05. März 2014

Selbstgesprächsmitschnitt aufgetaucht Wenn Macht mit sich selbst telefoniert

Ein schockierendes Zeitdokument

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„Hi!“

„Hallo!“

„Lust auf eine Partie Massen-Ping-Pong auf dem Monopoly-Brett?“

„Klar. Die Welt ist nicht genug. Viel zu klein geworden, das Ding. Egal, wer sie beherrscht – Feinde müssen immer sein. Alleinherrschaft fällt auf. Wirkt wie ein doppelter Espresso, direkt in die Spielfiguren gepumpt. Die springen dann immer so aufgeregt hin und her und suchen sich andere Bretter. Oder, schlimmer noch, kommen auf die Idee, dass sie eigentlich keine Bühnenbretter brauchen und haben dann gar keine Lust mehr, sich von uns hin- und herschieben zu lassen!“

„Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Was hältst du denn davon, wenn wir das Syrien-Muster umkehren?“

„Sorry, stehe gerade auf dem Schlauch ...“

„Naja, im Augenblick krieg ich ziemlich auf die Mütze. So langsam wird‘s echt brenzlig für mich. Die Leute merken, welche Zirkusnummer meine Chefingenieure abziehen. Ich glaube, wir müssen ihnen mehr Angst machen, sie noch mehr verwirren, damit sie nicht durchblicken.“

„Aaah ... alles klar. So wie in Syrien: Alles bist du schuld, obwohl wir beide durch Waffenlieferungen, du an die Terroristen, ich ans Regime, das Leiden unnötig verlängert haben und kräftig davon profitierten, statt uns aufrichtig um eine konstruktive Lösung zu bemühen.“

„Bingo. Genau so halten wir sie in Atem. Diese dummen Insekten kapieren doch eh nicht, was ihnen geschieht. Bist du mal die Presse durchgegangen, und zwar in beiden Bereichen?“

„Ja. Schon lustig. Unser Mainstream –  auf deiner Seite die Korporatistenpresse, auf meiner die Staatsmedien – beschuldigt sich gegenseitig. Bei den Alternativen dasselbe: Schau nur, wie erhitzt die Kleinen darum streiten, wer von uns der ‚Bessere‘ sei. Zum Ablachen. Aber egal, Hauptsache, sie merken nicht, dass wir mit ihnen Monopoly spielen.“

„Und jetzt kehren wir das mal um, gewissermaßen. Bevor also wir in der Ukraine einmarschieren, solltest du dieses Mal den ersten Schritt machen und die militärischen Muskeln ein bisschen anspannen. Nur anspannen, mehr nicht. Dann kann ich dir vorwerfen, du würdest die Souveränität eines anderen Landes und Menschenrechte verletzen, hihi.“

„Ich weiß nicht. Wäre das nicht ziemlich durchsichtig? Ich meine, wenn ausgerechnet du anderen Menschenrechtsverletzungen und völkerrechtswidrige Übergriffe vorwirfst? Ausgerechnet als Präsident ...“

„Mensch, das ist doch der Clou, du Premierminister. Verwirrungstaktik. Du hast es doch selbst gesagt: Hauptsache, sie merken nicht, dass wir mit ihnen Monopoly spielen. Vergiss bitte auch nicht, dass es mit unseren Finanzen momentan nicht zum Allerbesten bestellt ist. Wir müssen ja nicht wirklich Krieg führen, als Droh- und Angstkulisse zur Ablenkung vom Kassensturz würde es ja schon genügen.“

„Ah, verstehe. Wieder Nebelkerzen werfen. Und während die noch rätseln, wer nun wie viel Schuld woran hat, wie viel Verantwortung für was trägt und welches Gewaltmonopol moralische ‚Vorzüge‘ hätte, hahaha, kommen sie natürlich nicht auf die Idee, den Aufbau des Monopoly-Brettes an sich in Frage zu stellen.“

