05. März 2014

Krimkonflikt und Ukraine Bitte nicht den Ball aus den Augen verlieren

Es geht um weit mehr als nur ein Land

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Man sollte angesichts des derzeit immer schrillere Töne anschlagenden, verantwortungslosen Geschreis um die Ukraine sowie die Krim nicht den Fehler machen, atemlos jeder einzelnen neuen, mitunter arg abstrusen, oftmals sogar schlicht falschen Meldung über die dortige Situation sowie dem schlicht abstoßenden Gepöbel der Politik hinterherzuhecheln. Es gibt in der dramatisch gestiegenen Lautstärke leider nur noch recht wenige besonnene, vernünftige Stimmen, die, statt sich in unwichtigen Details und haarspalterischen Völkerrechtsfragen zu verirren, die Kamera mal etwas zurückfahren lassen und sich um ein größeres Bild bemühen. Haarspalterisch sind solche Fragen natürlich deshalb, weil Washington, würde es sich konsequent ans Völkerrecht halten, sich schon für den Irakkrieg (und zwar schon den ersten unter George H.W. Bush) hätte selbst anzeigen müssen.

Mehr als ein Jahrzehnt hat die NATO unter US-Führung – das sollte einfach mal klar und deutlich ausgesprochen werden – geraubt, gemordet und gebrandschatzt. Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg folgte dem nächsten, ein Ressourcen-Raubzug auf den anderen, ein geopolitischer „Schachzug“, dem Hunderttausende von Menschen zum Opfer fielen, deren Länder zu Klump gebombt und in schwarzschattige Oasen für Waffenschiebereien in Richtung des nächsten Ziels auf der „Liste“ sowie Extremismus und Terrorismus verwandelt wurden, gab sich die Klinke mit dem nächsten schäbigen, verlogenen Überfall in die Hand.

Mythomane Ketchup-Kerry zog deshalb zu Recht ein gerüttelt Maß Spott und Häme auf sich, als er sich doch wirklich nicht entblödete, der Führung im Kreml vorzuwerfen, normalerweise marschiere man nicht in Länder unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein, sowas sei sehr unerzogen. Ein solches Verhalten sei vielleicht im 19. Jahrhundert üblich gewesen, aber nicht mehr im 21., so der unleugbare Lügner Kerry. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie man in Moskau darauf reagierte: Wahrscheinlich lachte man sich ins Koma und dankte herzlichst für diese Steilvorlage. Der liebe John Boy, Absolvent der Irrenanstalt Skull & Bones, scheint einem Zahlendreher erlegen zu sein. Denn was der Ex-Westen, der in den letzten Jahren sowohl in den USA als auch der EU als seinen zwei repräsentativsten Chiffren nach innen zunehmend autoritär, totalitär und mit sowjetkommissarischer Volkserziehungs- und Korrektheitsertüchtigungsattitüde, nach außen immer rücksichtsloser, brutaler und unter beinahe schon blauäugig-blondem Welteroberungs- und Belehrungs-Peitschenknallen auftritt, anrichtete, das kennt man vielleicht aus dem 12., nicht aber dem 21. Jahrhundert. Ein Staffellauf des radikalbellizistischen,  ökonomisch destruktiven, antiliberalen und -humanistischen Irrsinns, bejubelt, begluckst und angefeuert ausgerechnet auch von deutschen Vermassungsmedien, über deren Glaubwürdigkeit und – möchte man Freud folgen – atemberaubenden Schamverlust als sicheres Zeichen für Schwachsinn man ja kein Wort mehr verlieren muss.

So schrieb zum Beispiel Klaus-Dieter Frankenberger, der in seinen Kommentaren regelmäßig mit transatlantischem Dirnendiesel gurgelt, auf der „Ersten Seite“ der „FAZ“ – und meinte das absolut ernst – die „Charmeoffensive Obamas“ (terasic!) hätte wohl keine Chance, zarte Friedensblüten durch das undurchdringliche Wurzelwerk des Bösen im Osten zu treiben, so der Tenor. In anderen Groschenheftchen dasselbe Theater: Alle Scheinwerfer auf Putin ... und Action! Man muss noch nicht mal mehr genauer hinschauen: Tag für Tag liefert sich der Zeitdung einen offensichtlichen, schlammcatchenden Wettbewerb um die aggressivsten, tendenziösesten, manipulativsten und suggestivsten Totschlagzeilen und Formulierungen nach dem anderen. Kein einziges Wort über die Tatsache, dass der Kreml, ohne sein Vorgehen auch nur im geringsten rechtfertigen oder beschönigen zu wollen, ganz im Gegenteil, sich – da kann sich der Mainstream auf den Kopf stellen und mit den Füßen „Dann geh' doch nach drüben!“ schreien – seit Jahren einer Einkreisungs-, ja Einkesselungs-Strategie („Brzeziński-Doktrin“) seitens der NATO ausgesetzt sieht.

Man bringt Putin noch lange nicht den Morgenmantel, wenn man zu Recht darauf hinweist, dass die ekelhaft bigotten Verweise auf das „Völkerrecht“ und die „Souveränität anderer Länder“ ausgerechnet aus Washington und seinen Mundstücken in Berlin, Paris und anderen europäischen NATO-Vasallen herzlich wenig zu überzeugen vermögen. Alleine für den Opiumkrieg in Afghanistan durften deutsche Steuerzahler Milliarden hinlegen, um sich dann auch noch vom Herrn Angriffsminister und der Qualidaids-Frühstücksjournaille aufs Brötchen schmieren lassen zu müssen, es gehe um „unsere“ Sicherheit am Hindukusch. Putin als kühler Taktierer, der mit den USA gerade in Afghanistan übrigens ganz prächtig kooperierte (Washington erhielt von Moskau logistische Unterstützung beim Truppennachschub, US-Militärflugzeugen wurde großzügig die Durchquerung des russischen Luftraums gewährt), weiß das natürlich – und dürfte sich ins Fäustchen lachen darüber, dass das schizophrene Dauergeflunker des westlichen Ex-Journalismus so manchen Westler in seine Arme treibt und den falschen Eindruck hervorruft, russische Propagandamedien seien eine hochehrliche Alternative zu den korporatistischen der USA oder den deutschen aus bester Zwergpinscher-Aufzucht. In Syrien dasselbe Spiel: Washington, teilweise über seine Alliierten wie Saudi-Arabien und NATO-Partner wie die Türkei, wuppte Terroristen ins Land, bildete sie aus und drückte ihnen Schießprügel in die Hand, während Moskau die Assad-Regierung mit Waffen belieferte. Wodurch der Konflikt unnötig verlängert und menschliches Leiden vergrößert wurde. Trotzdem können sich so manche „klugen Kommentatoren“ anscheinend noch immer nicht dazu durchringen, genau das einfach offen auszusprechen, statt sich von der Frage, wer nun das „kleinere Übel“ sei, die USA oder Russland, den klaren Kopf abschrauben zu lassen.

Im aktuellen Dauergeschrei, an dem sich natürlich auch die grünen „Pazifisten“, Totalverbots-Pickelhauben und scheintoleranten Kinderkopfschänder in vorderster Reihe lautstark beteiligen, wahrscheinlich auch, um die Wunden, die der tiefe Fall von der Popularitätsleiter ihnen zufügte, mit Bessermenschentinktur und Schreimoralin zu salben, geht ein anderer Aspekt leider nahezu unter.

Nämlich die Frage, ob dieser Konflikt nicht zu einem auffälligen, ja für die Machteliten in Ost und West sehr günstigen Zeitpunkt kommt, da:

  • in New York und der City of London hochrangige Banker reihenweise (angeblich) Selbstmord begehen (die Zahl soll mittlerweile auf 20 gestiegen sein), die sicher Hochinteressantes hätten aussagen können über die ominösen Vorgänge in einschlägig bekannten Häusern wie JPMorgan, der Citigroup, der Deutschen Bank, der Fed, der Bank of England und anderen,

  • das ökonomische Küchenlatein der technokratischen Volksbeglücker bretthart an die Grenzen seines ohnehin recht bescheidenen Vokabulars stößt,

