05. März 2014

Krim-Krise Vorteilhafte Trennung

Ein kurzer Blick auf die Geschichte

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Im Sommer 1939 glaubte Europa nicht an einen Krieg, obwohl dessen Vorboten deutlich zu sehen waren.

Die Illusion endete am 23. August, dem Tag des Hitler-Stalin-Paktes. Stalin gab Hitler seinen Segen für die Besetzung Polens. Der Weg für die Verwüstung des alten Europas war frei. Nicht nur die westliche Demokratie war unvorbereitet auf das, was dann kam, auch Polen war schon nach der ersten halben Stunde verloren, als seine Armee den deutschen Panzersturm bei Poznan nicht aufhalten konnte. Der polnische Staat brach endgültig zusammen, als kurz darauf die Rote Armee die andere Hälfte Polens besetzte.

An diesen strahlenden Septembertagen waren die Sowjets in Ostpolen durchaus willkommen. Man sah sie als Retter vor der drohenden Besetzung durch die Wehrmacht. Die Jugend, vor allem die jüdische, demonstrierte mit Bildern von Stalin und Puschkin. Man amüsierte sich über die Sowjetsoldaten, die eifrig versicherten, daheim gäbe es Brot, Milch und Honig im Überfluss und auf die skeptische Nachfrage: „Auch Kopenhagen?“ antworteten: „Ja, auch Kopenhagen, jede Menge!“.

Niemand ahnte, was der kommende Winter bringen würde.

Ostpolen war voll von Flüchtlingen. Manche hatten 600 Kilometer Fußmarsch hinter sich. Sie hatten zum Teil die von den Nazis unter der zurückbleibenden jüdischen Bevölkerung anrichteten Gräuel mit eigenen Augen gesehen. Trotzdem entschlossen sich eine halbe Million Menschen nach nur einem Vierteljahr Sowjetmacht, in das von den Nazis besetzte Gebiet zurückzukehren. Die Sowjetisierung Ostpolens begann damit, dass man Flüchtlinge mit ausländischen Pässen nicht ausreisen ließ. Dann verschwanden die Vertreter der polnischen Verwaltung. Sie wurden nicht nur von ihren Posten entfernt, sondern als Bevölkerungsgruppe liquidiert. Danach waren die polnischen Bauern an der Reihe, die auf dem parzellierten Land der Gutsbesitzer Landwirtschaft betrieben. Auch diese Familien verschwanden spurlos. Vorher standen die in ungeheizte Waggons getriebenen Menschen oft tagelang auf den Bahnhöfen. Die Eltern warfen ihre erfrorenen Kinder aus den Fenstern, bis die Züge endlich abgingen.

Es folgten die aktiven, beliebten, tonangebenden Leute aus den Dörfern und Kleinstädten: Lehrer, Anwälte, Bürgermeister, die örtliche Intelligenz. Nachdem das erledigt war, kam die jüdische Stadtbevölkerung an die Reihe. Sie wurde aus ihren Wohnungen vertrieben und in den verwaisten Dörfern angesiedelt, ohne ihr Hab und Gut mitnehmen zu können. Der NKWD holte stets nachts ab. Tagsüber war dann der Laden, in dem man gestern noch einkaufen konnte, mit Brettern vernagelt. In den Städten blieben hauptsächlich die jüdischen Flüchtlinge zurück.

Als nächster Schritt begann die systematische Zerschlagung der kulturellen Einrichtungen, die Sowjetisierung der Schulen. Zeitungen wurden eingestellt, Bibliotheken und Buchläden geschlossen. Es wurden Listen von verbotenen Autoren veröffentlicht, die ab sofort nicht mehr zur Kenntnis genommen werden durften. An den jüdischen Gymnasien durfte nicht mehr hebräisch gesprochen werden.

Im Frühjahr 1940 wurden alle polnischen politischen Organisationen und Einrichtungen aufgelöst. Die Führer wurden festgenommen, ab April 1940 „Zionisten“ zu mindestens acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Das alles geschah ohne Hass, aber auch ohne Mitleid. Es gab keine Möglichkeit, der Sowjetisierungsmaschinerie zu entkommen. Die ostpolnische Gesellschaft, die gewohnt war, ihre Regierung kritisch zu betrachten, die Autorität des Staates anzuzweifeln, sah sich mit einem Staatsterror konfrontiert, dessen Ausmaß und Gnadenlosigkeit sie auch dann kaum zu begreifen imstande war, als sie ihm ausgesetzt wurde.

Nach dem Verschwinden ihrer Elite wurde der verbleibenden Bevölkerung der Rückzug ins Private versperrt. Über Nacht wurde der Zloty aus dem Verkehr gezogen. In den Monaten zuvor hatte man die Menschen aufgefordert, ihre Ersparnisse sowjetischen Banken anzuvertrauen. Nun wurden diese Ersparnisse eingezogen. Ohne Mittel und nach Vernichtung aller freien Berufe war die Bevölkerung auf staatliche Stellen angewiesen. Arbeiter machten die Erfahrung, dass sie nach Schichtende nicht mehr nach Hause gehen konnten, sondern Versammlungen zu besuchen hatten. Dort mussten sie sich anhören, wie sehr sie unter der polnischen Regierung ausgebeutet worden waren, als ihr Lohn 60 Zloty betrug. Nun verdienten sie 180 Rubel, was 30 Zloty entsprach. Der Betrag reicht nicht mehr zum Leben.

Während die Polen ihre wachsende Verelendung beklagten und entsetzt auf den rapiden Niedergang ihres Lebensniveaus blickten, konnten die aus der Sowjetunion nach Ostpolen verbrachten Russen ihr Glück kaum fassen. Für sie war der immer noch vorhandene Restwohlstand märchenhaft. Wohnungen mit Radios und Grammophonen, Schränke voller Kleider und Schuhe, Speck und Fleisch auf dem Markt, zehnmal billiger als im Mutterland. Die Russen fielen dadurch auf, dass sie wahllos alles kauften, was verfügbar war. Das war möglich, bis der sowjetische Mangel auch in Ostpolen Einzug hielt. Spätestens dann hatte das Sowjetsystem keine Anhänger mehr in der Bevölkerung.

Man muss diese Hintergründe kennen, um zu begreifen, warum sich eine halbe Millionen, überwiegend jüdischer, Flüchtlinge im Sommer 1940 dazu entschloss, in das von den Nazis besetzte Polen zurückzukehren. Die andere Hälfte der eine Millionen Flüchtlinge nahm den sowjetischen Pass an. Sie wurde zwei Jahre später von den Nazis überrollt und liquidiert.

In der westlichen Geschichtsbetrachtung haben die nazistischen Gräuel die Schrecken und Verbrechen der Sowjetisierung Ostpolens in den Hintergrund treten lassen. Sie sind aber in Osteuropa nicht vergessen. Bis heute geht ein tiefer Riss durch das Kunstgebilde Ukraine. Es rächt sich, dass die Westeuropäer nie bereit waren, die schrecklichen Konsequenzen des Hitler-Stalin-Paktes wirklich zur Kenntnis zu nehmen. Deshalb machen EU-Politiker Forderungen auf, die „territoriale Integrität“ der Ukraine müsse um jeden Preis erhalten werden, statt es den Ukrainern zu überlassen, wie sie mit ihrem tief gespaltenen Land umgehen wollen.

Die Tschechoslowakei hat es vorgemacht, dass eine friedliche Trennung möglich und vorteilhaft ist. Statt Machtpolitik des 20. Jahrhunderts zu betreiben, sollten die EU-Politiker endlich die kulturelle Sensibilität an den Tag legen, die sie ständig im Munde führen. Sie sollten schleunigst ein paar Nachhilfestunden in Geschichte nehmen, bevor sie mit neuen Forderungen und Einmischungen die Situation weiter anheizen.

Vor allem sollte Stalin nicht das letzte Wort in Bezug auf die Ukraine haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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