04. März 2014

NSU Schalldämpfer oder nicht Schalldämpfer?

Vor Gericht gibt es neue Widersprüche zur Tatwaffe

Dossierbild

Der 25. Februar 2014 hätte ein erfolgreicher Tag für die Bundesanwaltschaft im Prozess gegen Beate Zschäpe werden können – wenn nicht ein Ermittlungsbeamter ein folgenschwere Aussage getätigt hätte.

In der Anklageschrift der Bundesanwaltschaft nimmt die mutmaßliche Tatwaffe, eine Ceska 83 aus einer streng limitierten Sonderanfertigung mit Schalldämpfer, einen bedeutsamen Platz ein. Sie ist derzeit der alles entscheidende Kleber, der einige der Mordtaten zusammenhält und mit den angeblichen Rechtsterroristen in Verbindung bringt. Fällt sie als Beweismittel aus, platzt womöglich der gesamte Prozess gegen Beate Zschäpe.

Gemäß der offiziellen Version soll der ehemalige Waffenhändler Franz Schläfli aus Bern die Ceska, zwei Tage zuvor von der Firma Jan Luxik erhalten, am 11. April 1996 an Peter Anton G. aus Steffisburg bei Thun im „Set mit Schalldämpfer“ für circa 1.000 Schweizer Franken verkauft und per Post an diesen versandt haben. Angeblich ungeöffnet habe Peter Anton G. das Päckchen dann an seinen Kumpel Hans-Ulrich M. weitergereicht haben, der es nach Deutschland gebracht und dort an den Kfz-Mechaniker Jürgen Lenger verkauft habe. Über Lenger soll die Waffe schließlich Andreas Schulz, den Mitinhaber des im 1995 eröffneten „Neonazi-Ladens“ Madley, erreicht haben. NSU-Kontaktmann Carsten Schultze soll dann die Ceska, gemäß einem Auftrag der beiden Uwes und nach einem Hinweis Ralf Wohllebens, im Madley käuflich erworben und schließlich an das Trio weitergereicht haben.

Am 25. Januar 2012 führte die Bundesanwaltschaft gemeinsam mit Beamten des Bundeskriminalamtes eine Razzia im Madley durch und verhörte dabei unter anderem auch Andreas Schulz. In seinem Beschluss vom 14. Juni 2012 (Az. AK 18/12) kommt der Bundesgerichtshof zu dem Schluss, Andreas Schulz habe bei diesen „Vernehmungen am 25. Januar und 9. Februar 2012 schließlich eingeräumt, eine Person, die er als Begleiter des Beschuldigten gekannt habe, habe von ihm 1999 oder 2000 die Beschaffung einer Pistole nebst Munition sowie ausdrücklich eines Schalldämpfers verlangt. Ein Bekannter namens L. habe ihm darauf für 2.000 DM eine Pistole, einen zugehörigen Schalldämpfer sowie etwa 50 Schuss Munition besorgt. Diese Gegenstände habe er gegen Zahlung von 2.500 DM in bar an den Begleiter des Beschuldigten weitergegeben.“

Wir halten fest: Gegenüber der Bundesanwaltschaft gab Andreas Schulz spätestens am 9. Februar 2012 zu Protokoll, eine Pistole mitsamt Munition und Schalldämpfer von Jürgen Lenger gekauft und anschließend an Carsten Schultze weitergegeben zu haben.

Zwei Jahre später, am vergangenen Dienstag, den 25. Februar 2014, hörte sich diese Geschichte etwas anders an. Gegenüber Richter Manfred Gölzl erläuterte ein Polizeibeamter, der an der Vernehmung vom 9. Februar 2012 beteiligt war, dass Andreas Schulz damals ausgesagt habe, eine „Waffe ohne Schalldämpfer“ an Carsten Schultze übergeben zu haben. Andreas Schulz habe „nicht eindeutig eine Ceska erkennen können. Er sagte, es wäre eine osteuropäische Waffe gewesen mit tschechischen oder kyrillischen Buchstaben. Dabei seien 50 Stück Munition aus Messing gewesen.“ So gibt der Prozessbeobachter und freie Journalist Jürgen Pohl die wichtige Aussage des Polizisten wieder.

Währenddessen lässt die gesamte Hauptstrompresse diese unter den Tisch fallen. „Spiegel“-Reporterin Gisela Friedrichsen schreibt lediglich: „Trotzdem habe S. bereitwillig ausgesagt und schließlich zugegeben, er habe für Wohlleben ‚die Scheißknarre besorgt‘: ein gebrauchtes tschechisches Fabrikat zum Preis von 2.500 Mark, mit 50 Stück Munition in einer Pappschachtel.“ Kein Wort verliert sie über den mysteriösen Schalldämpfer. Auch nicht ihr Kollege Frank Jansen vom „Tagesspiegel“, der lediglich feststellt: „Der Polizist hatte im Januar 2012 den früheren Skinhead Andreas S. vernommen, der nach einigem Hin und Her zugab, ‚ich habe dem die Scheiß-Knarre besorgt‘. Bei der Waffe handelte es sich mutmaßlich um die Pistole Ceska 83, mit der die NSU-Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun Migranten türkischer und griechischer Herkunft erschossen.“

Wer lügt also in puncto Tatwaffe? Hat sich der in der vergangenen Woche befragte Polizeibeamte schlicht geirrt oder schaffte es eine „Ceska mit Schalldämpfer“ als Lüge der Ermittler bis in die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft? Ob die aufgeworfenen Widersprüche jedoch jemals Wirkung entfalten werden, ist mehr als fraglich. Nicht nur Jansen und Friedrichsen erfüllen ihren Job mit Bravour. Die Presse wird bis zum Urteilspruch gegen Zschäpe und darüber hinaus nur das Nötigste, das Gewollte schreiben.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: NSU

Mehr von Henning Lindhoff

Über Henning Lindhoff

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige