15. Januar 2014

Kultur Versprachlosung

Uns hat die Evolution zur Sprache befähigt. Eigentlich.

„Elomen elomen lefitalominal / Wolminuscaio / Baumbala bunga / Acycam glastula feirofim flinsi“ Okay, okay. Ich erspare Ihnen die restlichen zehn Verszeilen; es geht so weiter. Bei dieser Buchstabensuppe handelt es sich um ein „Gedicht“ von Hugo Ball überschrieben mit „Wolken“. Ergüsse einer eigentlich heute längst bedeutungslosen Entgleisung des literarischen Kulturbetriebs zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Allein wegen der eingängig klangvollen Gattungsbezeichnung Dadaismus ist diesem Genre noch ein Quäntchen Erinnerung geblieben. Wobei man da heute aber eher an ein Synonym für gaga denkt, als dass sich noch jemand an irgendwelche Hintergedanken des Dadaismus erinnert, die es in beachtenswerter Form wahrscheinlich nie gegeben hat.

Das alles wäre wirklich nicht der Rede wert, wenn nicht Neuntklässler in bayerischen Gymnasien dazu aufgefordert sein würden, solche Sinnlosigkeiten einer marginalen Literaturblase in ihre Schulhefte zu übertragen und das Abgeschriebene dann als emotionalen Vortrag vorzubereiten. Und es wäre auch leichter verständlich, wenn von ihnen Gleiches schon zu Gedichten von Heine, Goethe, Schiller, Lessing oder Hölderlin gefordert gewesen wäre. Aber nein, allein Hugo Ball und seinen unsinnigen Kunstworten kommt diese Ehre zu. Als wären in Romantik, Sturm und Drang, Aufklärung und Klassik nicht auch Verse emotional rezitierbar. Die würden dann tatsächlich auch noch zusätzlich Sinn machen. Wir sind ja, mit Verlaub, keine Affen, die nur grunzen können, um ihre Gefühle mitzuteilen. Uns hat die Evolution zur Sprache befähigt. Eigentlich.

In der Tat lässt unsere Sprachbefähigung gravierend zu wünschen übrig. Die Begeisterung bayerischer Germanisten für Dada ist da wahrscheinlich nicht ursächlich. Aber Metapher. Die Pisa-Studie für Erwachsene, Piaac, hat unsere wachsenden Kommunikationsdefizite Ende letzten Jahres einmal mehr offenbart: 17,5 Prozent der Deutschen, also fast jedem fünften erwachsenen Bundesbürger, fehlen Basiskenntnisse im Lesen, so dass sie zum Beispiel aus einem kurzen Katalog mit ein paar einfachen Regeln nicht herausfinden können, bis wann ein Kind spätestens im Kindergarten sein sollte, obwohl gleich die erste Anweisung schlicht lautet: „Bitte sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind bis 10 Uhr hier ist.“

Für eine Kultur, die eben nicht auf „uga uga“ und „baumbala bunga“ baut, sondern elementar auf Sprache, ist das fatal. Die Philosophin Hannah Arendt sah in der Kommunikation, im Finden der rechten Worte für alles Zwischenmenschliche, die grundlegendste Form des Handelns, das eine Gesellschaft begründet und erhält. Sprechen ist im wahrsten Sinne des Wortes Ausdruck der individuellen Freiheit, die das Gemeinsame gestaltet. Die Ausdrucksfähigkeit in Wort und Schrift ist der Mörtel einer demokratischen Gesellschaft.

Wenn laut dem Rat für deutsche Rechtschreibung nur noch jeder fünfte Schüler in der neunten Jahrgangsstufe die (neue, vereinfachte) deutsche Rechtschreibung beherrscht und diverse Kultusminister auf solche Hiobsbotschaften mit der abstrusen Idee reagieren, dass man dann zum „Lernen“ gleich schreiben darf, wie man’s gehört hat und die Rechtschreibung gar nicht mehr korrigiert wird, dann zeugt das von der vorauseilenden öffentlichen Kapitulation vor diesen Herausforderungen der offenen Gesellschaft. Genauso wie klassische Schullektüren in gekürzter Form, vereinfachter Sprache und bebildert. Warum nicht gleich statt Schillers Glocke: „Loch in Erde / Bronze r’in / Glocke fertig / Bim Bam Bim“ – und ein Video dazu?

Dass inzwischen „RTL II-News“ die „Tagesschau“ bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern abgehängt hat, lässt erahnen, wie weit wir schon fortgeschritten sind in unserer zersetzenden Sprachlosigkeit. Emotionen statt Nachrichten. Grunzen statt Worte. „Elomen elomen lefitalominal / Wolminuscaio / Baumbala bunga“ und so weiter, statt: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht, / Ich kann nicht mehr die Augen schließen, / Und meine heißen Tränen fließen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Facebook-Blog Neues aus Absurdistan“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Gerd Maas

Über Gerd Maas

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige