllokale geschlossen wurden, meldeten sich dort ungewöhnlich viele Menschen, die an der Stimmauszählung als Beobachter teilnehmen wollten. Sie notierten sich die Ergebnisse genau und gingen anschließend zu den von der Opposition vereinbarten Sammelpunkten. Dabei stellte sich heraus, dass die Ergebnisse in hunderten von Wahllokalen kontrolliert worden waren. Und überall hatte sich dasselbe Resultat gezeigt: Die Nationale Front lag diesmal deutlich unter den vielbeschworenen 99-Prozent-Punkten. Erstmals hatten auch Mitglieder der Blockparteien CDU und LDPD sich an den Aktionen beteiligt. Gespannt warteten alle auf das offizielle Endergebnis.

Als der Wahlleiter Egon Krenz am späten Abend wieder ein Ergebnis über 99 Prozent verkündete, ging ein Aufschrei durch das Land. Man hatte immer gewusst, dass die Wahlergebnisse geschönt wurden. Nun hatte man den Beweis in der Hand, dass die SED selbst vor plumpen Fälschungen nicht zurückschreckte. Noch in derselben Nacht traf die Opposition die Vorbereitungen zur Veröffentlichung ihrer Zahlen. Eine Wahlzeitung wurde gedruckt, die an die Westmedien gegeben wurde, damit diese die wirklichen Zahlen im ganzen Land bekannt machten.

Natürlich wurde die Zeitung auch im Inland verbreitet und hundertfach kopiert. Als die ersten Oppositionellen am nächsten Tag demonstrativ  Anzeigen wegen Wahlfälschung erstatteten, folgten viele Bürger diesem Beispiel. Weil das „Neue Deutschland" meldet, dass 98,85 Prozent der Wahlberechtigten für die Kandidaten der Nationalen Front gestimmt hätten, wird es diesmal von Leuten gekauft, die sonst nie diese Zeitung in die Hand nehmen. Das "ND" wird als Beweismittel für die Wahlfälschungen bei der Staatsanwaltschaft eingereicht.

 Es gingen so viele Anzeigen ein, dass die Staatssicherheit nur noch die Anweisung an die Staatsanwaltschaften geben konnte, die Bearbeitung so weit wie möglich zu verzögern.

Aus Moskau erhielt die Opposition unerwartete Unterstützung: Der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse hatte eine Grundsatzrede zum Reformprozess in Osteuropa gehalten. Er erklärt unmissverständlich, die „einzig korrekte Vorgehensweise“ wäre, die jeweilige Wahl zu respektieren.

Schewardnadse wollte damit sagen, dass die Sowjetunion anders als in früheren Jahren, die jeweiligen Reformen nicht behindern würde.

Die Botschaft wurde von den Menschen in den sozialistischen Ländern nicht nur gehört, sondern zunehmend auch geglaubt.

Inzwischen hat der Freiheitsfunke auch China erreicht.

Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking sind mehrere tausend Studenten für demokratische Freiheiten in den Hungerstreik getreten. Noch ahnt niemand, welch hohen Preis die mutigen Studenten zahlen müssen.

Während der Geist des Widerstandes wächst und immer mehr Menschen erreicht, stellen die klügeren Politbürokraten bereits fest, dass sie nicht mehr weiter machen können, wie bisher.

In der zweiten Maihälfte warnt DDR-Planungschef Gerhard Schürer auf der wöchentlichen Sitzung des Politbüros vor der steigenden Westverschuldung des Landes. Wenn der gegenwärtige Trend anhalte, stünde der Staat spätestens 1991 vor der Zahlungsunfähigkeit. Schürer weiß, dass sich die DDR wegen der Nähe des Westens einen Kraftakt á la Ceausescu, der das Lebensniveau der Rumänen drastisch reduziert hat, um die Auslandsschulden zurückzuzahlen, nicht leisten kann. Schon die aktuelle Versorgungslage, die sich seit Beginn des Jahres drastisch verschlechtert hat, macht dem Planungschef größte Sorgen. Dessen

ungeachtet gilt die DDR offiziell nach wie vor als zehntstärkste Industriemacht der Welt.

Die DDR bröckelt noch weitgehend unbeachtet vor sich hin. Dagegen zerfällt die Sowjetunion bereits sichtbar.

Der Litauische Oberste Sowjet erklärt die Unabhängigkeit Litauens. Das müsste eigentlich wie eine Bombe einschlagen, aber vorerst bleiben offizielle Stellungnahmen aus. Die Politik wartet ab, wie Gorbatschow reagieren wird. Wenn Litauen sich für unabhängig erklärt, werden andere bald folgen. Was wird dann aus der Sowjetunion?

Eine sowjetische Historikerkommission räumt im polnischen KP- Organ TrybunaLuduerstmals die Existenz der geheimen Zusatzprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt über die Aufteilung Polens und des Baltikums ein. Fünfzig Jahre mussten die Polen darauf warten.

Bis heute ist das volle Ausmaß dessen, was damals beschlossen worden ist, nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert. Jüdische Emigranten wurden an Nazi-Deutschland ausgeliefert, auch Kommunisten.

Am letzten Tag des Monats hält Bush auf seiner ersten Europareise als US-Präsident in der Rheingoldhalle  eine wahrhaft erstaunliche Rede. Er spricht vom nahen Ende des Kalten Krieges. Die Zeit dafür sei reif, die Politik des geteilten Europa stünde auf dem Prüfstand. Er fordert freie Wahlen in Osteuropa und den Abbau der Grenzen. In Ungarn hätte dieser Abbau bereits begonnen. „Let Berlin be next“. Die Mauer stünde für das Scheitern des Kommunismus: „It must come down.“

Wenn Gorbatschow diese Rede gehalten hätte, wäre der Saal vor begeisterten "Gorbi"-Rufen förmlich explodiert. Bush bekommt höflichen Beifall, mehr nicht. Bundeskanzler Kohl ist immer noch überzeugt, dass die Deutsche Einheit nicht auf der Tagesordnung steht.

Es mussten erst die unbekannten Mauerbrecher kommen, ehe die „Architekten der Deutschen Einheit“ zur Tat schreiten konnten.


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