  • der Bankrott der (noch) größten Militärmacht und Volkswirtschaft der Welt, Amerikas,  nur durch neusprachlich so genannte Anhebungen der Schulden-„Obergrenze“, die es de facto natürlich nicht gibt – gäbe es sie, hätten sich die Schuldenberge ja nie so hoch auftürmen können –, lediglich aufgeschoben werden konnte,

  • die EU mit den derbsten Arbeitslosenzahlen der Nachkriegszeit, zunehmender Bürgerwut in Ländern wie Spanien und Italien und nur noch durch Bilanzierungstricks halblebendig geschminkten Zombiebanken zu kämpfen hat,

  • den massiven Manipulationen der Devisen-, Rohstoff- und Edelmetallmärkte immer mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, die entsprechenden Eliten also unter „Zugzwang“ geraten und ihre Methoden aufzufliegen drohen,

  • die durch den immer schneller verwesenden Dollar als Welt-„Reserve“-Währung (obwohl es keine Reserven gibt, sondern nur noch heiße Luft) verursachten Probleme auch in Schwellen- und Entwicklungsländern sich auf die Hinterbeine stellen,

um nur einige Beispiele zu nennen.

Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass Harlan K. Ullman, glühender Neocon und Globalisten-Scherge, am 15. August 2013 in einem auf der Webseite des „Atlantic Council“ veröffentlichten Artikel schrieb, möglicherweise sei eine, Zitat, „neue, außerordentliche Krise“ ähnlich derjenigen des 11. September nötig, um dem Projekt der Neuen Weltordnung (das ja nicht nur ein politisches, sondern auch ökonomisches ist: angestrebt wird eine einheitliche „Weltwährung“ unter Kontrolle „supranationaler Banker und Intellektueller“), das angesichts „nicht-staatlicher“ und individueller Akteure  wie „Edward Snowden und al-Qaida“ etwas ins Trudeln und Stocken geriet, wieder neuen Schwung verleihen zu können. Vor diesem Hintergrund stellt sich die bange Frage, ob es sich bei dem Konflikt in der Ukraine beziehungsweise um die Krim, der laut Prof. Thorsten Polleit und anderer namhafter Ökonomen, geopolitischer Kommentatoren und Analysten durchaus das Potential hat, große Erschütterungen durch die Finanzwelt zu werfen, eventuell um genau diese Krise handelt, eben dasjenige Chaos, aus dem die schon seit langer Zeit angekündigte und gepriesene „neue Ordnung“ hervorgehen soll. Sprach doch auch schon Wolfgang Schäuble öffentlich davon, die große Krise unserer Zeit könnte ihr Vorteile haben, weil sie den Durchmarsch in Richtung (Zitat Schäuble) „globaler Governance“ erleichtere. Putin kündigte bereits an, im Falle drakonischer Strafmaßnahmen gegen Russland den Dollar vollständig abstoßen zu wollen und sich anderen Währungen zuzuwenden. Welche Folgen das haben könnte, muss man wohl niemandem erklären. Fast zur selben Zeit – ist das nicht interessant – tauchen schon wieder Meldungen auf, die Federal Reserve sei nun am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt und könne demnächst ihre „lockere“ Schuldgeldpolitik beenden, um die Zügel straffer zu ziehen. Derweil ist außerdem die Rede von „einmaligen“ Zwangsabgaben, möglichen Bail-Ins (lies: rücksichtslosen Vermögenskonfiskationen), schärferen Kapitalverkehrskontrollen und so weiter und so fort.

Mein Großvater pflegte zu sagen: „Geht das Geld im Hause aus, fliegt die Lieb' zum Fenster raus.“ Da das Geld kübelweise zum Fenster hinausgeworfen und umverteilt wurde und nun die Konsequenzen dieses Fehlverhaltens drohen, bleibt wohl nur noch zu hoffen, dass die Liebe es ihr nicht gleichtut und hinterherspringt – egal ob von der Krim, irgendwo im Mittleren Osten, in Afrika oder einem anderen Sprungbrett des Wahnsinns.


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