07. März 2014

Loriot im Pressespiegel „Maske ... welche Maske?“

Des Kaisers alte Kleider und nackte Monster

Ob deutsche Leidmedien bei einem Blick in den Pressespiegel heftigst erschraken? Zu hoffen wär‘s ja, denn die Art und Weise, in der allein in den letzten drei Tagen  über die „Krimkrise“ berichtbestattet wurde, erinnerte stark an eine Szene aus einem berühmten Sketch von Loriot, in dem Evelyn Hamann Meister Bülow, kunstgerecht zum Horrordarsteller mit kannibalischem Überbiss, Urmenschenkinn und archaisch-atavistischer Wildwuchs-Frisur geschminkt, am Ende des kunstvoll gespielten Interviews fragt, wie er denn ohne Maske aussehe. „Maske ... welche Maske?“ antwortet das Monster konsterniert und schaut ratlos in die Kamera.

Das Niveau der Propaganda, oder besser gesagt: die schmierige Konsistenz des Schlamms, in dem deutsche Schund- und Lügenblättchen miteinander um die prolligste und drolligste, am gewissen- und verantwortungslosesten kriegstrommelnde, sämtliche noch verbliebenen arbeitsethischen Hemmschwellen und menschlichen sowie moralischen  Skrupel vollständig abstreifende Totschlagzeile buhlten, dürfte denjenigen Lesern, die sich nicht von dem Irrsinn haben infizieren und programmieren lassen, eindringlich klargemacht haben, was die Stunde geschlagen hat: Das ist das Ende. Keine Sorge, nicht der Welt, höchstens der „Welt“, unter anderem: Dort stürzte man sich auf eine Äußerung der bekannten Moderatorin Abby Martin von RT (Russia Today), als hätte man einen Monat nichts zu essen bekommen, riss ihre Kritik am Vorgehen des Kreml völlig aus dem Kontext und dürfte damit jedem, der, so wie ich, ihre Arbeit beim russischen Sender von Anfang an interessiert verfolgte, zweifellos eine Maulsperre verpasst haben. Martin selbst antwortete einen Tag später in ihrer beliebten Sendung „Breaking the Set“ auf diese gewohnt extrem selektive Rosinenpickerei – die natürlich immer nur aufgreift, was ihr gerade besonders gut schmeckt – zwar nicht bei der „Welt“, aber ihren US-Pendants, die genauso vorgingen.

Sie betonte, dass sie zu jedem ihrer moskaukritischen Worte stehe, wies allerdings auch überdeutlich darauf hin, dass sie nicht nur russischen, sondern jede Form von militärischem Interventionismus ablehne – gerade auch US-Interventionismus. Martin gehörte schon immer zu den lautstärksten Kritikerinnen der rücksichtslosen Haudrauf-Geopolitik Washingtons, hat außerdem – da fliegt mir ja die „Welt“ weg! – eine an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassende Meinung zu den Anschlägen des 11. September und behandelt ohne große Berührungsängste auch sehr kontroverse und, wie man hierzulande blöken würde, „verschwörungstheorääää-määhähä-tische“ Themen – angefangen von den GMO-Machenschaften Monsantos über den hochkorrupten Korporatismus der amerikanischen Hauptstadt und deren engste Kumpanei mit der Wall Street bis hin zum Attentat auf John F. Kennedy. Sie lädt regelmäßig Gesprächspartner ins Studio, die man hierzulande noch nicht mal mit der Kneifzange anfassen und, sollten sie es wie durch ein Wunder doch einmal in eine Wegseh-Diskussion schaffen, umgehend verlanzen und -plasbergern würde. Kein Wunder also, dass man im Hause Springer für Frau Martin bisher keine Augen hatte; erst als sie Moskau kritisierte, reagierte beziehungsweise erigierte man, trug sie sofort auf Händen und legte sie ins journalistische Himmelbett. Noch schmerzhafter kann man sich nicht ins eigene Bein schießen, noch deutlicher hätte man die politische Zwangsjacke, in der die eigenen Redaktionen stecken, der Leserschaft nicht vor die Nase halten können. Blamabel.

Dasselbe gilt für die Veröffentlichung des Briefes eines russischen Schriftstellers, der sich für sein Land schämte und das Verhalten Moskaus scharf kritisierte, wohingegen man sich bei der „Welt“ keinesfalls schämte, diese Scham zu Propagandazwecken sogleich auszuschlachten wie ein Spanferkel. Nicht missverstehen: Ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit des Schriftstellers, ich stelle nicht seine Motive in Frage. Es ist ganz einfach nur bezeichnend, dass man sich hierzulande (und nicht nur bei der „Welt“) leider nur selten dazu durchringen kann, die zahlreichen Aufrufe und Briefe amerikanischer Autoren abzudrucken, die seit Jahren ihrer Regierung die Leviten lesen und in eindringlichen Worten und mit überzeugenden Argumenten um eine Einstellung der Endloskriege gegen andere Länder bitten. Dieses Verschweigen hat selbstverständlich Methode.

Berthold Kohler, Mitherausgeber der „FAZ“: „Die CSU übertraf sich am Aschermittwoch in Passau selbst, als sie sich für die Zusammenarbeit mit Moskau aussprach. Bei was? Der Besetzung der Krim? Dem Belügen der Welt? Auch der Klamauk hat Grenzen.“ Nun bräuchte man natürlich nur noch „Krim“ durch den Irak oder Afghanistan und „Moskau“ durch Washington auszutauschen – perfekt, die Formulierungen würden nichts an Richtigkeit einbüßen. Na gut, mit einer Ausnahme: „Klamauk“ müsste „Massenmord“ weichen. Auch der sollte nämlich seine Grenzen haben – sofern er nicht von einer stets zuverlässig Beihilfe leistenden Journaille, der ganz offensichtlich noch nicht klar ist, welch hochgefährlichen Weg sie da beschreitet, als humanitäre Hilfe empfohlen wird.

Über die Verbindungen einiger ranghoher Journalisten des deutschen Mainstreams zur Atlantikbrücke, ihre Einbindung in „NATO-affine Strukturen“ muss nicht mehr viel gesagt werden. Sie sitzen bei der „FAZ“ ebenso wie bei der „Süddeutschen“ und beim „Tagesspiegel“, beim „Spiegel“ wie bei der „Zeit“. Es ist mitnichten überraschend, es ist auch keine Hysterie und keine Handlung im Affekt, sondern kaltes Kalkül und wohlüberlegte Hetze, wenn solche brandgefährlichen Demagogen und nützlichen Auftragslügner sich in der derzeitigen Situation natürlich alle Mühe geben, die Stimmung anzuheizen und auf atemberaubend nostalgische Weise das Volk in Kriegsstimmung zu bringen. Man könnte argumentieren, dies sei auf dem Höhepunkt des Syrien-Konflikts nicht viel anders gewesen, allerdings hat der völlige Verlust journalistischer Tugenden, das völlige Fehlen jeder kritischen Distanz, das Stummschalten jeder eigenen Gewissensregung, als habe man es mit ferngesteuerten Schreibrobotern zu tun, im Falle der „Krimkrise“ tatsächlich einen neuen Tiefpunkt erreicht. Mit sowas spaßt man nicht. Weshalb zu hoffen bleibt, dass dieses durch nichts zu entschuldigende, unethische Verhalten endlich mal drastische Konsequenzen nach sich ziehen wird – und zwar von Seiten der Leser. Sie sind es, die manchen ihrer auf fragwürdige Art Meinung Machenden deutlich zeigen müssen, dass sie keine Wiederholung der Geschichte wünschen.


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