„Jetzt hat's bei dir geklingelt. Es geht ums Entzweien, ums Aufteilen, Zersplittern, Balkanisieren, nenne es, wie du magst. Osten gegen Westen, Norden gegen Süden, siehe Vietnam, siehe Korea und viele andere Beispiele. Der Norden von euch beherrscht, der Süden von uns, oder umgekehrt, völlig egal, damit man das Brett mit Feindbildern umzäunen kann, großen, einschüchternden, grotesken Schauerfiguren, denen das Blut von den Schneidezähnen tropft und aus der Schnauze läuft, in grellem Schwarzlicht erstrahlende Werbetafeln für Machterhalt, Litfaßsäulen, großzügig beklebt mit geostrategischen Topmodels in Uniform und bis an die Zähne bewaffnet, sich lasziv in verführerischen ideologischen Posen räkelnd. Fördert klassisches Lagerdenken, trägt zur Vermassung bei und macht aus Individuen Ping-Pong-Bälle. Überall stellen wir diese Desinfomon-Fallen auf. Die Untertänchen flattern dann wie Motten zwischen zwei riesigen Strahlern hin und her, damit sie nie zur Selbstbesinnung kommen.“

„Ja, ganz wie früher auch. Beide Seiten finanzieren, beiden Seiten bei den Kriegsvorbereitungen helfen, beide ineinanderschrauben und danach mit viel Geld und Technologie-Transfers dafür sorgen, dass das Feindbild möglichst lange erhalten bleibt, ein sogenanntes, ich lach mich weg, ‚Gleichgewicht des Schreckens‘ entsteht. Und vor diesem ‚Gleichgewicht‘ sitzen sie dann da, die Schäfchen, in der Tat ganz verschreckt, wie auf einer Tribüne bei einem blutigen Tennismatch, und glubschen mit ihren blöden Augen wie besessen auf den Ball, der abwechselnd mal in deinem, mal in meinem Spielfeld landet. Das ist ganz wichtig: Immer beide Seiten mit Waffen beliefern und aufeinander scheuchen, so wie auch im Irak-Iran-Krieg. Das meintest du doch?“

„Bravo! Ich sehe schon, wir passen prima zusammen. Sind wirklich ein tolles Team. Du hast begriffen, dass Macht immer nur sich selbst entgegenkommt. Wir beide sind ja nur zwei Worte aus demselben Munde, der Machtworte spricht, zwei Arme einer vielarmigen Bestie, zwei Trichter am selben Fleischwolf. Man wirft oben Menschen hinein und erhält unten eine leicht formbare Masse Hackfleisch. Und während sie auf den Ball schauen, merken sie gar nicht, dass wir ganz langsam, in für Schafsmägen wohlbekömmlichen Schritten, Schritt für Schritt, die Seiten politisch einander angleichen. Während der einstmals freie Westen also immer unfreier und totalitärer wird, wie gesagt in homöopathischen Dosen, wir wollen sie ja nicht aufschrecken, richten wir mal schnell die Aufmerksamkeit ganz auf dich, du Pöser, Pöser!“

„Yeah. Allerdings kann man das auch nicht ewig treiben – irgendwann fällt‘s dann doch auf. Die sind ja nicht alle doof. Also wie geht es jetzt weiter?“

„Weiß noch nicht genau. Ist aber auch irrelevant, wenn du mich fragst. Ganz gleich, wie dieser Konflikt ausgeht, mit welchen Mitteln er geführt werden wird und wie hoch wir die Eskalationsschraube noch drehen können: Am Ende können wir beide den Schafen erklären, dieser unselige Konflikt habe doch eindeutig bewiesen, dass die Welt nun reif sei für eine neue, politisch einheitlichere Weltordnung ... nur vollenden, vollenden dürfen wir diese Ordnung nie wirklich, sonst geht uns ja das Benzin aus.“

„Verstehe. Konflikte warmhalten, denn würde Frieden erreicht, könnten die sich ja blökend fragen, wozu sie uns überhaupt brauchen ...“

„Exakt. Du hast schon Recht, man kann das nicht ewig treiben, aber sobald die Schafe meckernd fragen, was da eigentlich gespielt wird, beschriften wir einfach die Etiketten neu. So wie nach der Westerweiterung der UdSSR zur EUdSSR, also nach dem vermeintlichen Untergang des Kommunismus: Schon zauberten wir einen neuen, allgegenwärtigen Feind aus dem Hut: Internationaler Terror.“

