22. April 2014

DDR Sacharow. Stasi. Mao.

Tagebuch der Friedlichen Revolution

Zwanzigster April 1989

In der UdSSR findet der zweite Wahlgang zum Kongress der Volksdeputierten statt. Zu den Kandidaten zählt auch der Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow. Damit endete eine der spektakulärsten Dissidentenkarrieren der Sowjetunion.

Schon als Wissenschaftler und Mitwirkender am sowjetischen Atomwaffenprogramm hatte Sacharow begonnen, sich gegen die Atomtests der Sowjetunion auszusprechen. Als er sich 1968 auch noch gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die sowjetischen Truppen wandte, bekam er Berufsverbot. Danach wurde er zum bekanntesten Dissidenten der UdSSR und zum Leitbild für viele Oppositionelle in Osteuropa.

Im Jahre 1970 gründete Sacharow ein Menschenrechtskomitee und verlangte in einem Offenen Brief an die Regierung eine Demokratisierung der Sowjetunion. Sacharow kümmerte sich um politische Häftlinge und setzte sich für die Selbstbestimmungsrechte von ethnischen Minderheiten ein. Mehrmals trat er zur Durchsetzung seiner Ziele in den Hungerstreik.

Am 10. Dezember 1975 wurde Sacharow der Friedensnobelpreis verliehen. Das Nobelkomitee würdigte seine Leistungen im Streben nach einer rechtsstaatlichen und offenen Gesellschaft. Weil die sowjetische Regierung ihm verbot, zur Verleihung nach Oslo zu reisen, nahm seine Frau Jelena Bonner den Preis entgegen. Die Annahme des Preises machte Sacharow endgültig zum „Staatsfeind“.

Nach Protesten gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan, wurde Sacharow am 22. Januar 1980 verhaftet und nach Gorki (heute: Nischni Nowgorod) verbannt, wo er unter strenger Bewachung der Staatssicherheit leben musste. Er arbeitete am Entwurf einer neuen sowjetischen Verfassung und wurde Mitbegründer der International Academy of Science.

Seine Frau war sein einziger Kontakt zur Außenwelt, bis auch sie 1984 nach Gorki verbannt wurde. Im Dezember 1986 wurde die Verbannung Sacharows und Bonners durch Parteichef Gorbatschow aufgehoben. Gorbatschow bat Sacharow persönlich telefonisch, nach Moskau zurückzukehren und seine politische Tätigkeit legal fortzusetzen.

Als Parteiloser im Kongress der Volksdeputierten saß Sacharow mit seinen ehemaligen Verfolgern im Plenum. Er schloss sich der interregionalen Arbeitsgruppe der Radikalreformer an und versuchte, die sowjetische Verfassung zu reformieren. Gleichzeitig wurde er Gründungsvorsitzender der russischen Gesellschaft Memorial, die bis heute die Geschichte der kommunistischen Verbrechen und des sowjetischen Lagersystems aufarbeitet. Sacharow wird einer der ersten osteuropäischen Dissidenten, die in ein Parlament gewählt wurden.

Die Ironie der Geschichte will es, dass an dem Tag, an dem einer der führenden Atomwissenschaftler der Sowjetunion Parlamentsmitglied wird, das „Neue Deutschland“ meldet, dass an der TU Dresden die Kernfusion auf kaltem Wege gelungen ist.

Einundzwanzigster April 1989

Die Staatssicherheit der DDR arbeitet auf Hochtouren: Sie erstellt einen umfangreichen Bericht über die von der Opposition geplanten Aktivitäten zu den Kommunalwahlen. Die Bandbreite reicht von Aufrufen zum Boykott der Wahlen bis hin zu Aufrufen, gegen die Einheitsliste zu stimmen. Ein solches Ausmaß an Aktivitäten, einen solchen Willen zum Widerspruch hat die Staatssicherheit nie zuvor festgestellt.

Sie kann nicht ahnen, dass sie bis zu ihrer Auflösung nicht mehr zum Ausruhen kommt und ständig Sonderschichten fahren muss.

Während „Schild und Schwert der Partei“ langsam atemlos werden, tut die Parteiführung immer noch so, als wäre alles wie immer. Staatschef Honecker empfängt zur Abwechslung eine Militärdelegation aus der UdSSR.

Zweiundzwanzigster April 1989

Der Freiheitsfunke springt von Europa nach China über: In Peking demonstrieren erstmals Studenten für die Freiheit, die Partei- und Staatsführung kritisieren zu dürfen. Die hat von Kritik allerdings mehr zu fürchten, als die meisten anderen kommunistischen Regierungen. Die Sowjets halten zwar beim Kommunistenmord den Rekord, bei den Morden an Normalbürgern ist aber das Kommunistische China einsame Spitze.

Der von der westeuropäischen 68er-Bewegung angebetete Mao ist der größte Schlächter in der Geschichte der Menschheit. Unbelehrbare Maoisten dürfen sich bis heute, sogar in der bürgerlichen Presse, über die angeblich edlen Motive von Mao auslassen.

Das „Neue Deutschland“ berichtet von einer Ankündigung Dmitri Jasows, Verteidigungsminister der UdSSR, erste Einheiten der Roten Armee aus der DDR und der ČSSR abziehen zu wollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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