„Dazu kann ich übrigens nur gratulieren. Einfach genial. Ein omnipräsenter Feind, gegen den man endlos kämpfen kann, der nie wirklich besiegt wird und auch gar nicht werden soll ... ein dritter Streithahn, der die Kulissen der Daily Soap betritt, damit die andern beiden sich ineinander verlieben und eine schrecklich nette Familie gründen können. Einfach toll.“

„Yep. Und was meinst du wohl, warum wir ihnen immer wieder einreden, sie seien so schlecht und bräuchten unsere pädagogische Expertise? Merkste was? Genau dasselbe Schema wenden wir ja auch im ‚Genderismus‘ an: Männer gegen Frauen, genau dasselbe Spiel wie auf dem globalen Monopoly-Brett, nur eben nicht global, sondern innergesellschaftlich. Dasselbe Prinzip: Teile und herrsche. Auch da haben wir übrigens finanziell nachgeholfen. Mein Gott, sind Männer scheiße, tönen die Weibchen pausenlos, während die Männchen den Stinkefinger zeigen und irgendwann die Lust verlieren. Überall für Zwist sorgen, überall Streitherde aufdrehen. Das hat bisher wohl noch niemand geschafft, sogar die Liebe zu politisieren und militarisieren. Das erfüllt einen doch mit großem Technokratenstolz.“

„Aber wenn sie auch das irgendwann bemerken? Ich mache mir trotzdem Sorgen.“

„Dann wird es zu spät sein. Wir haben unser Ziel ja schon fast erreicht. Finanzen am Arsch, Geschlechter am Arsch, Frieden am Arsch, überall Wut, Verzweiflung, Angst, Depressionen, Unsicherheit, Tränen, Hoffnungsverlust, Burn-Out-Syndrom, Nihilismus, Fatalismus, Kriegsgeschrei, hängende Köpfe, Dauerbombardement auf allen Kanälen, ja, wir treiben ihnen das letzte bisschen Menschlichkeit aus. Wir überreizen ihre Nerven so lange,  wir trampeln so lange darauf herum, bis nur noch die krassesten, gröbsten, schroffsten, brutalsten Signale durchkommen. Alles Feinere ist bis dahin erledigt, Kumpel. Nur noch Bumm Bumm Bumm, genau wie aus den Radios, Bumm Bumm Bumm, Polit-Techno, immer dieselbe Rhythmik, im Gleichschritt Marsch!“

„Hör auf, du machst mich ganz geil.“

„Yeah, das ist der Rhythmus, wo man mit muss. Wir ziehen die Stöpsel aus ihren Gehirnen, lassen den Geist ablaufen, wir erschaffen ganze Gezeiten des Denkens. Und im Augenblick läuft er ab, der Geist, wie bei einer Ebbe, denn auf trockenem Grund kann man besser marschieren und kämpfen. Wir stellen sie auf die ausgelaugten Böden unserer Tatsachen, vernichten alle ihre Werte, zertreten alles Schöne, waschen ihnen den Kopf, machen aus ihren Kindern notgeile Sexsklaven unserer Dominaschulen und verkaufen das als Toleranz. Wir verteilen ihre Moneten um, bis sie nichts mehr haben und aufeinander losgehen.“

„Ich glaube, ich bin gekommen ...“

„Was, nur einmal? Ich schon mehrmals! Wir sind pervers, Darling, wir sind Psychopathen, wir sind krank, wir sind abartig, wir sind, Liebster, wir sind die Batteriesäure, die am kalten Stahl gigantischer, machtmathematisch zusammengeschweißter Kampfroboter hinunterläuft, die die Welt in Stücke hauen. Wir sind Herrscher, die anderen Herrschaft vorwerfen, machtgeile Böcke, die anderen Machtgeilheit vorwerfen, Asoziale, die von sozialer Gerechtigkeit reden – und sie kaufen uns auch diese Widersprüche noch ab!“

„Naja, wie sagte einer unserer Vorfahren so schön: Die Lüge muss nur groß genug sein, dann wird sie geglaubt. Mann, ich liebe dich!“

„Ich dich auch. Jetzt muss ich aber erstmal duschen.“


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